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Bauingenieurin, Extrembergläuferin und alleinerziehende Mutter

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Kennt die Bischofswieser Baustellen bestens: Regine Enenkel ist als neue Gemeindebaumeisterin schwerpunktmäßig für den Tiefbau verantwortlich. (Foto: Kastner)

Bischofswiesen – Einige Bischofswieser Baustellen befinden sich seit mehreren Wochen unter weiblicher Aufsicht. Als neue Gemeindebaumeisterin ist Regine Enenkel schwerpunktmäßig für den Tiefbau verantwortlich. Und so kommt sie zum Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« gerade von einem »Jour fixe« an der Baustelle Uhlmühlweg. Laufschuhe, kurze Outdoorhose und eine Sonnenbrille im blonden Haar: Die Bauingenieurin zeigt sich sportlich. Und das ist sie auch: Im Urlaub kommende Woche nimmt die alleinerziehende Mutter zweier Töchter am Trans-Alpine-Lauf statt: 267 Kilometer und 15 500 Höhenmeter an sieben Tagen.


Man merkt schnell, wie sehr der Extremsport das Leben von Regine Enenkel bestimmt. Mit leuchtenden Augen erzählt sie von der Zeit, als sie noch Straßenmarathons lief, später in Südafrika lebte und dort in Kontakt mit der Trailrunningszene kam, bei Extremlaufsportevents mitmachte. »In Namibia habe ich einmal an einem 100-Kilometer-Wüstenrennen teilgenommen. So etwas taugt mir«, erzählt die 44-Jährige. Auch einige Siege hat sie bei Extremrennen geholt, unter anderem beim »Chiemgauer 100er« im Jahr 2012. Damals war sie regelmäßig vorne dabei, heute sieht sie sich selbst nur noch als Mittelfeldläuferin, die nur nach Lust und Laune und ohne spezielle Pläne trainiert. Das hat wohl auch mit der fehlenden Zeit zu tun, denn als beruflich stark engagierte Bauingenieurin und alleinerziehende Mutter zweier Töchter ist ihr alles andere als langweilig.

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Von Bonn in den Süden

Eine gewisse Rastlosigkeit kennzeichnet von Beginn an das Leben von Regine Enenkel. Die gebürtige Bonnerin ist schon in der Kindheit mit den Eltern viel umgezogen. Später hat sie in Siegen und in Irland Bauingenieurwesen mit Schwerpunkt Wasserbau studiert. Nach einer beruflichen Zwischenstation in Schwäbisch-Gmünd folgte eine längere Arbeitsphase als Tunnelbauingenieurin bei Geo Consult in Salzburg, wo sie unter anderem für die Querverbindungen beim Katschbergtunnel zuständig war. Die Zeit von 2009 bis 2011 verbrachte sie dann mit ihrem damaligen Ehemann und den beiden Töchtern im südafrikanischen Kapstadt. Weil sie dort aber kein Arbeitsvisum bekam, studierte sie einfach Projektmanagement und Sport, begann darüber hinaus – wie bereits geschildert – mit Trailrunning.

Nach der Rückkehr arbeitete Regine Enenkel erneut bei der Salzburger Firma, später noch ein Jahr als Bauleiterin bei einer Traunsteiner Tiefbaufirma. Seitdem wohnt sie mit ihren Töchtern in Laufen. Als sie sich nach einer neuen Stelle umsah, war der Bauingenieurin klar, dass sie nicht in den öffentlichen Dienst wollte. »Ich wollte wieder in die freie Wirtschaft, denn meine Stärke ist es, schnelle Lösungen zu finden.« Sie bewarb sich dennoch um die in Bischofswiesen frei werdende Stelle als Gemeindebaumeister/-in. »Ich wollte mir das mal anhören und ging völlig unvorbereitet in das Gespräch«, erinnert sich Regine Enenkel.

Angst vor Papierkram und langweiliger Büroarbeit

Als ihr die Stelle tatsächlich angeboten wurde, nahm sie an. Allerdings räumt die 44-Jährige ein, dass sie dabei zunächst ein mulmiges Gefühl hatte. »Ich hatte Angst vor zu viel Papierkram, dass ich zu viel im Büro sitze, dass ich mich langweile. Ich brauche schließlich den Kontakt zu den Menschen«, erzählt Regine Enenkel. Doch die anfänglichen Bedenken haben sich schon lange zerstreut. »Ich fühle mich in der Arbeit und in der Gegend total wohl«, schießt es aus der Bauexpertin heraus. Sie freut sich über die »super Stimmung« im Rathaus und über die Vielfalt ihres Aufgabenbereichs. »Es ist viel Neues dabei, aber ich kann mich in alle Dinge hineinfinden«, sagt die Ingenieurin. Damit meint sie auch die im öffentlichen Dienst etwas langwierigen Antragsverfahren und Genehmigungen.

