weather-image
24°
Die Umsetzung des »Alpine Pearls«-Konzepts lässt zu wünschen übrig

Benzingeschwängerte Alpinperle

Berchtesgaden – Die »Alpine Pearls« waren seit langem wieder Thema im Berchtesgadener Gemeinderat. Immerhin gehört Berchtesgaden zu den Gründungsmitgliedern. Eine Kooperation von 29 Tourismusgemeinden aus sechs Alpenstaaten, die sich »Alpine Perlen« nennen. Was es mit dem Verein, der die Förderung der sanften Mobilität vorantreiben möchte, auf sich hat, darüber grübelt so mancher Gemeinderat. Berchtesgadens Bürgermeister ist trotzdem überzeugt davon. Bei der Abstimmung über den Gründungsbeschluss eines sogenannten »Europäischen Verbundes für territoriale Zusammenarbeit« hatte er aber schließlich die Gemeinderäte auf seiner Seite.

Elektrofahrzeuge sollten laut »Alpine Pearls«-Konzept schon seit mehreren Jahren in den Mitgliedsgemeinden wie Berchtesgaden zur Verfügung stehen. Bislang setzt man aber auf E-Bikes. Foto: Anzeiger/Pfeiffer

Hans-Jürgen Kortenacker (Berchtesgadener Bürgergruppe) sagt ohne Umschweife, was er von den »Alpine Pearls« hält: nämlich nichts. Undurchsichtig sei der Verein, »die Kriterien kennt doch keiner«, hier werde ein »Apparat aufgeblasen, um Fördergelder abzugreifen.«

Anzeige

In der Tat ist es nicht ganz klar, was die »Alpine Pearls« eigentlich sind. Als Beobachter von außen kriegt man zudem den Eindruck, dass man mit dem Verein auf der Stelle tritt. Und wenig passiert. Der Jahresbeitrag für jedes Mitglied lag 2010 immerhin bei 12 000 Euro.

»Das Ziel des Vereins ist die sanfte Mobilität«, sagt Bürgermeister Franz Rasp in der Gemeinderatssitzung. Schon vor vier Jahren hieß es, man wolle eine Vorreiterrolle einnehmen, »Urlaub mit umweltfreundlicher Genussmobilität« bieten. Im Mittelpunkt des Konzeptes steht der Urlaub ohne eigenes Auto. Jene Orte, die sich unter den »Perlen der Alpen« zusammengeschlossen haben, bieten eine »Mobilitätsgarantie sowohl für die An- und Abreise als auch vor Ort«. Neben dem öffentlichen Nahverkehr sollen Shuttle-Taxis und – so ist es das Ziel – auch Elektroautos und -Fahrräder für »umfassende Bewegungsfreiheit« sorgen. In Werfenweng funktioniert die Umsetzung des Konzeptes gut, in Orten wie Berchtesgaden gibt es – bis auf die Sache mit den Fahrrädern – Nachholbedarf. Und zwar in der Umsetzung. Vor allen Dingen aber in der Vermarktung des Produkts. Denn bislang wurde es nicht geschafft, die »Alpine Pearls« sinnvoll in das Marketing-Konzept zu integrieren.

Wo ist das Elektroauto?

Die Zielsetzungen des Vereins sind groß. Nachhaltigkeit, so lautet das Stichwort. Bereits im Oktober 2010 wurde anlässlich eines Kongresses im Kongresshaus Berchtesgaden das Vorhaben geäußert, möglichst alle Mitgliedsorte mit Elektrofahrzeugen auszustatten. Das Angebot soll sich an Urlauber richten, die auf die E-Fahrzeugflotte zurückgreifen können. Damals hieß es, man arbeite mit namhaften Fahrzeugherstellern zusammen, man werkle an Umsetzungen, an E-Mobil-Lösungen, die zum Einsatz kommen sollten. Das ausgesprochene Ziel damals: Elektrofahrzeuge ab Sommer 2011.

In dieser Hinsicht ist weder in Berchtesgaden noch in Bad Reichenhall, ebenfalls Mitglied der »Alpine Pearls«, wenig passiert. Ziel seien Ortschaften, frei von »Verkehr, Abgasen und Lärm in Parkanlagen sowie autofreie Seitentäler.« In Berchtesgaden ist davon nichts zu sehen. Während der Sommermonate ist der Verkehr in Berchtesgaden heftiger als je zuvor. Tagtäglich kommt es zu Staus rund um den Knotenpunkt am Bahnhof-Kreisverkehr. Immer öfter finden Oldtimer-Events statt, die röhrende Autos und einen mit Fahrzeugen überfüllten Ortskern mit sich bringen. Die Zielsetzung des zugrunde liegenden Konzepts der »Alpine Pearls« wird dadurch ad absurdum geführt.

Autofreie Orte bleiben Wunschgedanke

Bürgermeister Franz Rasp ist dennoch überzeugt vom Zusammenschluss und rührt im Gemeinderat kräftig die Werbetrommel. Von »autofreien Kur- und Fremdenverkehrsorten« ist die Rede. Nur ist das in Berchtesgaden nicht mal im Ansatz vorstellbar.

»Die Alpine Pearls haben aktuell Probleme, international zu agieren«, sagt Rasp. Deshalb überzeugt er den Gemeinderat, den Verein in einen »Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit« (EVTZ) umzuwandeln. Für Berchtesgaden bedeutet das, dass der Ort bei Projekten künftig auch anteilig haftbar wäre. »Für Verpflichtungen muss man einstehen«, sagt Rasp.

Gemeinderat Michael Koller von den Freien Wählern sagt, dass es nicht sinnvoll sei, dass ausschließlich Berchtesgaden Mitglied der »Alpine Pearls« ist. Bischofswiesen, Ramsau, Schönau am Königssee und Marktschellenberg hingegen nicht. Koller sagt, dass die hiesige Tourismusregion Mitglied werden solle, nicht einzelne Gemeinden. Bislang konnten nur Gemeinden und Destinationen Mitglied werden. In Zukunft sei das anders, weiß Rasp. Kilian Pfeiffer