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Berchtesgadener fordern überwiegend Toleranz

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Für Toleranz plädiert der Leiter des Regionalzentrums Chiemgau/Berchtesgadener Land, Hartmut Karstens.
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Jeder entscheide, wie er lebe, sagt Ex-Skisprung-Bundestrainer Helmut Kurz, selbst lange Jahre aktiver Fußballer.
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»Wo die Liebe hinfällt«, so der Kommentar von Feuerwehr-Ehrenkommandant Stefan Lochner.
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Schwul zu sein sei in Ordnung, meint der ehemalige Schönauer Bezirksligatorhüter Christian Renoth.
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»Das ist Hitzelspergers private Sache«, sagt Skistützpunktleiter und Fußballkenner Helmut Wegscheider.

Berchtesgaden – Im Berchtesgadener Sportumfeld ist das Thema Homosexualität auch nach dem überraschenden Outing des ehemaligen Fußballprofis Thomas Hitzelsperger kein großes Thema. Dennoch zeigt eine Umfrage des »Berchtesgadener Anzeigers« bei heimischen Sportlern, Trainern, Funktionären und Vereinsvertretern, dass man die sexuelle Neigung Hitzelspergers toleriert. Homophob jedenfalls scheinen die Berchtesgadener nach Heimatzeitungsrecherchen nicht zu sein.


Der Rekordspieler der SG Schönau, Georg Maier, findet nichts Besonderes an diesem Bekenntnis, obwohl sich Hitzelsperger erst ein halbes Jahr nach dem Karriereende dazu bekannt hat. Maier glaubt nicht, dass jetzt gleich mehrere Profis ihre Neigung bekannt geben werden: »In unserer Gesellschaft muss man sich ohnehin fragen, ob wir normal sind«, befand der Ausnahmespieler, der für Hitzelsperger wohl keine Zukunft im Fußballgeschäft sieht. »Sicher wird Hitzelsperger andere Ansatzpunkte für seine Aktion gehabt haben und künftig nicht im Fußballgeschäft tätig werden«, mutmaßt Georg Maier, in dessen Verein auch die Homosexualität eines Spielers bekannt war. »Wir haben Fußball gespielt, das Private haben wir davon getrennt«, sagt Maier.

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Der ehemalige erfolgreiche Bundesligatrainer von SV Casino Salzburg und SAK Salzburg, Kurt Wiebach, billigt jedem zu, so zu leben wie er es in einer freien Gesellschaft bevorzugt. Gleichwohl weiß der erste Manager von Red Bull Salzburg auch, dass es in gewissen Bereichen Tabuzonen und einen Ehrenkodex gibt. Sicher hätten Journalisten längst gewusst, wie Thomas Hitzelsperger lebt, dennoch hätten sie Stillschweigen bewahrt, meint Wiebach. Dass Hitzelsperger seine Homosexualität erst ein halbes Jahr nach Ende seiner Profilaufbahn bekannt gab, weise doch schon auf das Tabuthema im Fußball hin, so Wiebach, der nicht weiß, ob diese Aktion als mutig zu bezeichnen ist. Einen Gefallen habe der Ex-Profifußballer damit wohl niemandem getan, denn dass sich jetzt mehrere homosexuelle Fußballer zu ihrer Neigung bekennen, glaubt der Berliner nicht.

Als überflüssig bezeichnet der Leiter des Regionalzentrums Chiemgau/Berchtesgadener Land, Hartmut Karstens, die Diskussion um das Thema. Man lebe in einer offenen Gesellschaft und solange sich die Menschen an gegebene Regeln hielten, sei Toleranz angesagt. »Ich habe nichts dagegen, wenn diese Leute sittsam leben«, befindet Karstens.

Schwul zu sein sei in Ordnung, meint der ehemalige Schönauer Bezirksligatorhüter Christian Renoth: »Die Homosexuellen sollen es jedoch daheim ausleben und nicht in die Öffentlichkeit gehen«, empfiehlt Renoth und wundert sich, dass die Aktion so kurz vor Sotschi geschehen ist.

Jeder entscheide, wie er lebe, und schließlich werde die Homosexualität längst von der Gesellschaft akzeptiert, sagt Ex-Skisprung-Bundestrainer Helmut Kurz. Ob ein Spieler, der sich zu seiner Neigung bekennt, seinem Verein damit einen Gefallen tut, sei dahingestellt. Dies betreffe vor allem Auswärtsspiele, bei denen die davon betroffene Mannschaft Probleme durch die Zuschauer bekommen könnte, meint Kurz.

Man solle es jedem selbst überlassen, wie er lebt, teilt zum Fall Hitzelsperger Eishockey-Profi Benedikt Kohl mit. In Eishockeykreisen gäbe es sicher auch Homosexuelle, gleichwohl sei dies noch nie ein Thema gewesen. Aber Fußball sei halt ein Massensport und solche Aktionen seien auch für die Medien gut, sagt der Nationalspieler aus Berchtesgaden.

Es sei doch klar, dass es auch unter den Fußballern Schwule gebe, sagt der langjährige Trainer des FC Bischofswiesen, Hannes Schneider. Früher sei das Thema Homosexualität in der Gesellschaft verschwiegen worden, heute sei das anders. »Ob das gut für alle ist, ist dahingestellt«, sagt Schneider.

Schwul zu sein, sei heutzutage doch gang und gäbe, sagt Sepp Wenig, Vorsitzender der Vereinigten Trachtenvereine. Dennoch sei im Profifußball die Zeit noch nicht reif, sich zu seiner Neigung zu bekennen, befindet Josef Wenig, selbst aktiver Fußballer, der aus Trachtlerkreisen Derartiges noch nicht gehört hat.

»Gut, dass sich Hitzelsperger geoutet hat«, sagt Monika Müller, Mutter des Zweitliga-Profis Fabian Müller, und stellt die provokante Frage: »Wie würden denn die Fans reagieren, wenn sich morgen ein aktueller Nationalspieler bekennen würde?«. Monika Müller hatte schon in den späten 70er-Jahren in Berlin mit vielen Homosexuellen und Lesben zu tun – »Die waren alle sehr nett, ich hatte keine Probleme mit ihnen«.

»Jedem das Seine«, meint der Bischofswieser Torjäger Michael Flunk: »Das gibt es doch in jeder Sportart, sicher auch im Bobsport«, so der Ex-Bobfahrer.

»Wo die Liebe hinfällt«, so der Kommentar von Feuerwehr-Ehrenkommandant Stefan Lochner, der schon bei zwei Lesben- und Homosexuellen-Hochzeiten als Gast dabei war. »Als sich jedoch die Männer nach dem Anstecken der Trauringe geküsst haben, schmeckte mir das Essen danach nicht mehr«, erinnert sich der »Laxerer«.

»Das ist mir wurscht, ich bin mit Hitzelsperger weder verwandt noch kenne ich ihn. Zudem ist es seine private Sache«, befindet der Leiter der Skistützpunkte Götschen und Jenner/Krautkaser, Helmut Wegscheider. Christian Wechslinger