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»Auch die Deutschen sollten Deutsch können«

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Zum Schluss seines Soloprogramms sehr nachdenklich: Christian Springer. (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – Als Orientalistikstudent warf er zwei rohe Eier auf Franz Josef Strauß. Das hatte Konsequenzen – Springer wurde Kabarettist. Früher bekannt als »Fonsi« und Ensemblemitglied der »Komiker« und aktuell Leiter des BR-»Schlachthofes« stochert er gern nach Irrungen und Wirrungen in Gesellschaft und Politik.


Eigentlich ist das gar nicht witzig, was der Münchner so alles auf der Bühne offenbart. Denn Gerechtigkeitssinn und Idealismus prägen sein an Pointen reiches politisches Infotainment. Er lärmt, schnauft und verzweifelt. Trotzdem überzeugt Springer mit viel spöttischer Kritik am Donnerstagabend im Kleinen Saal des AlpenCongress als satirischer Mutmacher mit amüsanten Kabarett-Anekdoten.

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Gleich zu Beginn springt Springer so auf das kleine Bühnenpodest, dass es sich leicht verschiebt, und lässt Aufgestautes hektisch rotierend raus. Sein Soloprogramm hat er »Trotzdem« benannt, was so viel bedeutet wie: Weitermachen! Nicht aufgeben! Gegen die Ohnmacht kämpfen! Springers zweistündiger Auftritt ist grundlegend politisch, oft historisch fundiert. Was nicht so bekannt ist: Auch privat engagiert er sich stark, dazu aber später mehr.

Überraschend eröffnet er den Abend: »Bitte stehen Sie alle auf – Wir singen die Nationalhymne.« Das klappte nach Springers Ansicht recht gut. Die Österreicher gestern Abend waren zwar textsicherer, aber die heutigen Zuhörer immerhin besser als die Sarah-Connor-Version im Fußballstadion mit ihrem »Brüh im Lichte«-Patzer. Anbindend geht er dazu tief in die Historie und erklärt, was so alles undeutsch in der Hymne wurzelt. Springer nutzt das Motiv auch als nahtlosen Übergang zum Thema Integration und verfasst sein ehrlich wirkendes Resümee: »Ich möchte, dass Fremde bei uns Deutsch können. Aber: Ich möchte auch, dass Deutsche Deutsch können«, stellt er klar. Das hat einen Hintergrund, Springer ergänzt: »Manchmal bekomme ich Hetz-Mails von den Nazis. Sie glauben gar nicht, wie viele Rechtschreibfehler in nur einem Satz zu finden sind.«

»Floskelwolken« und rohe Eier

Auch die aktuelle Einigung der »Groko« ist für den Kabarettisten ein gefundenes Fressen, um Phrasen und Zustand aufzudecken. Der Gebrauch von »Floskelwolken« ebbt für ihn nie ab: »Wir erleben neue politische Zeiten mit vielfältigen Herausforderungen für Deutschland«, witzelt er mokant und spottet weiter: »Im Plenarsaal des Bundestags hängen mittlerweile die Spinnenweben, wie in einer verlassenen Westernstadt.«

Schon als Student quälte ihn der Geist der Politik. So warf Springer zwei rohe Eier auf den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (kein Witz!). Er hatte ihn zwar nicht getroffen, wurde aber verhaftet und zu 5 000 DM Strafe verurteilt. Auch sämtliche Studienabschlüsse sollten boykottiert werden – für Springer der Katalysator zum Kabarettistendasein. Springers Analysen über die real existierende Freiheit und andere Gedanken finden sich auch in seinem neuesten Büchlein »Wir müssen die Freiheit aushalten« wieder. Springer reißt nicht blöde Witze, sondern meint es ernst. Er deckt auf, will verbessern und zeigt sich nicht bloß echauffiert, ist engagiert und gebildet. Auf der Bühne rötet sich der Kopf zunehmend und bald hängt ihm vor lauter Polterei das Hemd aus der Hose und er fordert vom Publikum: »Nehmen Sie Haltung an.«

Kabarettist als Krisenhelfer

So hält Springer auch zum Schluss seines Programms eine Überraschung parat. Er wird nachdenklicher. Es gibt nämlich auch noch eine andere, eher unbekannte Seite des Kabarettisten. Springer informiert die Gäste über sein politisches Engagement. Er fungiert als Vorstandsvorsitzender des Hilfsvereins »Orienthelfer« (was ebenfalls wie ein Witz anmutet, aber auch keiner ist). Bereits bevor der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, ist Springer in den letzten 30 Jahren x-mal nach Syrien gereist, hat sogar mehrere Semester Orientalistik studiert. 2012 gründet er den Verein, um syrische Flüchtlinge und Opfer mit humanitärer Unterstützung vor allem in Libanon zu helfen. In Beirut besitzt er eine Zweitwohnung.

Den gut 100 Zuhörern bot der Kabarettist ein wissenswertes Programm. Nach der Vorstellung signierte Springer seine Bücher und nahm sich Zeit, mit Interessenten über das Thema zu diskutieren. Jörg Tessnow