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An den »Rand der erkennbaren Wirklichkeit«

Berchtesgaden – Für Wissenshungrige und Musikbegeisterte gab es am Samstag ein besonderes Schmankerl im Salzbergwerk. Sie konnten sowohl einen spannenden Vortrag des bekannten Physikers Dr. Harald Lesch hören als auch die »Gaya-Weltmusik« erleben. Nicht nur das: Eine Übernachtung im Heilstollen war inklusive. Bevor der aus dem Fernsehen bekannte Physik- und Philosophie-Professor seinen Vortrag mit dem Titel »Der blaue Diamant« hielt, gab er dem »Berchtesgadener Anzeiger« ein exklusives Interview.

Professor Dr. Harald Lesch ist Physiker und Natur-Philosoph und unterrichtet an der LMU München. Einem breiten Publikum ist er aus verschiedenen Fernsehsendungen wie »Abenteuer Forschung« und »Leschs Kosmos« bekannt. Foto: LMU München
Der Vortrag »Der blaue Diamant« von Professor Harald Lesch im Heilstollen wurde untermalt von den exotischen Klängen der »Gaya-Weltmusik«. Foto: Anzeiger/Voss

Professor Lesch, waren Sie schon einmal im Salzheilstollen?

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Harald Lesch: Nein, aber ich war schon einmal im Salzbergwerk. Früher war ich als Volltourist auch schon in Ramsau und in der Schönau.

Ihr Vortrag trägt den Titel »Der blaue Diamant«. Worum geht es da eigentlich?

Lesch: Im ersten Teil geht es darum: Wie ist das Sonnensystem überhaupt entstanden? Dazu gibt es ein paar ganz neue Vorstellungen, wie das gewesen sein muss. Das Sonnensystem ist aus einer Supernova-Explosion entstanden, aus einem Stern, der 25 Mal so schwer war wie die Sonne. Das ist die Idee. Woher weiß man das? Aus der Analyse der Meteoriten. Daraus schließt man, dass kurz vor der Entstehung des Sonnensystems so eine Sternexplosion stattgefunden hat. Es gibt viele neue Erkenntnisse, die zeigen, dass es ein Wunder ist, dass unsere Sonne überhaupt Planeten hat. Im nächsten Teil geht es um das Thema: Wie ist die Erde entstanden? Nämlich aus einem Zusammenstoß vieler Staubteilchen. Wobei das Problem darin besteht, wie eigentlich Brocken so groß wie ein Haus aufeinandertreffen konnten, ohne kaputt zu gehen. Es ist ein sehr unverstandenes Thema, wie aus so kleinen Staubteilen so ein großer Planet werden kann wie unserer. Und zum Schluss geht es um die Entstehung des Mondes. Denn die Ur-Erde hat einen Einschlag erlebt, von einem Körper mindestens doppelt so schwer wie der Mars. Dieser Körper ist zerrissen worden und hat seinen Eisen-Kern in den Eisenkern der Erde gelegt. Aus dem Material, das so aus der Erde herausgeschlagen worden ist, ist im Abstand von 24 000 bis 30 000 Kilometern Entfernung der Mond entstanden. Der Mond stabilisiert die Rotationsachse der Erde, ohne ihn würde sie »schlabbern«. Damit hätten wir entweder totale Hitze oder der Planet würde einfrieren.

Sie haben es als Wunder bezeichnet, dass die vorhandenen Gegebenheiten überhaupt existieren. Glauben Sie, dass die Entstehung unseres Sonnensystems und der Erde ein Zufall ist?

Lesch: In der Tat sind die anfänglichen physikalischen Prozesse schon sehr bemerkenswert. Wenn man die zum ersten Mal hört, glaubt man sofort: Oh, das ist ja eine Aneinanderreihung ganz günstiger Umstände gewesen. Und so kann man es auch bezeichnen. Was man nachher in der Deutung daraus macht, ist eine andere Frage. Als Naturwissenschaftler bin ich natürlich zunächst der naturwissenschaftlichen Methode verpflichtet. Ich habe eine Theorie und die kann ich, wenn alles gut geht, überprüfen. Da geht es nicht um irgendwelche mystischen Deutungen, auch nicht um religiöse Fragen. Sondern: Was können wir tatsächlich über die damaligen Vorgänge wissen? Es war ja schließlich keiner dabei. Es ist ein bisschen wie bei einem Kriminalfall. Man hat ein Indiz und will wissen: Wer war der Täter? Also wir sind eigentlich so etwas wie Forensiker.

