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Analysen im Konjunktiv

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Seit Jahrzehnten ein Garant für politisches Kabarett: Bruno Jonas. (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – Was tun, wenn sich das Richtige falsch und das Falsche richtig anfühlt? Brauchen die deutschen Panzer eigentlich eine blaue Dieselumweltverträglichkeitsplakette? All das waren Fragen, die Bruno Jonas am Donnerstagabend den 400 Zuhörern stellte. Als galliger Grübler spielte sich der renommierte Altmeister des Kabaretts im Großen Saal auf und erklärte befremdende Zusammenhänge zwischen Politik und Populismus. Das verlangte fast drei Stunden volle Konzentration.


Die Bühne ist voll mit Pappkartons und irgendwo drin steht eine Büste vom alten Sokrates. Bruno Jonas kommt im Anzug mit Schlips. Fast uniformiert wie ein Politiker. Ratlos die Hände in den Hosentaschen. Sofort wettert er los. Und immer schön im Konjunktiv. »Nur mal angenommen«, beginnt er. Was folgt, ist sein mittlerweile 12. Soloprogramm. Viele offene Fragen und Stoff aus der Kabarettistenperspektive. Als Location dient seine Wohnung in Haidhausen. Hier mutiert Jonas zum »Packerl-Bruno«, da er verdonnert ist, die Flut der Pakete seiner Internet-shoppenden Nachbarn anzunehmen. So wird Jonas zum Gehilfen von »Murat, dem Zustelltürken«, und man muss schon mal über Erdogan reden. Denn der, so Jonas, versteht nicht nur etwas von Menschenrechten und Demokratie, sondern auch sehr viel von Ironie.

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Wer zu Jonas geht, erwartet Peitschenhiebe gen Politik. Im gleichen Atemzug kritisiert Jonas die Grundeinstellung der Allgemeinheit. Das Volk nimmt an, was es gibt. Obwohl immer mehr es satt hätten, von Politikern regiert zu werden. Jonas' philosophische Abhandlungen hinterfragen die Demokratie, Politik samt Verdrossenheit. Politiker verhielten sich bewusst dumm. Es sei nur konsequent und hochintelligent. Und so lästert er im Laufe des Abends immer wieder gegen alle. »Die SPD«, so Jonas sarkastisch, »glaubt tatsächlich, auch unter der Fünf-Prozent-Hürde eine Volkspartei zu sein.«

Nur die CSU werde Bayern ewig regieren. Das ist sicher, so Jonas, der sich Horst Seehofer zur Brust nimmt: »Dürfen wir annehmen, dass der Islam zu Deutschland gehört oder müssen wir uns damit vertraut machen, dass Deutschland zum Islam gehört? Nein!«, schreit Jonas. »Der Muslime gehört zu Deutschland! Und nur der Friedliche!« Rumms! Das weckt die Geister der AfD. Aber die ist eh bald wieder weg, glaubt Jonas, aber: »Nur mal angenommen: was, wenn nicht?«

Gefundenes Fressen für eine Kabarettistenschnauze ist natürlich die Politikerrhetorik. Eingebürgert seien mittlerweile metaphorische Floskeln: Eine Waffenhändlertagung nennen wir »Sicherheitskonferenz« und militärische Kriegsführung heißt heutzutage »Friedensmission«.

Jonas hat in seinen Hosentaschen zwei Smartphones, die er aber gar nicht so smart findet. Zunehmende »Verdigitalisierung« beziehungsweise digitale Revolution heiße es ja jetzt. Nur um lediglich die gleichen Infos weiterzuleiten. »Wir lassen uns per bezahlter App-Technik überwachen. Und daher haben wir jetzt auch eine Digitalisierungsministerin, aber brauchen wir die?«, grinst Jonas und legt nach: »Benötigen wir europäische Werte? Wenn ja, welche sind das? Und was sind diese wert?«

Nachdem Jonas mit einer schönen bluesigen »Klugscheißer-Ballade« den zweiten Teil eingeleitet hat, tendiert sein Auftritt mehr und mehr ins Philosophische. Auch an den Medien und Journalisten lässt er kein gutes Haar. Nur an dem schönen langen blonden von Tagesschausprecherin Judith Rakers. »Das fällt so schön, wie Rapunzels. Aber improvisieren und informieren ist nicht so ihr Ding. Denn seit zwei Stunden wissen wir nicht, wie es mit dem Attentat weitergeht, und das sollten Sie, liebe Zuschauer, wissen.«

Zum Schluss per Zugabe überraschte Bruno Jonas mit einer etwas ungewöhnlichen Version des Volksliedes »Ade zur guten Nacht« und verabschiedete sich vom gut gelaunten Berchtesgadener Publikum. Resümee und Schlussaphorismus von Jonas: »Es ist nicht einfach, wenn der falsche Mann das Richtige sagt.« Jörg Tessnow