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Auseinandersetzung mit der Natur

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Kondensierte Landschaftsdarstellungen von Siegfried Gruber. Fotos: Anzeiger/Merker
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Die Bienenkönigin sitzt wartend im Zuchtkasten, arrangiert von Elisabeth Sebold.
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Traumhafte Landschaften sind in den Bildern von Carola Thiersch zu entdecken.
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In Gedanken versunken scheint der Frauenkopf von Petra Schwenzfeier.

Berchtesgaden – Der Berchtesgadener Künstlerbund stellt im »Haus der Berge« aus. Im oberen Foyer zeigen die Mitglieder ihre Werke, die sich größtenteils mit dem Thema Natur auseinandersetzen. Sie ist eine starke Inspirationsquelle, die gleichzeitig eine große Herausforderung sein kann. Wie die Künstlerinnen und Künstler damit umgegangen sind, ist noch bis 28. Juli im »Haus der Berge« zu besichtigen.


Alles ist Veränderung, die Natur ist einem ewigen Kreislauf unterworfen. »Metamorphose« nennt Gerhard Passens seine großen Holzskulpturen. Welke Herbstblätter hat er als Vorbild genommen. Die zusammengerollten Blätter entwickeln, um ein Vielfaches vergrößert, ein formales Eigenleben. Die Naturform wird zur künstlerischen Form, die fast abstrakt wirkt. Das ist die große Stärke der Kunst, denn ihr gelingt es, Natürliches aufzugreifen und zu etwas Neuem zu gestalten.

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Einen kurzen Augenblick in der Veränderung in der Landschaft hat Siegfried Gruber mit seinen drei kleineren Arbeiten festgehalten. Farbintensiv und ausdrucksstark zeigen sie das Farbenspiel am Waldrand. Helle und dunkle Bereiche wechseln sich ab, fast pointilistisch setzt Gruber Farbpunkt an Farbpunkt und erst das Auge des Betrachters formt es zu dem Bild der Tannen zusammen, die dargestellt sind. Eine Wiese in der Scheffau ist im Hochsommer nicht grün, sondern das Mittagslicht lässt sie gelb erscheinen. Farbphänomene, die erst die Kunst uns bewusst macht.

Diesen Effekt macht sich auch Carola Thiersch zunutze. Ihre Bilder entstehen intuitiv beim Malen. Nach einem ersten großflächigen dünnen Farbauftrag sieht sie Strukturen im Bild, die sich nach und nach zu einer Landschaft herauskristallisieren. Das künstlerische Auge sieht etwas, wo zunächst nichts ist. Auch das eine grundlegende Eigenschaft der Kunst. Denn wer würde in alten Bienenzuchtkästen Kunst sehen?

Elisabeth Sebold tut dies und wenn man ihre Arbeit gesehen hat, wird man solche Kästen nie mehr nur als nützliches Ding sehen, sondern immer auch die künstlerische Qualität dahinter. Die Reste der Bienenwaben in den alten, mit Glas versehenen Holzkästen werden zu selbstständigen amorphen Plastiken. Kleine Figuren besiedeln die Zuchtkästen anstelle der Bienen und in einem sitzt eine Frauenfigur, so als warte sie als Bienenkönigin auf ihren Liebhaber. Die Assoziation zur Peep-Show ist bei einem Zuchtkasten durchaus gerechtfertigt.

Zu warten scheint auch der Frauenkopf aus Untersberger Marmor von Petra Schwenzfeier. Melancholisch schaut sie aus dem Fenster. Oder ist sie nur nachdenklich? Nun, es ist an dem Betrachter, sich die Szene auszumalen, die Geschichte hinter dem Werk zu entdecken. Aber nicht in der Arbeit selber, sondern im eigenen Kopf. Die Interpretation liegt im Auge des Betrachters.

