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Anleitung zum Kunstraub und verbrauchte Metaphern

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Christoph Merker: »Das himmlische Jerusalem«. (Foto: Meister)
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Siegfried Gruber: »Wald«.

Berchtesgaden – Sie sind wieder da: In den vergangenen Jahren zeigten die Mitglieder des Berchtesgadener Künstlerbundes ihre Arbeiten vorwiegend im Schloss Adelsheim. Nun sind sie wieder am gewohnten Platz im Kongresshaus, das ihnen nach dem Umbau eine wunderbare »Ausstellungshalle« bietet, in der sie am Donnerstag die Jahresausstellung eröffnen konnten. Der einstige Verbindungsgang ist nun kein solcher mehr, sondern ein separater Raum, hell gestaltet und großzügig Platz bietend für ein wahres Füllhorn an künstlerischer Vielfalt, das nur noch Neulinge unter den Besuchern wirklich überrascht.


Man ist es gewohnt, alljährlich Neues, Solides und Außergewöhnliches, mitunter auch Überraschendes präsentiert zu bekommen. Marktbürgermeister und TRBK-Vorsitzender Franz Rasp versprach zudem, dass man noch daran arbeite, den momentan noch vorhandenen sakralen Raumton zu beseitigen. Das hat aber noch Zeit, denn singen wollte zur Ausstellungseröffnung ohnehin niemand.

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Es sei doch immer wieder faszinierend, in welcher Vielfalt und Quantität sich der auf kleinem Raum bewegende Berchtesgadener Künstlerbund zuverlässig überzeugend präsentiere, merkte ein kulturorientierter heimischer und schon des Öfteren zum Staunen in dieser Hinsicht gebrachter Kommunalpolitiker am Rande der Jahresschau an. Staunen wollte auch der Marktbürgermeister, der den »Heimvorteil« genutzt hatte, um die Ausstellung vor der Eröffnung zu sehen. Eine Werkschau wie diese sei auch Werbung für die Tourismus-Region und nicht nur deshalb freue er sich, dass die Berchtesgadener Künstler gleich nach der Fertigstellung den neu gestalteten Raum für ihre Arbeiten nutzten. Die »tolle Vielfalt in verschiedenen Richtungen« der gezeigten Werke habe es ihm vor allem angetan. Er wünschte dem Künstlerbund als Veranstalter viele Besucher und »den einen oder anderen Käufer«.

Humorvoll gab sich Künstlerbundvorsitzender Christoph Merker in seiner Eröffnungsrede. Basierend auf dem Negativerlebnis einer Kollegin, die kaum auf den Begehrlichkeitslisten der Kunst- und schon gar nicht der Finanzwelt registriert sein dürfte, deren Arbeiten aber dennoch aus einer Galerie gestohlen wurden. Nicht nur zur Verwunderung der geschädigten Künstlerin, sondern auch von Christoph Merker, der sich zudem nicht vorstellen konnte, wie ein Hehler beim Veräußern der Arbeiten einer unbekannten Künstlerin zu vernünftigem Gewinn gelangen könnte.

Und so sah sich Merker, mitleidig gegenüber möglichen Dieben, die es auf die Werke der Berchtesgadener Künstler und ihrer vier Gäste abgesehen haben, bemüßigt, einen Wegweiser an die Hand zu geben, der erlaubt, das potenzielle Diebesgut mit Verstand auszuwählen.

Der Vorsitzende warnte vor den zerbrechlichen Arbeiten Christina Schelles, die beim Bruch des Vitrinenglases selbst einen solchen erleben könnten, vor seinen eigenen güldenen Arbeiten, die unter glänzender Fassade kaum Wertvolles verbergen, vor den Schein-Heiligen Stefan Rohrmosers, vor den großdimensionierten Arbeiten von Kathrin Fraas, vor der frischen Kunst Norbert Däubers, die sich aus noch feuchtem Beton hervorstreckt oder vor der »Heiligen Therese von Avila« von Hannes Stellner, die zwar aus wertvoller Bronze gegossen ist, aber eingeschmolzen wohl kaum die Mühen eines »schweren« Diebstahls rechtfertige. Letztlich empfahl Merker eine filigrane Arbeit von Walter Ziegler, die den Titel »Flucht« trägt und einen potenziellen Dieb erinnere, an diese zu denken, bevor die Polizei eintreffe.

An Flucht dachte indes keiner beim diesmal längeren Rundgang durch die Ausstellung. Vor allem, weil es immer wieder Hingucker gibt, die zum Verweilen nötigen. Und beim Blick auf die begleitende Preisliste wird mancher sogar zum Schluss gekommen sein, dass der käufliche Erwerb eines kleinen Kunstwerkes durchaus im Bereich des Möglichen liegt und sich schon deshalb die Adrenalin-Verschwendung durch Kunstdiebstahl kaum lohnt.

Merker machte es aber mit seinen präzisen und größtenteils trefflichen Umschreibungen dem Berichterstatter schwer, zu einem eigenen Urteil zu kommen. Was soll er schreiben, wenn wichtige Metaphern wie »fragil«, »aus der Tiefe steigende Landschaften« oder »archaisch, unnahbar und geheimnisvoll«, auf die sich Kritiker gern stützen, schon verbraucht sind.

An der Jahresausstellung, die bis zum 6. Januar gezeigt wird und jeweils täglich – außer Heiligabend, den Weihnachtsfeiertagen, Silvester und Neujahr – von 14 bis 18 Uhr, an Samstagen auch noch zwischen 10 und 12 Uhr geöffnet ist, beteiligen sich: Felicia und Norbert Däuber, Siegfried Gruber, Inka Langer, Christoph Merker, Gerhard und Gregor Passens, Christina Schelle, Elisabeth Sebold, Hannes Stellner, Carola Thiersch und Walter Ziegler sowie die Gäste Kathrin Fraas, Lutz Hesse, Thomas Klinger, Stefan Rohrmoser und Christina Staudacher. Dieter Meister