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Barrieren der Natur durchbrechen

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Die minimale Steigung bringt viele Rollstuhlfahrer an ihre Grenzen.

Ramsau – Oft kommt sie für Menschen mit körperlicher Behinderung zu kurz: die Natur in den Alpenregionen. Der Nationalpark Berchtesgaden bietet seit 2006 barrierefreie Wanderungen durch das Wimbach- und Klausbachtal sowie in St. Bartholomä an. Menschen sollen die Natur hautnah erleben können. Der »Berchtesgadener Anzeiger« begleitete Mitarbeiter Christian Graßl auf seiner Führung durch das Klausbachtal.


Ganz ohne Hindernis können die Menschen diese Führung nicht machen. Um zur Borkenkäferfalle zu gelangen, müssen sie die Wiese abseits des Kieswegs passieren. Der Untergrund ist nass, vom Regen am Vortag aufgeweicht und holprig. Zwei Rollstuhlfahrer können sich aus eigener Kraft nicht fortbewegen. Die Betreuer müssen sie schieben. Hindernisse wie ein streng riechender Kuhfladen, Steine und Äste erschweren den Weg.

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Rollstuhlfahrer Wolfgang Kunze macht die Wanderung mit weiteren Bewohnern des Heims für Menschen mit Behinderung des »St. Paulus Stift Neuötting«. Die Gruppe besteht aus acht Personen, unter ihnen sind zwei Betreuerinnen. Kunze darf keine langen Strecken gehen. Trotzdem freut er sich über diesen Ausflug. »Eine wunderschöne Landschaft hier. Ich genieße die Natur«, sagt er.

Und der Weg scheint sich bezahlt zu machen: Eine Gruppe von zehn Personen versammelt sich um Christian Graßl. Die Teilnehmer staunen über einige tote Borkenkäfer in seiner Hand. Sie dürfen diese mit der Lupe genauer betrachten. Der Nationalparkmitarbeiter erklärt ihnen den Grund für die Falle: Mithilfe der Falle sollen Borkenkäfer im Nationalpark statistisch erfasst werden. »Ein Lockstoff lässt sie in die Falle tappen«, so Graßl. Im Normalfall wehrt Baum mit Harz Schädlinge ab. Fehlt diese Schicht, dringen die Käfer in das Holz ein.

Natur riechen und fühlen

Christian Graßl will die Wanderung so anschaulich wie möglich gestalten. »Menschen mit Behinderung müssen erfahren, wie schön die Natur ist«, sagt der Bischofswieser. Der 51-Jährige bietet seit mehr als zehn Jahren Wanderungen für Menschen mit Behinderung an. Seine Motivation: Graßl ist selbst körperlich eingeschränkt. Er hat eine transplantierte Niere sowie eine Seh- und Hörschwäche. »Ich will die Teilnehmer zu den Wanderungen ermutigen. Sie würden sonst viele schöne Dinge verpassen«, betont er. Graßl vermittelt ihnen die Natur über verschiedene Sinne.

Er pflückt einen Ast vom Wacholderstrauch, den jeder anfassen darf. »Es pikst«, stellen sie fest.

Der Wacholderstrauch wächst hier, da das Klausbachtal ein trockenes Gebiet ist. Auch über den Geruch sollen die Teilnehmer die Natur erleben. Hierfür gibt Graßl den Teilnehmern eine Rossminze. Mit der Hand sollen sie die weiche Fläche reiben. Dadurch setzen sich Aromen frei und ein frischer Duft steigt in die Nase. »Wenn sie die Natur riechen, fühlen, hören und sehen, ist das ein ganz anderes Erlebnis, als etwas im Fernsehen zu beobachten«, so der Nationalparkmitarbeiter.

Diese Erfahrung lohnt sich für die Teilnehmer, auch wenn manche eine weitere kritische Stelle bewältigen müssen. Auf dem Weg zum Adlerbeobachtungsplatz gibt es eine minimale Steigung. Diese Steigung ist rund 20 Meter lang. Was für viele leicht aussieht, bringt Menschen mit Rollatoren an ihre Grenzen. Christl Blakowski tut sich schwer. Sie geht langsamer und liegt ein paar Meter hinter der Gruppe. Ihre Arme und Beine zittern. Schweiß tropft ihr von der Stirn. Doch sie schafft den Anstieg. Blakowski ist ebenfalls aus dem »St. Paulus Stift Neuötting«. Neben ihrer geistigen Behinderung hat sie Übergewicht. Deswegen nutzt sie den Rollator. »Es ist anstrengend und kostet viel Kraft. Die Umgebung finde ich aber schön«, sagt sie.

Blakowski hinkt während der Wanderung der Gruppe hinterher. Oft überholen sie andere. Graßl geht es aber auch nicht darum, wer als Schnellster am Ziel ist. »Wir müssen uns nach dem Schwächsten richten«, betont der Bischofswieser. Deswegen legt er auch regelmäßige Pausen ein. Blakowski kann aufschließen und durchatmen. Währenddessen blickt Graßl durch sein Fernglas. Sollte er Glück haben, kann er einen Steinadler beobachten. Es gibt fünf Adlerpaare im Nationalpark. Die Sonne scheint, aber die Wolken hängen im Gebirge. Ein Adler ist nicht zu sehen.

Hitze macht zu schaffen

Die Menschen mit Behinderung bekommen zwar genug Pausen, aber die Hitze macht ihnen zu schaffen. Sie sind nicht mehr aufnahmefähig. Deswegen geht Graßl mit der Gruppe zu einem barrierefreien Unterstellplatz – er spendet Schatten. Dort zeigt der Nationalparkmitarbeiter präparierte Hörner und Füße, die er im Rucksack verstaut hat.

Durch die Abkühlung sind die Teilnehmer wieder aufmerksamer. Sie berühren die spitzen Hörner der Gams oder auch die harte Schale an den Füßen. Anschaulich und lebendig erzählt er ihnen, dass die dunkelfarbigen Schalentiere gut klettern können. Im Nationalpark leben 2 000 Gämsen. Die Teilnehmer zeigen sich begeistert.

Christian Graßl bietet einmal im Monat Führungen im Rahmen der »BayernTourNatur« an. Mittlerweile gibt es bei der Wimbachbrücke ein behindertengerechtes WC und auch Blinde können das »Haus der Berge« ohne Probleme besuchen. Patrick Vietze

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