weather-image
29°

Archäologen legen jahrhundertealte Mauerzüge frei

3.7
3.7
Bildtext einblenden
Die Keramikvasen konnten noch nicht zugeordnet werden.
Bildtext einblenden
Die Experten legten Mauerwerk aus dem späten Mittelalter frei. (Fotos: Pfeiffer)
Bildtext einblenden
Grabungsleiterin Katrin Heigermoser.

Marktschellenberg – Die Überraschung bei Hauseigentümer Hans-Peter Schertler war groß: Auf seiner Großbaustelle mitten in Marktschellenberg sind Archäologen auf Überreste alten Mauerwerks sowie ein Rinnensystem gestoßen.


Darüber hinaus fanden sich zahlreiche Keramikscherben und Tierknochen. Grabungsleiterin Katrin Heigermoser aus Laufen, welche die Arbeiten für die Firma X-Cavate leitet, datiert die Funde auf das späte Mittelalter beziehungsweise die frühe Neuzeit. »Erst in mehreren Wochen können wir detailliert Auskunft geben«, sagt sie.

Anzeige

Dass Hans-Peter Schertler mit dem ehemaligen Gasthaus »Untersberg« ein historisch einmaliges Objekt erworben hatte, wusste er von Anfang an. Dass hier aber eine kleine Sensation für die Gemeinde offenbar wird, freut auch den Marktschellenberger, der seit rund einem Jahr das riesige, in vielen Teilen unter Denkmalschutz stehende Objekt mit knapp 5 000 Quadratmetern Nutzfläche aufwendig sanieren lässt. Neben viel Wohnfläche wird es künftig in historischem Gemäuer nicht nur ein Restaurant sowie eine Weinstube geben, sondern auch allerhand Sehenswertes. Etwa 700 Jahre alte originale Holzdecken, die in den letzten Wochen unter Aufsicht des Denkmalschutzes von Experten restauriert wurden.

Als vor zwei Wochen die Arbeiten im Innenhof begannen, forderte der Denkmalschutz, diese im Beisein eines Archäologen durchzuführen. Sicher ist sicher, hieß es damals. Denn dass Marktschellenberg ein Ort mit langer Geschichte ist, das bestätigt auch Archäologin Katrin Heigermoser. »Das erste Mal ist der Ort im Jahr 1211 erwähnt worden«, sagt sie. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich im Untergrund historisches Kulturgut befinden könnte, war also groß. Und siehe da: Unter Anleitung der Ausgrabungsexpertin stieß der Bagger bereits nach kurzer Zeit auf historisches Gemäuer. Mehrere Mauerüberreste fanden sich.

Bildtext einblenden
Die Experten legten Mauerwerk aus dem späten Mittelalter frei. (Fotos: Pfeiffer)

»Einzelne Befunde«, nennt das die Archäologin, die gemeinsam mit ihren Kollegen Horst Kloiber und Sven Orgus aus München an der Ausgrabung beteiligt ist. Auch wenn man sich noch mitten in den Arbeiten befindet und ein Ergebnis erst in einigen Wochen erwartet wird, kann die Fachfrau zumindest eingrenzen, von wann die Funde stammen: »Zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert«, sagt Heigermoser – »spätes Mittelalter bis frühe Neuzeit.«

Während die Archäologen auf einer Fläche von rund 140 Quadratmetern den Boden durchsuchen, liegen Hans-Peter Schertlers Arbeiten im Innenhof und dem Keller erst einmal auf Eis. Die Ausgrabung hat Vorrang. Später soll hier mal ein Gastgarten entstehen. In direkter Nachbarschaft zum geschichtsträchtigen Restaurant mit seinen Gewölben und den jahrhundertealten Steindecken, die in den vergangenen Monaten restauriert worden waren. Aber dazu müssen erst einmal die Mauerreste im Erdreich entfernt werden.

Allerdings ist das nicht so einfach. »Wir müssen zunächst alles freilegen, fotografieren und dokumentieren«, sagt Katrin Heigermoser, die als freiberufliche Archäologin arbeitet, vor allem im oberbayerischen Raum. Im vergangenen Jahr war sie etwa an jenem Sensationsfund in Pasing beteiligt. Dort stießen die Archäologen auf eine 1 500 Jahre alte Reihengrabanlage mit riesigen Ausmaßen. Bis zu 1 000 Ur-Pasinger wurden dort einst begraben.

Analog und digital fotografiert

Ganz so gigantische Ausmaße dürfte der Marktschellenberger Fund nicht aufweisen, Gräber gibt es auch keine. Allerdings sei es durchaus möglich, »dass wir in den nächsten Tagen noch auf weitere Dinge stoßen«, sagt Horst Kloiber. Denn die Archäologen werden noch mindestens eine weitere Woche auf der Ausgrabungsfläche verbringen, »bewaffnet« mit kleinen Schäufelchen, Pinseln und jeder Menge Aufzeichnungsmaterial. Auf großen Papierblättern verzeichnen die Archäologen jeden Fund. In einem Maßstab von 1:20 zeichnen sie die originalgetreue Position der einzelnen Mauern und Steine ein. Die Aufzeichnungen wirken wie kleine Kunstwerke, teils mit Farbe versehen, knappe Notizen stehen überall auf dem Papier verteilt. Alle Objekte, die der Erdboden preisgibt und die von Interesse sein könnten, werden fotografiert, »analog und digital«, sagt Horst Kloiber. In der Archäologie arbeitet man noch mit Dias. Die Gewissheit, dass sie nicht im digitalen Daten-Nirvana verloren gehen können, sei der Grund.

Geheimnisvolles Rinnesystem

Heigermoser schabt gerade mit einer kleinen Schaufel an einem Stück Mauer die Erde herunter. Unweit davon hat sie ein weiteres Rinnensystem entdeckt. So nennen das die Archäologen. Die Bezeichnung lässt viel Spielraum für später: Ob es sich bei dem »Rinnensystem« um einen Kanal handelt oder doch eine Soleleitung, die für das historische Marktschellenberg durchaus möglich sein könnte, wird erst zu einem späteren Zeitpunkt festgestellt. Auffällig sei, dass sich auf mehreren Quadratmetern viele Holzkohlestücke befinden, sagt Sven Orgus. Auf einem Häufchen sammeln die Grabungsexperten die entdeckte Holzkohle. Interessant sei darüber hinaus die Eisenschlacke, auf die man gestoßen ist. Unter Umständen befand sich vor vielen Jahrhunderten hier mal eine Eisenverhüttung.

Jeden Tag, an dem die Archäologen auf der Freifläche arbeiten, trägt ein Bagger mit vorsichtigem Schaufeleinsatz weitere Zentimeter des Bodens ab. »So lange, bis wir auf gewachsenen Boden stoßen – gelblich-braunen Lehm«, sagt die Leiterin des Projekts. Weitere Funde sind wahrscheinlich. Denn die Fläche ist groß: Keramikscherben und Knochen haben die Altertumskundler schon zuhauf entdeckt.

»Für Marktschellenberg ist das etwas Besonderes«, sagt Hans-Peter Schertler, der Hauseigentümer. Auf der anderen Seite des Grundstücks, einen Steinwurf von der Grabungsfläche entfernt, ist noch viel Platz für weitere mögliche »Schätze« aus dem Erdreich. Kilian Pfeiffer