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Als die Welt zusammenbrach

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Irmgard Hunt las im Rahmen der Reihe »Obersalzberger Gespräch« aus ihrem Buch »Als die Welt zusammenbrach«. (Foto: Plenk)

Berchtesgaden – Direkt unterhalb von Adolf Hitlers Berghof ist Irmgard Hunt am Obersalzberg aufgewachsen und erlebte dort die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Erinnerungen an die besonderen Umstände auf dem Obersalzberg schrieb sie in ihrem Buch »Als die Welt zusammenbrach« nieder. Riesengroß war das Interesse am Mittwochabend, als Irmgard Hunt auf Einladung des Verlags Anton Plenk und des Instituts für Zeitgeschichte im Rahmen der Reihe »Obersalzberger Gespräch« aus ihrem Werk las. Fast 100 Interessierte fanden sich ein, um der ehemaligen Berchtesgadenerin, die mit Mädchennamen Irmgard Paul hieß, zuzuhören.


Albert Feiber, stellvertretender fachlicher Leiter und Kurator der Dokumentation Obersalzberg, betonte in seiner Begrüßung die Wichtigkeit von Zeitzeugengesprächen, um verstehen zu können, wie die Politik Hitlers das Leben ganz normaler Menschen veränderte und durchdrang. Selbst scheinbar banale Gegenstände und Nebensächlichkeiten fügen sich so zu einem Puzzle, das verdeutlicht, wie Menschen die NS-Zeit erfahren haben. Irmgard Hunt zeige am Beispiel ihrer Familiengeschichte, wie die NSDAP die Gesellschaft verführte, an sich band und veränderte. Auch die neue Dauerausstellung der Dokumentation Obersalzberg wolle die Geschichte der NS-Zeit mit konkreten Beispielen erklären. In diesem Zusammenhang erinnerte Feiber an die Bitte der Dokumentation, ihr Fundstücke aus der Zeit des Nationalsozialismus für die Dauerausstellung zur Verfügung zu stellen.

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Nach den Worten von Verleger Anton Plenk sei das »Werk 34« bewusst als Veranstaltungsort ausgewählt worden, »weil die Gräuel des Krieges immer mehr vergessen werden und es besonders für junge Menschen wichtig ist, sich dessen bewusst zu sein«. Im Frühling 2016 hatte der Verlag nach schwierigen Verhandlungen die Stoff- und Übersetzungsrechte des Buches »On Hitlers Mountain – Overcomming the Legacy of a Nazi Childhood« erworben. 2005 bereits war die Originalausgabe in New York erschienen, welche sogar ins Japanische übersetzt wurde. Nach einigen Korrekturen und Gesprächen mit Irmgard Hunt Hunt erschien der Titel »Als die Welt zusammenbrach – Meine Kindheit am Obersalzberg« Ende des Sommers 2016.

Irmgard Hunt stellte sich den Besuchern kurz vor. Sie wurde 1934 in Berchtesgaden, unweit von Hitlers Wohnsitz und des Machtzentrums der Naziherrschaft am Obersalzberg, geboren. Zwei ihrer damaligen Freundinnen – Wiebke und Bärbel Molsen – waren auch unter den Zuhörern. Ihnen hat Irmgard Hunt in ihrem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet, und wenn sie heute an das Kriegsende denkt, hat sie noch das Bild vor Augen, wie sie und ihre Freundinnen ausgelassen tanzten, obwohl der Krieg verloren war. Durch solche kurzen Einblicke wurde verständlich, wie sehr die Erinnerungen an den Obersalzberg bei Irmgard Hunt haften blieben.

Ihre Eltern hatten Hitler in der Hoffnung auf ein besseres Leben gewählt, doch dessen Versprechen brachten nur eine kurze Zeit bescheidenen Wohlstand. Bald schon brachen mit den Kriegsjahren in die idyllische, heile Bergwelt Angst und Schrecken herein. Die junge Irmgard wurde zum Kriegskind, das den Verlust des Vaters erleiden musste. Sie war Trost für die trauernde Mutter, musste Hunger und Entbehrungen ertragen. In ihrer Schule füllten Kinder von Flüchtlingen die Klassen und sie lernte hautnah das Elend der aus den zerbombten Städten evakuierten und in Baracken untergebrachten Menschen kennen. Ebenso die schwer verwundeten Soldaten, die zur Erholung nach Berchtesgaden geschickt wurden. Täglicher Fliegeralarm und die Besorgung der raren Lebensmittel bestimmten den Tagesablauf. Hunt erzählte in berührender Weise Ereignisse, die sich ihr eingeprägt haben, ergänzte diese durch Aussagen von Familienangehörigen, Verwandten und Freunden. Sie mahnte zu Wachsamkeit, damit so etwas nie wieder passieren kann.

Einige für sie wichtige Passagen las Irmgard Hunt vor, zum Beispiel die Machtergreifung 1933, die darauffolgende Gleichschaltung und der Überfall auf Polen im September 1939. Chronologisch erzählte sie vom Leben am Obersalzberg bis zur Befreiung am 4. Mai 1945 und der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945.

Die Intention zum Verfassen ihres Buches kam Irmgard Hunt nach eigenen Worten erst 2005, als sie bemerkte, dass niemand die damaligen Umstände der deutschen Mittelschicht studieren und beschreiben wollte. Das lag daran, dass die Verluste im Vergleich zu den verfolgten Juden und allen anderen Opfern verschwindend gering waren. Erst als G. W. Seewald 2004 eine Geschichte zum Feuerbrand in Dresden im prominenten »New York Magazine« veröffentlichte, stieg das Interesse an. Bis zu dieser Zeit hatte niemand über die durchschnittliche, schwer arbeitende, nicht kriminelle Familie, wie die ihre, geschrieben.

Nach der Lesung beantwortete Irmgard Hunt noch zahlreiche Fragen und beendete den Abend mit einer Mahnung: »Meine lieben Zuhörer. Zum Abschluss möchte ich versuchen, Ihnen noch stärker bewusst zu machen, wie entscheidend und elementar es für uns alle ist, dieses Leben in Freiheit und Frieden zu leben. Es stimmt, dass Freiheit und Demokratie von jeder Generation aufs Neue erarbeitet und verteidigt werden müssen. Sogar 72 Jahre nach Kriegsende ist es für Deutschland, die USA und alle freien Länder noch nicht selbstverständlich. Ohne unsere Beteiligung, liebe Zuhörer, ist es unmöglich.« A.P.