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»Bedürfnisse der Bevölkerung kommen an zweiter oder dritter Stelle«

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Regierungsbaumeister a.D. Georg Renoth stieß mit seinen Ausführungen auf große Resonanz im Publikum. (Fotos: Pfeiffer)
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Interessierter Teilnehmer: Schönau am Königssees Bürgermeister Hannes Rasp.

Bischofswiesen – Wenn es nach Regierungsbaumeister a.D. Georg Renoth geht, hat der »Ausverkauf der Heimat« begonnen. Man müsse deshalb konsequent gegensteuern. Über die Wohnungsnot von Einheimischen und auf Profit abzielende Unternehmer, die zum Höchstpreis die letzten Grundstücke aufkaufen, sprach der Architekt und Stadtplaner im bis auf den letzten Platz gefüllten Gasthaus »Brenner Bräu«, in dem auch die Bürgermeister von Berchtesgaden, Bischofswiesen und Schönau am Königssee dabei waren.


Dass die Wohnsituation im Talkessel »angespannt ist« und oft spekuliert wird, daraus machte Georg Renoth keinen Hehl. Renoth ist zwar im Ruhestand, wohnt mittlerweile im Münchner Umland. Wenn es aber um seine Heimat geht, ist der gebürtige Schönauer immer zur Stelle. Etwa damals, als geplant war, das Hotel »Edelweiß« im Herzen Berchtesgadens siebenstöckig zu bauen. »Das wäre eine Bausünde höchster Kategorie gewesen«, sagt er rückblickend. Der Markt wäre »eine Katastrophe« geworden. Auch, wenn Renoth damals viel Kritik einstecken musste, angegriffen und verunglimpft wurde, nahm er sich weiteren Projekten an, deren bauliche Umsetzung in der Kritik stand.

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Auch, wenn Renoth zu Beginn seines Vortrags zunächst viel Theorie bot, Fakten zum Innen- und Außenbereich ansprach, waren ihm vor allem die konkreten Beispiele wichtig, an denen er die Problematik des ausufernden Ausverkaufs in einer Region, in der kaum Bauplätze vorhanden sind, darstellte. Ein Problem in Berchtesgaden und der Umgebung seien die vielen Splitterbereiche. »Es ist oft schwierig, eine Abgrenzung von Innen- und Außenbereich festzulegen«, betonte er. Werde im Innenbereich ein Bauprojekt genehmigt, so habe das immer Auswirkungen auf die Umgebung. Man müsse berücksichtigen, dass beim Bau eines neuen Gebäudes auch immer eine neue Situation geschaffen werde, auf die sich ein zukünftiger Investor beziehen könne.

Spekulanten und Heuschrecken

Natürlich hätten die Gemeinden mit großen Problemen zu kämpfen, da ihr Einfluss zwar vorhanden sei, allerdings müsse man wissen wie. Und genau das sei das Problem: »Wenn sich Gemeinden gut aufstellen und Spekulanten begegnen wollen, die wie Heuschrecken durch das Land ziehen und wertvolles Bauland für sich beanspruchen, müssen sie sich Profis ins Boot holen, um Waffengleichheit zu erzielen«, so Renoth.

Aus eigener Erfahrung wisse er, dass Bauunternehmer, die zu hohen Investitionen bereit seien, einen großen Trupp an Experten um sich scharen würden. »Darunter sind Planer und gut bezahlte Juristen«, so Renoth. Für Gemeinden sei es in solchen Fällen nicht einfach mitzuhalten. Bislang seien Berchtesgaden und die Nachbargemeinden eine »Insel der Geschonten« gewesen, an der Spekulanten und Investoren nur wenig Interesse gezeigt hätten – anders als etwa in Garmisch-Partenkirchen oder am Tegernsee.

Vor allem im Innenbereich hätten es Gemeinden nicht immer einfach. Zwar werde gefordert, großzügig mit Baurecht umzugehen und Wohnungen zu errichten. »Aber die Gefahr ist groß, dass dieses Baurecht nicht die Wirkung hat, die es haben müsste«, sagt Renoth. Die unabwendbare Folge: Die Heimat wird verkauft, Zweitwohnsitze entstehen – für den normalverdienenden Bürger bleibe nichts mehr übrig. Die Zweitwohnungssteuer sei vernachlässigbar, die dadurch entstandenen Nachteile deutlich größer als überschaubare finanzielle Zuflüsse.

