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Auf der Pirsch zum Hirsch

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Kein Stress: Karl zwischen den Hirschen. (Foto: privat)
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Andreas Soyter ist mit Hund Karl auf der Suche nach dem nächsten Gamsbock. (Foto: Rothenbuchner)

Ramsau – Das Gewehr ist geschultert, ein Fernglas griffbereit, neben ihm streckt der Hund – ein Hirschmann mit dem Rufnamen Karl – seine Nase in die Luft. Andreas Soyter hält Ausschau nach Gämsen, denn es ist der letzte Abschusstag vor der Schonzeit. Soyter ist einer von drei Berufsjägern im Nationalpark Berchtesgaden. Als solcher hat er in seinem Revier – Watzmannstock, Wimbach und Funtensee bis zur Wasseralm – ein vielfältiges Aufgabengebiet.


Den Beruf wollte Soyter schon als Kind ergreifen, bereits der Uropa war Berufsjäger. »Ich bin damit aufgewachsen, war auch oft mit meinem Opa auf der Jagd«, erzählt Soyter. Mit 16 hatte er den Jugendjagdschein, nach seiner Zeit bei der Bundeswehr folgte die Ausbildung zum Berufsjäger beim Forstbetrieb. Nach der Lehre ging er dann zum Nationalpark Berchtesgaden, wo er schließlich auch die Meisterprüfung ablegte. Mittlerweile ist der Revierjagdmeister auch als Kreisjagdberater im Landratsamt tätig, unterstützt dort die untere Jagdbehörde in praktischen Belangen und hält Vorträge für Hobbyjäger. Beim Bund bayerischer Berufsjäger ist er Gruppenobmann für Südostbayern.

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Gut 100 Berufsjäger, erklärt Soyter, gibt es in Bayern, etwa die Hälfte davon ist beim Forst angestellt, die meisten anderen privat. Nur fünf Jäger arbeiten bei Nationalparks, drei davon in Berchtesgaden. Die Zielsetzung unterschiedet sich dort von den anderen Arbeitgebern entsprechend: »Wir führen keine Jagdgäste oder wollen den Holzertrag erhöhen. Im Nationalpark steht der Erhalt des ökologischen Gleichgewichts im Vordergrund. Die Jagd ist hier keine herkömmliche Nutzung sondern ein naturschutzfachliches Erfordernis.«

Die Wildbestandsregulierung, wie die Jagd im Nationalpark genannt wird, nimmt zwar den Großteil der Zeit der Berufsjäger in Anspruch, ein weiterer wichtiger Teil ist aber der Jagdschutz. Dieser umfasst etwa den Schutz der Tiere vor Wilderern, vor Futternot, vor Tierseuchen und Krankheiten oder auch vor wildernden Hunden und Katzen. Auch wenn Letzteres im Nationalpark kaum ein Thema ist, wie Soyter erklärt. Wilderer seien im Nationalpark allerdings immer wieder einmal unterwegs. 2007 war die derzeit letzte direkte Begegnung eines Nationalparkjägers mit einem Wilderer.

Die großen Hirsche im Nationalparkgebiet zählen zu den begehrten Trophäen. Da macht manchmal auch Gelegenheit Diebe. Ein Wanderer hat Soyter vor einiger Zeit auf einen abgestürzten Hirsch aufmerksam gemacht. Er zeigte ihm auch ein Foto des Tiers. Als Soyter am nächsten Tag zu der Stelle kam, hatte jemand den Kopf des Tieres abgetrennt und mitgenommen.

Hilfe von Wanderern

Beim Schutz der Tiere vor Seuchen und Krankheiten, wie der Gamsräude, zählt Soyter auch auf die Mithilfe von Wanderern. Wem im Nationalpark kranke oder verletzte Tiere auffallen, der solle sich beim Nationalpark oder direkt bei den Jägern melden. »Es ist nicht natürlich, wenn Tiere wochenlang leiden. In der Natur gäbe es normalerweise, Beutegreifer, die diese Tiere erlegen.« Im Nationalpark müssen diese Aufgabe die Jäger übernehmen.

