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An den Rändern der Romantik

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Das Trio »triple strings« aus München sorgte für einen fulminanten Konzertabend im Schönhäusl in Berchtesgaden. (Foto: Merker)

Berchtesgaden – Vielleicht zum letzten Mal konnte der Kulturkreis Berchtesgaden einen Konzertabend im Schönhäusl veranstalten. Ein eventuell bevorstehender Verkauf des Hauses lässt die inzwischen zur Tradition gewordenen voradventlichen Konzerte in Zukunft unsicher werden. Eingeladen war das Trio »triple strings«, das einen wunderbaren Schlussakkord setzte.


Die drei Saiten, die »triple strings«, bestehen aus Amy Park, Violine, Eleanor Kendra James, Viola, und dem Leiter des Trios, Hendrik Blumenroth, der von seinem Violoncello aus die Fäden in der Hand hält. Alle drei studieren derzeit an der Musikhochschule in München und gewannen 2010 den 1. Preis des Kulturkreises Gasteig. Ins Schönhäusl hatten sie Romantisches mitgebracht.

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Im ersten Teil des Konzertes spielten sie zwei Werke von Franz Schubert, also Werke, die der frühen Romantik zuzurechnen sind. Das Streichtrio in B-Dur, Deutsch-Verzeichnis 471, blieb unvollendet, nur den ersten Satz hat Schubert fertig komponiert. Dieses Allegro spielte das Trio mit jugendlicher Verve und genau darin lag das Problem. Zu zügig gespielt, konnte sich die Musik nicht richtig entfalten und etwas mehr Breite hätte dem Stück gutgetan. Manchmal braucht Schubert so ein klein wenig Lethargie, um seine Wirkung zu entfalten. Auch bei den ersten beiden Sätzen des Trios in B-Dur, Deutsch-Verzeichnis 581, waren die Tempi etwas zu hoch. Schubert hat gerade das richtige Maß an intellektuellem Tiefgang und angenehmer Schönheit in dieses Stück gepackt, das ganz ohne kompositorische Spitzfindigkeiten auskommt. Gerade der zweite Satz ist von einer »akademischen« Klarheit, die nie den Verdacht aufkommen lässt, hier wolle einer manipulativ etwas hineinkomponieren, was gar nicht vorhanden ist. Und dann kam der dritte Satz und plötzlich zeigte das Trio eine unglaubliche Präsenz. Hier waren sie ganz bei sich und bei Schubert.

Das ohnehin sehr lobenswerte Zusammenspiel wurde noch exakter und noch einheitlicher. Die schnelleren Stücke lagen dem Trio bei Schubert eindeutig mehr. Es war schon herauszuhören, zu was diese jungen Musiker fähig waren. Stellenweise blitzte diese unglaubliche präzise Klarheit auf.

Fantastisch dann nach der Pause das Intermezzo für Streichtrio des Ungars Zoltán Kodály. Kodály hat das Stück 1905 komponiert und es ist am Ende der Romantik anzusiedeln, am allerletzten Ausläufer, wenn man so will. Zunächst muss festgestellt werden, dass es ein herrliches Stück ist, das seine ungarische Herkunft nicht verleugnet. Immer wieder sind folkloristische Anklänge zu hören. Als Allegro serioso, non troppo ausgewiesen, beinhaltet es einiges an Emotion.

Genau diese verband sich mit dem Spielgefühl des Trios und vereinigte sich zu einer Einheit, die hörenswert war. Das, was sich bei Schuberts drittem Satz ankündigte, brach sich hier Bahn. Auf dem gleichen Niveau dann die Serenade in C-Dur von Ernst von Dohnanyi. Anders als sein Landsmann Kodály verzichtet Dohnanyi gänzlich auf Folkloristisches. Seine Musik ist das, was man »offensichtlich« nennen könnte. Gerade im zweiten und dritten Satz wird sie von einer wissenschaftlichen Definiertheit bestimmt, die das Thema richtiggehend erforscht. Das Trio liebt offensichtlich dieses Stück und das Stück liebt die Musiker. Schließlich schlägt der vierte Satz mit seinen erzählerischen Momenten eine Brücke zu den heutigen Hörgewohnheiten. Das 1903, am Anfang des 20. Jahrhunderts, komponierte Stück zeigt einen möglichen Weg in dieses Jahrhundert hinein, der aber, wie man heute weiß, nicht begangen wurde, sondern sich ins Groteske und Grausame entwickelte. Diese Musik entwirft Möglichkeiten, die nicht genutzt wurden und die heute vielleicht nicht mehr zur Verfügung stehen.

Dass das Trio für Überraschungen gut ist, zeigte die Zugabe. Max Reger, ein Andante-Satz von ihm, ist nicht das, was man als klassisches Zugabenstück bezeichnen würde. Hier entwickelten die drei Musikerinnen und Musiker eine unprätentiöse Getragenheit, die man beim Schubert vermisst hatte. Das Stück ist vielschichtig und komplex, doch durch das harmonische Zusammenspiel schufen sie einen klaren roten Faden. Der begeisterte Applaus im bis auf den letzten Platz besetzten Schönhäusl war mehr als verdient. Christoph Merker