Neu ist für die Laufenerin auch die politische Beteiligung. Alles muss zunächst vom Gemeinderat abgesegnet werden. »Da geht natürlich etwas mehr Zeit ins Land, bis etwas passiert. Aber mich interessiert schon, welch politisches Konstrukt hinter den Projekten steckt.«

Oftmals sei in ihrem Job auch Diplomatie gefragt. Da nimmt sich Regine Enenkel gerne Bürgermeister Thomas Weber zum Vorbild. »Er hat eine tolle Art, ich kann viel von ihm lernen«, sagt die 44-Jährige und erklärt: »Er lässt die Leute sich erst ihre Wut von der Seele reden und zeigt Verständnis für ihre Aufregung. Erst dann bringt er ganz sachlich seine Argumente vor.«

Dass man trotz aller Diplomatie und engagierter Planungsarbeit manchmal an seine Grenzen stößt, erfuhr Regine Enenkel gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit in Bischofswiesen. So ging bei der Baustelle am nördlichen Bischofswieser Ortseingang anfänglich doch so einiges daneben. »Dort hat man sich nicht an die Abmachungen gehalten. Als vieles falsch lief, war kein Kapo auf der Baustelle und der Bauleiter auch noch in Urlaub.« Die Folge waren unter anderem viel kritisierte Verkehrsstaus in beide Richtungen.

Von den »Jungs« akzeptiert

Weil mit Michael Wendl auch ein zusätzlicher Techniker eingestellt worden ist, kann sich Regine Enenkel vor allem auf den Tiefbau konzentrieren. Doch auch da gibt es genug zu tun: Kindergarten, Bauhofentscheidungen, neues Bürgerzentrum und anderes. »Auch um verschiedene Anliegen von Einheimischen habe ich mich zu kümmern«, sagt Regine Enenkel. Aktuell kann sie sich bei Bedarf noch an den bisherigen Gemeindebaumeister Hans Keisinger wenden, doch der wird das Rathaus in Kürze in Richtung Ruhestand verlassen.

Dass Regine Enenkel auf Baustellen nicht unbedingt sofort als Bauingenieurin erkannt wird, daran hat sie sich schon gewöhnt. Ein Bauarbeiter hat sie einmal als Sekretärin betrachtet, ein anderer hielt sie für eine Passantin und wollte sie verscheuchen. »Wenn die Jungs auf der Baustelle dann wissen, wer ich bin, werde ich schon akzeptiert«, lacht die 44-Jährige. Sie weiß aber auch, dass man als Frau auf diesem Posten »wegen so mancher Sprüche ein dickes Fell haben muss«. Mit Humor und Wortgewandtheit weiß sich die Laufenerin aber gut zu wehren. Ohnehin will sie auf der Baustelle nicht mit Arroganz, sondern mit Wissen überzeugen. »Ich würde einem Kapo nie sagen, dass ich es besser weiß, nur weil ich studiert habe. Die Jungs kennen sich in Detailfragen schon sehr gut aus.«

Handwerkliches Geschick

Dass Regine Enenkel in der Regel weiß, wovon sie redet, liegt auch an ihrem handwerklichen Geschick. Einige Häuser hat sie zum Großteil eigenhändig saniert, sie kennt sich mit Werkzeugen aller Art aus und schreinert sich auch schon einmal selbst die Büroeinrichtung wie die Regale in ihrem aktuellen Arbeitsraum. »Ich bin nicht einfach so ein Mädchen«, stellt die Bauingenieurin klar.

Im Privatbereich ist Regine Enenkel immer noch viel in Salzburg unterwegs, wo sie viele Freunde hat. Doch in letzter Zeit wurde ihr klar, dass das Berchtesgadener Land ihre neue Heimat werden soll. Hier durchstieg sie zuletzt die Watzmann-Ostwand, machte die Watzmannüberschreitung, fuhr mit dem Mountainbike in die Berge. »Ich habe das Gefühl, dass ich nach so vielen Jahren der Rastlosigkeit angekommen bin«, sagt Regine Enenkel. Dringend sucht sie deshalb aktuell im Talkessel nach einer Wohnung oder – noch besser – nach einem Haus für sich und ihre beiden Töchter. Dann wird sie weniger Zeit auf der Straße zwischen Bischofswiesen und Laufen verbringen und kann abends sofort mit Rad, Skiern oder Laufschuhen losziehen. Doch jetzt wartet erst einmal der Trans-Alpine-Lauf, den die Extremsportlerin keinesfalls als Qual sieht. »Das ist meine Welt. Ich freu mich.« Ulli Kastner

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