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»Arzneimittelversorgung massiv gefährdet«

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Setzt sich für den Erhalt der wohnortnahen Arzneimittelversorgung ein: die Sprecherin der Apotheker im Landkreis, Sabine Wölfer. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgadener Land – Die Zahl der Apotheken im Landkreis sinkt. Der Online-Handel mit Medikamenten nimmt zu. Eine Gefahr für die hiesigen Apotheker?


Einstimmig hat der Ausschuss für Landkreisentwicklung zumindest beschlossen, die Resolution »Flächendeckende, persönliche Arzneimittelberatung und -versorgung der Bevölkerung vor Ort erhalten« an den Bundesgesetzgeber zu übermitteln. Lena Gruber, Leiterin der Gesundheitsregion plus, und Sabine Wölfer, Sprecherin der Apotheken im Landkreis Berchtesgadener Land, unterstützen dies.

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Kreisrat Edwin Hertlein hatte bereits im Zwischenbericht der »Gesundheitsregion plus Berchtesgadener Land« in der Kreistagssitzung Ende März angeregt, wie auch der Landkreis Traunstein eine Resolution zu verabschieden, die den Bund als Gesetzgeber dazu auffordert, »der Diskriminierung von deutschen Apotheken gegenüber Versandapotheken im EU-Ausland durch rechtliche Rahmenbedingungen entgegenzuwirken«, so Gesundheitsregion-plus-Leiterin Lena Gruber. Klar sei, dass eine »flächendeckende medizinische Versorgung einer der Grundpfeiler der Daseinsvorsorge und ein unverzichtbares Infrastrukturmerkmal eines Flächenlandkreises« sei. Eine hochwertige Gesundheitsversorgung sei nur dann gegeben, »wenn neben der ambulanten und stationären ärztlichen Versorgung auch eine wohnortnahe Arzneimittelversorgung« existiere.

Aktuell gebe es noch keine Unterversorgung, informierte Gruber. Dennoch ist die Zahl der Apotheken im Laufe der letzten Jahre gesunken: von 39 Apotheken im Jahr 2001 auf nunmehr 30 in 2016. Sabine Wölfer, Pressesprecherin der Landkreis-Apotheker, sagte, dass der Versorgungsauftrag der Apotheken für die Bevölkerung »unverzichtbar« sei: Durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom Oktober vergangenen Jahres »ist die aktuell noch gute Arzneimittelversorgung im Landkreis jedoch gefährdet«.

Sabine Wölfer ging in ihrer Präsentation detaillierter auf das Urteil ein: So habe der Europäische Gerichtshof entschieden, »dass die gesetzliche Festlegung eines einheitlichen Apothekenabgabepreises für verschreibungspflichtige Arzneimittel eine nicht gerechtfertigte Beschränkung des freien Warenverkehrs in der Europäischen Union darstelle und damit gegen Unionsrecht verstoße«, so Wölfer. Infolge der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs ist das Arzneimittelpreisrecht aber nicht auf Versandapotheken mit Sitz im EU-Ausland anwendbar. Allerdings, und dies sei der Knackpunkt, müssen in Deutschland ansässige Versandapotheken »an die für sie weiterhin geltenden Vorschriften zum einheitlichen Apothekenabgabepreis für verschreibungspflichtige Arzneimittel gebunden bleiben«. Wölfer nennt dies eine »Inlandsdiskriminierung«, die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung mittels öffentlicher Apotheken sei dadurch massiv gefährdet.

Tatsache ist: Mit steigendem Alter steigt die Komplexität der Krankheitsbilder. Medikamente werden in höherem Maß verordnet. Bislang stellen die Apotheken zusätzlich zum Arzt die Verschreibung und Anwendung von Arzneimitteln sicher. Sabine Wölfer befürchtet eine Verschlechterung der Situation. Denn »nur die Apotheken können zusätzlich Nacht- und Notdienste sowie eine kurzfristige Arzneimittelbeschaffung im Rahmen der Notfallversorgung leisten«. Der Versandhandel und Online-Apotheken könnten diese niemals ersetzen. Es dürfe daher nicht abgewartet werden, bis »bewährte Strukturen zerstört werden«.

Eine ähnliche Ansicht vertritt Landrat Georg Grabner, der die hiesigen Apotheken als »notwendig« erachtet. Der Landkreis Traunstein hatte bereits im Ausschuss für Gesundheits- und Flüchtlingsfragen und soziale Angelegenheiten für die Resolution einer flächendeckenden Arzneimittelberatung- und -versorgung gestimmt und diese an den Bundesgesetzgeber übermittelt. »Dem wollen wir uns anschließen«, sagte Grabner im Ausschuss für Landkreisentwicklung. Ausschussmitglied Edwin Hertlein bekräftigte, dass man »vor gewaltigen Herausforderungen« stehe. Sven Kluba findet es ebenfalls notwendig, sich für den Erhalt der Apotheken einzusetzen, sagte aber dennoch, »dass ein bisschen Wettbewerb – wie in jeder anderen Branche auch – nicht schadet«. Kilian Pfeiffer