Sind Sie als Naturwissenschaftler auch religiös?

Lesch: Ich bin protestantischer Christ. Damit habe ich noch nie Probleme gehabt. Als Naturwissenschaftler bin ich genauso ein Handwerker wie ein Schuster zum Beispiel. Physik ist ein Handwerk zur Weltbeschreibung, zweifelsohne ein sehr mächtiges. Die Wissenschaft sagt mir aber nicht, wie ich die Welt um mich herum zu deuten habe und sie gibt mir auch keine Anleitung, wie ich mein Leben zu leben habe. Schon gar nicht kann sie bei der Sinnsuche behilflich sein. Und die Vermutung bei der Entstehung der Welt liegt schon nahe: Meine Güte, das sieht ja sehr gewollt aus. Wir sind sehr wohl aufgehoben in dieser schönen Welt. Aber es fordert uns als einzige Lebewesen mit (Selbst-)Bewusstsein. Das heißt, wir wissen, was wir tun und haben automatisch die Verantwortung für diesen Planeten.

Ihre Fachgebiete sind kosmische Plasmaphysik, schwarze Löcher und Neutronensterne. Was fasziniert Sie gerade an diesen Forschungsbereichen?

Lesch: Das ist ganz einfach: Es ist der Rand der erkennbaren Wirklichkeit. Das sind die Grenzbereiche der möglichen Form von Materie im Universum. Wenn ein Stern zu schwer wird, wird er irgendwann zum schwarzen Loch. Ein schwarzes Loch ist eine ziemlich perverse Sache. Das Material, das da hineingerät, ist einfach weg, futsch, aus. Wir können gar nicht wissen, was damit passiert, obwohl viele Bücher darüber geschrieben werden. Und ein Neutronenstern ist die letzte Raststätte auf der Autobahn zum schwarzen Loch. Man muss sich das mal vorstellen: Ein Stern wie die Sonne mit einem Radius von 700 000 Kilometern und 333 000 Erdmassen schrumpft zusammen auf einen Radius von zehn Kilometern. Was für eine Dichte muss das Zeug haben. Stellen Sie sich einen Würfelzucker vor, der so schwer ist, wie alle Menschen zusammen.

Hier endet ja bei normalen Menschen das Verständnis.

Lesch: Man muss ja sagen, ich arbeite pausenlos mit Zahlen. Die Mathematik ist für uns das Fenster in Welten, für die wir gar keine Form von Anschauung mehr haben. Genauso ist es mit den Zeiten, von denen ich gesprochen habe. Vor Milliarden Jahren ist das Sonnensystem entstanden. Uns fallen ja schon ein paar Hundert Jahre schwer. Oder können Sie sich vorstellen, dass wir uns im Jahre 1913 rumtreiben? Das heißt, wir haben mit der Mathematik die Möglichkeit, uns in Teile der Welt hineinzuversetzen, die uns keine andere Sprache liefert. Ich unterrichte ja nicht nur Physik, sondern auch Philosophie an der Hochschule. Aus einem einfachen Grund: Ein alter Traum von mir ist, so viel wie möglich an Wissen zu sammeln.

Apropos Philosophie: Welche grundlegenden Fragen der Welt werden denn innerhalb der nächsten zehn Jahre geklärt werden können?

Lesch: Was auf jeden Fall in der Astronomie innerhalb der nächsten zehn Jahre passieren wird: Wir werden einen Planeten um einen anderen Stern herum finden, der in dem richtigen Abstand um diesen Stern kreist. Wenn es uns gelingt, die Atmosphäre dieses Planeten zu untersuchen, werden wir wissen, ob wir alleine im Universum sind oder nicht.

Was bereitet Ihnen denn persönlich am meisten Kopfzerbrechen?

Lesch: Da werden Sie lachen: Das hat überhaupt nichts mit Astronomie zu tun. Da geht's um die Frage, warum wir uns in Deutschland so heftig dagegen wehren, die Energiewende durchzusetzen. Ich bin ziemlich enttäuscht darüber, dass die Bundeskanzlerin bei der EU das ganze Geschehen um die CO2-Abgasnorm gebremst hat. Annabelle Voss