Kümmern müssen sich die Jäger auch um die Nahrung im Winter. Gefüttert werden im Nationalpark keine Rehe oder Gämsen, bei Hirschen aber sei das notwendig, denn »sie würden von Natur aus nicht im Gebirge überwintern«. Weil sie aber vom Menschen daran gehindert werden, ins Flachland zu ziehen, müsse man zufüttern. »Wir achten darauf, dass die Fütterung so natürlich wie möglich ablauft,«, erklärt der Jäger. Das gilt nicht nur für den Standort, sondern beispielsweise auch bei den Futtermitteln. Dabei orientiere man sich immer an neuen wildbiologischen Erkenntnissen. »Wir haben eine gewisse Vorbildwirkung«, gibt Soyter zu bedenken. Bei den Futtermitteln habe sich ihnen ein Großteil des Landkreises mittlerweile angeschlossen. Gefüttert wird im Nationalpark von Ende November bis Ende April. Damit die Tiere möglichst wenig gestört werden, sollte die tägliche Arbeit möglichst schnell gehen. Deshalb füttert Soyter auch immer vormittags, »damit die Tiere wissen, dass sie nachmittags ihre Ruhe haben«.

Stress vermeiden, ist auch beim Jagen eines der Gebote, zumindest Dauerstress. Mit Stressspitzen können die Wildtiere evolutionsbedingt gut umgehen, erklärt Soyter, schließlich mussten sie in der Lage sein, etwa vor angreifenden Wolfsrudeln zu fliehen. Dauerstress hingegen setze ihnen stark zu. Etwa wenn ein Jäger sie jeden Tag stundenlang von seinem Hochsitz beobachte. Beim Jagen sollte man die Tierwelt möglichst wenig beanspruchen, ist Soyter überzeugt. Wichtig sei dabei besonders, dass die Tiere keine Mensch-Schuss-Tod-Verknüpfung herstellen. »Dann müssten die Tiere im Nationalpark ja sofort vor jedem Wanderer flüchten. Wenn ein Tier mich als Mensch erkennt, gehe ich weiter. Es wird sich schon eine andere Gelegenheit bei einem Tier ergeben, das mich nicht erkennt.« Wenn er einen Schuss abgegeben hat, wartet er mindestens eine halbe Stunde, ehe er zu dem Tier geht. »Das gilt als die Verknüpfungszeit, während der die Tiere den Schuss mit dem Menschen verbinden.«

Totales Saisongeschäft

Jagd und Fütterung sind im Nationalpark vor allem deshalb nötig, weil der Winterlebensraum und große Beutegreifer fehlen. Um welche Aufgaben Soyter sich in seinem Beruf schwerpunktmäßig kümmert, hängt aber stark von der Jahreszeit ab. »Es ist ein totales Saisongeschäft«. Das Jagdjahr beginnt am 1. April. In dem Monat sind die Jäger aber auch schwerpunktmäßig mit Monitoringaufgaben, wie der Raufußhühnerzählung beschäftigt. Auch Salzsteine trägt Soyter dann aus. Im Mai und Juni ist er vermehrt auf der Jagd. »Es wird bald hell, also stehen ich oft um vier oder halb fünf Uhr auf und komme abends spät zurück.« Vom 15. Juni bis 1. August macht der Nationalpark bei der Jagd eine freiwillige Ruhepause. In dieser Zeit kümmert er sich mehr um Jagdeinrichtungen. »Von 1. August bis 31. Januar steht dann wieder die Wildbestandsregulierung im Vordergrund. Hier erfüllen wir einen Hauptteil des Abschusses.«

In den kommenden beiden Monaten, also im Februar und März, steht die Wildfütterung im Vordergrund. Gejagt darf aber im Schwerpunktgebiet werden, dort ist die Schonzeit aufgehoben. Im Nationalpark gibt es für die Jagd eine flächenbezogene Schwerpunktsetzung mit vier Gebietskulissen: Die Ruhezone, die etwa 75 Prozent der Fläche ausmacht, das Waldumbaugebiet sowie das Schwerpunkt-Jagdgebiet. Zwischen den beiden Letzteren gibt es die sonstige Pflegezone als Puffer.

Andreas Soyter ist als Berufsjäger und Bergführer viel im Nationalpark unterwegs, als bestätigter Nachsucheführer wird er aber auch von außerhalb, im Umkreis von rund 50 Kilometern, angerufen. Dann haben er und Karl die Aufgabe, angeschossene, manchmal auch angefahrene Tiere aufzuspüren. Dabei ärgert Soyter sich oft darüber, dass er merklich häufiger wegen angeschossener Hirsche gerufen wird als beispielsweise für ein Gamskitz. »Da muss Nachbars Lumpi dann reichen.« Alexandra Rothenbuchner