Verlässt der Mann auf dem großen Bild von Fritz Schelle die Frau oder geht er einfach hinaus in den grün leuchtenden Garten? »Szene« hat der Künstler die Arbeit einfach benannt. Welche Szene nun? Drama oder Alltag? Der Besucher muss es selber entscheiden. Das ist wunderbar, und man kann im Bild wie ein Detektiv auf die Jagd nach Hinweisen gehen, was gerade in dem Raum vorgefallen ist.

Diese Anregung zum Selbst- Herausfinden geben auch immer die Arbeiten von Felicia Däuber. Ihre Holzskulpturen lassen bekannte Formen erahnen, doch entziehen sie sich einer endgültigen Zuordnung. Kompakte Quader lehnen aneinander, erinnern an Bauklötze, die aufeinandergetürmt wurden, doch dieses Bild wird gebrochen von weiteren Strukturen, die zusätzliche Raumbereiche an die Figur binden.

Nur scheinbar einfacher sind die Fotoarbeiten von Christina Schelle. Sie hat fünf Aufnahmen vom Königssee ausgestellt. Doch durch das Abbilden der Realität, durch die Auswahl des Ausschnittes, wird die scheinbar sichere Wirklichkeit, die ein Foto verspricht, untergraben. Die Spiegelungen der umgebenden Landschaft im See geben den Bildern etwas Unwirkliches und Traumhaftes. Doch es ist nicht sicher, ob man aus diesem stillen Wintersee je wieder auftauchen würde.

Wie aus der Erinnerung gemalt sind auch die Bergbilder von Inka Langer. Sie stellen keine realen Berge dar, sondern sind eher schemenhafte Vorstellungen einer Landschaft, die sich in das Gedächtnis geprägt hat. Interpretieren kann man auch die drei großen gedrechselten Holzschalen von Walter Ziegler. Denn die Jahresringe des Walnussbaums bilden Formen, in die man reale Dinge hineinlesen kann. Ist das ein Embryo, was in der Schale liegt, und stürzt in der anderen ein Adler mit weit ausgebreiteten Schwingen hinab? Etwas sehen, wo es gar nichts zu sehen gibt, das ist das Wunderbare an der Kunst.

Bewegung ist das Thema von Anne Karen Hentschel. Schwimmerinnen von oben gesehen, tauchen quer über ihr Dyptichon. Ihr reizvolles Spiel mit Hell und Dunkel und die grafische Klarheit zieht das Auge immer wieder an. Viel Bewegung hat der Wanderer von Toni Hribar hinter sich. »Wanderjahre« heißt die Eisenskulptur, die an einen Pilger erinnert, der sich auf seinen Wanderstock stützt. Auf das Nötigste nur reduziert formt sich der Rest im Kopf des Betrachters.

Auf der dem Ausstellungsraum vorgelagerten Terrasse hat Norbert Däuber eine Stele aufgestellt. Es ist eine Brunnenfigur, nur dass sie in einem Gehäuse aus Beton steht. Ein nackter, etwas dicklicher Mann reitet auf einem Esel, die Arme verschränkt, den Oberkörper abgewendet, trotzt er ein wenig der Welt. Ist es Silen, der etwas unwirsch nach einem dionysischen Festgelage von dannen reitet?

Hannes Stellner hat fünf große Gipsohren auf die Steine des Flachdaches gelegt. Sein »Treibgut« zeigt unser Verhältnis zur Natur. Hören wir auf sie, oder ist unsere Verbindung zu ihr so gestört, dass ein Ohr sogar zerbrochen ist und ein anderes verkehrt herum liegt? Oder zeigen die Ohren, dass wir unaufhaltsam durch das Leben rutschen wie ein Stein durch das Wimbachgries? Viele Fragen bleiben offen, aber gerade das macht den Reiz der Kunst aus.

Die konzentrierte Ausstellung ist jeden Tag von 9 bis 17 Uhr und Donnerstag und Freitag auch bis 20 Uhr im »Haus der Berge« kostenlos zu besichtigen. Christoph Merker