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Als Vorspeise gibt es heute: »Ameisen«

Berchtesgaden - Günther Schödel war bereits vieles in seinem Leben. Jurist, Volkswirt, Kriegsgefangener und Botschafter in Peking. Aber als Koch hat sich der ehemalige Diplomat - zumindest beruflich - noch nie versucht. Umso erstaunlicher, dass der 91-Jährige sich mit seiner Frau Erika Schödel dazu bereit erklärt hatte, am Samstag im »Werk 34« einen Kochkurs zu veranstalten. Dabei gab es nicht nur zu erfahren, wie das Gericht »Tofu der pockennarbigen Schwiegermutter« zubereitet wird, sondern auch manche Eigenart über die Chinesen.

Werkeln mit dem Wok im »Werk 34«: Erika Schödel (l.) und ihre Schüler: Fotos: Anzeiger/Voss
Eine Frage der Haltung: Ex-Botschafter Günther Schödel zeigt, wie man mit Stäbchen isst.

Im »Wohnzimmer« des Mehrgenerationenhauses sind zwei lange Tafeln aufgestellt. Neben feinem chinesischen Porzellan befinden sich darauf Schalen mit gesalzenen Erdnüssen und Gurkenhäppchen. Die 19 Kochschüler schlürfen bereits schwarzen und grünen Tee aus kleinen Tassen, während sie aufmerksam dem Vortrag von Günther Schödel lauschen. Der 91-Jährige ist für sein Alter erstaunlich fit und erzählt, vor einer China-Landkarte stehend, seine Erfahrungen aus dem »Reich der Mitte«.

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»Die chinesische Küche bestand früher fast nur aus Reis, man aß ihn morgens, mittags und abends«, weiß Schödel. »In den 70er-Jahren war Peking schon völlig im Smog versunken, weil alle armen Leute zur selben Zeit ihr Feuer mit einem Kohlengrus für das Reiskochen angezündet hatten.« Deshalb habe es schon damals einen so ungesunden Nebel gegeben, dass man kaum leben konnte. Heute liege es daran, dass die Bevölkerung in Peking bei 18 Millionen liegt und elf Millionen davon Autos haben. »Es hat sich leider nichts geändert, die Regierung ist fast machtlos«, klagte der Ex-Botschafter.

Selbstverständlich geht es an diesem Nachmittag nicht nur ums Kochen. Aber das Ehepaar Schödel hat trotz mangelnder Erfahrung als Kochlehrer alle Register gezogen, um seine Sache gut zu machen. Seien es Bretter und Hackmesser, Woks oder Stäbchen, alles haben sie selbst mitgebracht. Die Lebensmittel wurden vom Rotary-Club Bad Reichenhall gespendet, um die beiden Mitglieder bei ihrem Kochkurs zu unterstützen.

Sieben Gänge stehen auf dem Plan. Da aber in der chinesischen Küche viel Gemüse gekocht wird, müssen die wissbegierigen Männer und Frauen erst einmal schnippeln, was das Zeug hält. Dabei fällt einer Sitznachbarin ein kleines Gefäß auf dem Tisch auf, bestehend aus Elfenbein. Die Teilnehmer halten es für einen Salzstreuer. Doch der Diplomat weiß es besser: »Das ist, wie so vieles in China, nur für Männer. Es handelt sich um einen kleinen Zikadenkäfig. Die Männer haben sich quasi eine Grille als Haustier gehalten. Diese packten sie in dem Käfig in die Jackentasche, damit das Tier im Winter nicht erfriert, und erfreuten sich an dem gelegentlichen Zirpen. Das war für sie ein edler Genuss.«

Der Hauptbestandteil der Gerichte, den die Teilnehmer zubereiten, ist Reis. Erika Schödel hat den thailändischen Duftreis bereits vorgekocht und warmgehalten. Das erste Gericht heißt auf Deutsch »Ameisen klettern auf einen Baum« und besteht aus Hackfleisch mit Glasnudeln, im Wok zubereitet und mit Ingwer sowie Koriander gewürzt. Jeder hat eine eigene kleine Schale, in der man alle sieben Gänge isst. Der Geschmack der original chinesischen Küche ist zwar nichts für jedermann, aber erfrischend exotisch. Es folgen ein Gemüsewok und Geschnetzeltes vom Rind.

Es sei erwähnt, dass Erika Schödel zumeist hinter dem Herd steht und den Schülern die Gerichte erklärt. Ihr Mann sitzt am kurzen Ende eines Tisches und genießt ein Glas Bier. Als es dann aber um seine berühmten Garnelen geht, ergreift der ehemalige Botschafter das Wort und den Kochlöffel. Mit Knoblauch, Erdnussöl und Frühlingszwiebeln zubereitet sind diese ein echter Gaumenschmaus.

Jedoch kann man nicht leugnen, dass es einen enormen Unterschied zwischen Chinarestaurants in Deutschland und der chinesischen Landesküche gibt. Aber warum ist das so? Der ehemalige Botschafter kennt die Antwort: »Das, was wir hier in Deutschland beim Chinesen essen, hat meist vietnamesische Wurzeln. Der Grund ist, dass früher an den Küsten Europas unendlich viele vietnamesische Flüchtlinge angespült wurden, sogenannte »Boat people«, die mit winzigen Booten aus ärmlichsten Verhältnissen geflohen sind. Um sie in die Gesellschaft zu integrieren, ließ man sie in den Küchen arbeiten. Auch, wenn sie keine ausgebildeten Köche waren, so waren deren exotische Gerichte bei den Europäern sehr beliebt.

Auch gehört es in China zum guten Ton, beim Essen zu schlürfen und zu rülpsen. Was bei uns nicht gerade als sittlich gilt, zeigt dem chinesischen Gastgeber, dass es einem schmeckt.

Zum Menü gehört es sich traditionell auch, dass man die Suppe ziemlich am Schluss isst. Erika Schödel bereitet eine »Silberohrensuppe« zu, die jedoch sehr gewöhnungsbedürftig schmeckt. Silberohren sind chinesische weiße Baumpilze, die es getrocknet zu kaufen gibt. Eingeweicht und in der Suppe schmecken sie wie dünner Knorpel, schwer zu kauen und geschmacklos. Sie bilden die Einlage in einer einfachen Brühe. Um Einiges besser schmeckt der Nachtisch: eingelegte Lychees. Auch wenn alle nach sieben Gängen bereits kurz vor dem Platzen sind, die süßen Früchtchen schmecken nicht nur. Sie bilden zusammen mit einem Glas hochprozentigem, chinesischem Hirseschnaps den perfekten Abschluss eines lehrreichen und interessanten Kochkurses. Annabelle Voss