weather-image

»Alle sind für die Bildung, keiner hat sie«

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Gut hinhören war bei Schnellsprecher Dietrich »Piano« Paul gefragt. Er saß bei seinem Auftritt in Berchtesgaden gar nicht so oft am Klavier. (Foto: Bittner)

Berchtesgaden – Kluges Kabarett zum Mitdenken genossen Lehrer, Schüler, ihre Eltern und Angehörige im Berchtesgadener Gymnasium: Dietrich »Piano« Paul reiste mit dem Zug aus München an, vergas seine Noten auf dem heimischen Flügel, raste aber dennoch zielgerichtet durch den Abend: Der latent nuschelnde Schnellsprecher forderte sein Publikum mit Formeln, Zahlen, Daten und Fakten, schob dazwischen Pointen sowie Gags im Sekundentakt und begeisterte mit sagenhaft geistreicher Fingerfertigkeit am Klavier: Das Mischen mehrerer klassischer Melodien – stets mit dem inkludierten »Happy Birthday«-Dauergag – offenbarte das ganze Können des 64-jährigen Niederbayern.


In der PISA-Studie ist Pauls Heimat – würde man die Regierungsbezirke einrechnen – vor zehn Jahren nur auf Rang 24 gelandet. »Das ist aber immer noch besser als Bremen, das auf Platz 54 zwischen Turkmenistan und Tadschikistan landete.« Dennoch habe er sich ins tiefste Oberbayern, das starker Achter wurde, gewagt. Bitter ist für ihn nur, dass Österreich auf Position sieben kam: »Jetzt können die nicht nur super Ski fahren, sondern sind auch noch intelligent. Das geht zu weit«, ärgerte sich Piano Paul. Der Musikkabarettist schwärmte von Hans-Joachim Kulenkampff, Rudi Carell oder Hans Rosenthal. »Das waren noch Zeiten«, ehe in den 1990ern mit »Tutti Frutti« der Verfall des deutschen Fernsehens begann. »Alle sind für die Bildung, aber keiner hat sie«, erklärte Piano Paul.

Anzeige

»Früher war alles analog und das ist intelligenter als digital«, freute sich der gebürtige Eggenfeldener über den Tageslichtprojektor auf der Bühne. Auf dem kamen seine selbst bekritzelten Folien bestens zur Geltung. Er machte keinen Hehl aus seiner Enttäuschung, den Watzmann bei dem Nebel nicht gesehen zu haben, und interpretierte in seinem zweistündigen Programm den Kanon neu, der für ihn langweilig sei. Darum intonierte er ihn selbst, alleine und mehrstimmig. Ob mit Mozart-, Bach-, Wagner- oder Beethoven-«Transformator« sowie moderneren Boogie-Woogie-Klängen, eingestreut stets das geläufig-naive »Happy Birthday«. »Ein vernünftiger Kanon hört sich wirklich gut an«, meinte Paul, im Gegensatz zum Anton aus Tirol. Dagegen sei Pythagoras, der Erfinder der harmonischen Musikintervalle, sein wahrer Held.

Albert Einstein und Max Planck befanden sich öfter auf Kreuzfahrtschiffen zwischen Hamburg und New York. Sie machten Musik und wurden von einem Kapitän gebeten, die Abendgestaltung zu übernehmen. »Was für Zeiten«, so Paul. »Das kann Ihnen heute nicht mehr passieren. Wenn Sie Glück haben, singt Helene Fischer, wenn Sie Pech haben, Roberto Blanco – oder umgekehrt.«

Piano Pauls Witz entspringt aus einer tiefen Liebe für die Musik. »Er trifft immer ins Schwarze, nicht nur bei den Tasten«, schrieb einst der Münchner Merkur über den promovierten Mathematiker. Seine Sprache ist nicht weniger ausgefeilt: Im zweiten Teil des Abends unter dem Motto »Butter bei die Fische« spielt er Beethoven nicht nur für Elise, sondern für Elisen: »Rettet dem Dativ«, ruft er in den Saal und legt am Klavier virtuos los. Zuvor rechnete er noch im Jugendslang: »Zwei Birnen und fünf Äpfel ergibt sieben Obst.«

Dieter »Piano« Paul machte sich in Berchtesgaden über Geländewagen lustig (»Die braucht kein Mensch«) und veräppelte die Presse, die weder rechnen (»14 minus sieben gleich 100 Prozent weniger«) noch schreiben (»Vier von drei Deutschen können nicht rechnen«) kann und grundsätzlich Astronomie mit Astrologie verwechsle.

Der Abend war vom Schülerforschungszentrum (SFZ) organisiert worden, der Eintritt war frei. Dafür baten die Organisatoren um SFZ-Leiterin Prof. Claudia Kugelmann und Geschäftsführer Christoph Geistlinger, der den Abend moderierte, um Spenden. Piano Paul bekam Berchtesgadener Kunsthandwerk geschenkt: Eine Flasche Rotwein wäre ihm nach eigener Aussage lieber gewesen. Doch er nahm's nicht krumm, gab zwei Zugaben, verbeugte sich artig und trat so unscheinbar wie er gekommen war wieder von der Bühne. Hans Bittner

Italian Trulli