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"Alles, was zählt, ist das Menschenleben"

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Für die Ramsauerin Bärbel Vogel, Vorsitzende des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher, zählt allein das Menschenleben, um das es beim Großeinsatz im Untersberg geht. Foto: Anzeiger/Pfeiffer

Berchtesgaden – Endlich mal durchatmen. Bärbel Vogel, Vorsitzende des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher aus der Ramsau, wirkt geschafft. Die letzten acht Tage waren arbeitsreich. Jeden Tag war die Höhlenforscherin in der Einsatzzentrale bei der Feuerwehr Berchtesgaden und wirkte dort vor allem als Ansprechpartnerin, etwa für jene ausländischen Experten, die sich aktuell in der »Riesending«-Schachthöhle im Untersberg befinden, um das Leben des verletzten Höhlenforschers zu retten.


Schon seit vielen Jahren ist Bärbel Vogel in Höhlen unterwegs. Im Berg zu sein, übe Faszination aus, »das ist eine andere Welt, die man betritt.« Vielfältig sei diese, »absolutes Neuland«, das sowohl in geologischer, hydrologischer, klimatologischer als auch in archäologischer Hinsicht interessant sein könne. Heutzutage ist Vogel zwar nicht mehr als Forscherin unter Tage, sondern nur noch aus privatem Antrieb. »Es gibt jüngere und fittere Kollegen, die bei der Rettung im Untersberg aktiv sind«, sagt sie.

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Ihr Steckenpferd ist der Höhlenschutz. Das hat nichts damit zu tun, Höhlen vor der Allgemeinheit zu verschließen. Vielmehr geht es um die Welt im Inneren, denn dort drin gibt es mehr Leben als man annimmt. Biospeläologie nennt sich die Erforschung des Lebens in Höhlen und der damit verbundenen ökologischen Zusammenhänge. Allein in Deutschland sind etwa 3 000 Tierarten bekannt, regelmäßig kommen neue hinzu.

Doch hat sie den Höhlenschutz derzeit hintan gestellt. Was aktuell zählt, »ist ein Menschenleben«, sagt die groß gewachsene Frau. »Unser Freund muss gerettet werden«, so Vogel. Und dafür gibt sie alles, wenngleich sie auch nicht aktiv an der Bergung beteiligt ist. Doch sei die Rettungsmaßnahme sowieso eine Gruppenleistung, ein unvorstellbar aufwendiger Akt, perfekt durchorganisiert. Ein bisschen überrascht scheint Bärbel Vogel deshalb schon, denn Erfahrungswerte in einer so groß angelegten Rettungsaktion hatte kaum einer der Beteiligten.

Momentan befinden sich rund 60 Einsatzkräfte in der Höhle, die den Verletzten derzeit über viele hundert Meter nach oben befördern: komplizierte Seilkonstruktionen müssen sie überwinden, kilometerlang verlegt, glitschige Felsen gilt es zu erklimmen, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 98 Prozent, es ist stockdunkel, nur das Licht der Stirnlampen erhellt die bedrohend nah wirkenden Felswände.

Bärbel Vogel befürchtet, dass infolge des »gewaltigen Medieninteresses« einige sensationsgierige Gäste den Höhleneingang auf dem Untersberg aufsuchen könnten. »Der Eingangsbereich ist durch die Berichterstattung bekannt geworden. Da müssen wir uns nun Möglichkeiten überlegen, ungebetene Gäste von der Höhle fern zu halten.« In der Tat scheint das Bedenken groß zu sein, dass es Neugierige gibt, die sich ohne Expertenwissen in Gefahr begeben. Und diese ist in der Tat groß: »Es gibt viele lange, tiefe Schächte, die ohne Ausrüstung und das nötige Wissen nicht befahren werden können«, sagt Vogel. Auch Landrat Georg Grabner hat sich bereits in der Öffentlichkeit Gedanken drüber gemacht, wie man den Höhleneingang schützen könnte. Höhlentouristen brauche man dort nicht, meint Vogel.

Aber zunächst ist es die Rettung, um die sich alles dreht. Der Höhlenforscher, der durch einen Steinschlag ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte, werde von allen Seiten unterstützt. Zahlreiche Teams sind im Berg, alle Hubschrauberflüge der letzten Tage gelten allein der Rettung des 52-Jährigen. »Das ist eine Ausnahmesituation«, sagt Bärbel Vogel, sie verstehe aber, dass sich so mancher vom Fluglärm gestört fühle. Trotzdem lässt sie nichts auf den Einsatz und die vielen ehrenamtlich agierenden Retter kommen: »Hier geht es um ein Menschenleben.« Zudem gelte für die Einsatzkräfte und den Verletzten im Berg kein gewöhnlicher Tag- und Nachtrhythmus. »Wenn in der Höhle etwas gebraucht wird, wird geflogen«, sagt Vogel. Da spielt es dann keine Rolle, ob es früher Nachmittag oder kurz nach Mitternacht ist.

Große Anerkennung zollt sie all jenen, die die Beteiligten unterstützen. »Kürzlich kam in der Einsatzzentrale eine Frau vorbei, die uns einen Erdbeerkuchen mitbrachte«, weiß Vogel, leicht gerührt. »Mein Dank gilt allen, die uns hier vor Ort unterstützen, nur gemeinsam können wir diese logistische Meisterleistung vollbringen.« Man merkt, dass ihr die letzten Tage zu schaffen gemacht haben. Obwohl sie seit 18 Jahren im Vorstand des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher ist, hat sie vergleichbare Tage noch nie erlebt. Umso zufriedener zeigt sie sich als Vorsitzende des Verbandes mit seinen sechs Landesverbänden und 102 Vereinen, dass die europäische Zusammenarbeit so hervorragend klappe. Deutsche, Schweizer, Österreicher, Italiener und nun auch Kroaten seien in die Rettungsmaßnahme eingebunden. Bislang befindet sich das große Team auf einem guten Weg. Zurück ans Tageslicht. Kilian Pfeiffer