Tatsächlich ist die Stimmung in der Bevölkerung auf der Kippe. Gegenüber Bürgermeistern und Gemeinden werden Vorwürfe laut, dass man sich nicht ausreichend für die Bevölkerung einsetze. Projekte, wie etwa jenes bei der Villa Schön, wo eine alte Villa abgerissen und durch mehrere Neubauten mit Quadratmeterpreisen von über 4 500 Euro entstehen sollen, schüren Zweifel. »Da verdient nur der Investor, alle anderen gehen leer aus, weil sich solche Wohnungen kein Normalverdiener leisten kann«, sagte ein Zuhörer.

Zahlreiche Grenzfälle

»Wenn man nicht massiv gegensteuert, ist zu befürchten, dass der Ausverkauf der Heimat weitergeht«, sagt Georg Renoth. Seiner Meinung nach müsse auch die Genehmigungsbehörde, das Landratsamt, genauer hinsehen, um abschätzen zu können, was im Innenbereich gebaut und umgesetzt wird. »Wenn der Paragraf 34 zu lapidar gehandhabt wird, wirkt sich das auf die Nachbarschaft aus und öffnet möglichen Spekulanten Tür und Tor, ihre Vorstellungen zu realisieren.« Renoth sagte, dass es im Talkessel zahlreiche Grenzfälle gebe, Fehlplanungen und Entscheidungen, die er nicht nachvollziehen könne. Bei vielen Projekten hat er sich eingeschaltet, Zeit und Arbeit investiert, so etwa bei der damaligen Hotelplanung am Elisenweiher, die letztlich nicht umgesetzt wurde. Oder beim überdimensionierten Großprojekt auf dem Grundstück der ehemaligen Kurklinik in Stanggaß. Renoth prangerte das einst geplante Königssee-Hotelprojekt an, »eine bauliche Katastrophe« sei dieses gewesen. Und selbst die Jennerbahn, die sich derzeit im Bau befindet, wurde kritisiert. Denn das vordere Gebäude samt großem Dach füge sich in keiner Weise in die Gegend ein. Überhaupt: Mehrfach sei man gemeindeseitig auf dubiose Unternehmen hereingefallen, die nichts weiter als Briefkastenfirmen waren und lediglich das »schnelle Geld« machen wollten.

Zuständig für die Entscheidungen, was wo gebaut wird, ist nach Renoths Einschätzung der Bürgermeister. »Ich kenne kein Gemeindeparlament, in dem Profis sitzen, die sich mit der Thematik des Baurechts entsprechend auskennen.« Der Bürgermeister dominiere und steuere den Prozess. »Vom Gemeinderat kann man nicht erwarten, dass er die Fähigkeit hat, bei kritischen Entwicklungen gegenzusteuern«, sagt Renoth. Dahingehend sei der Gemeinderat deutlich überfordert. Grundsätzlich werde versucht, Baurecht auszureizen – »und zwar so weit, wie es nur irgendwie geht.« Die Bedürfnisse der Bevölkerung würden häufig vernachlässigt werden, kämen erst an »zweiter oder dritter Stelle«. Dadurch steige die Unzufriedenheit.

»Das Thema ist mir zu heiß«

Zur Villa Schön sagte Georg Renoth nichts an diesem Abend. Erst auf Nachfrage äußerte er sich hierzu: »Das Thema ist mir zu heiß«, so der ehemalige Regierungsbaumeister, der zwischen den Zeilen Kritik erkennen lässt. Er wolle sich bei aktuellen Projekten nicht mehr an vorderster Front sehen. »Ich werde mich zurückziehen.« Dass das Thema noch nicht vom Tisch ist, darüber ist sich Renoth im Klaren. »Es wird noch viel diskutiert werden.« Kilian Pfeiffer