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»Berge sind die Wassertürme der Welt«

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»Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg«, sagte Matthias Jurek (r.) im Gespräch mit (v.l.): Dirk Glaesser, Sara Manuelli, Alina Szászm und Michael Maunsell. (Foto: Vietze)

Berchtesgaden – Wie kann sich Bergtourismus nachhaltig entwickeln? Diese Frage versuchten Experten am Sonntagmittag im Rahmen der euro-asiatischen Bergtourismuskonferenz der Welttourismusorganisation UNWTO im AlpenCongress zu beantworten. In dieser Gesprächsrunde war ein Aspekt sehr wichtig: die Vernetzung von Einheimischen, Touristen und Regierungen.


Die Bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber betrachtet die nachhaltige Entwicklung des Bergtourismus als eine große Chance. Man müsse der Übernutzung entgegenhalten, um die Natur zu schützen. Weil: Die Berglandschaft habe viele Facetten. Durch Wertschöpfungskreisläufe könne man das Überleben der Natur sichern.

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Moderator Dirk Glaesser, Direktor der Abteilung »Nachhaltige Entwicklung des Tourismus« innerhalb der UNWTO, gab einen Einblick in dieses Thema. Bis 2016 sei Nachhaltigkeit im Tourismus zu wenig beachtet worden. Deshalb etablierte die UNWTO die sogenannten »Sustainable Development Goals« (SDGs). Dabei untersuchen sie verschiedene Elemente der Nachhaltigkeit – wie die ausgerichtete Politik der jeweiligen Regierung.

Glaesser stellte bereits fest: Nachhaltigkeit sei wichtig für den wirtschaftlichen Wettbewerb, verursache aber auch Kosten. Seine Botschaft daher: »Wir brauchen zeitnahe Messungen. Man kann nur regeln, was man messen kann.« Nur durch regelmäßige Kontrollen könne man nachhaltige Ziele entwickeln und Instrumente schaffen. Zudem seien langfristige Pläne über zehn Jahre essenziell.

Sara Manuelli, tätig für das »Mountain Partnership«-Sekretariat, empfand Armut als große Schwachstelle für nachhaltigen Bergtourismus. »Berge ziehen Touristen an. Leider übersieht man die Ungleichverteilungen in solchen Gebieten«, sagte Manuelli. Von 2000 bis 2012 sei die Armutsrate in Bergregionen um 30 Prozent gestiegen. Besonders Entwicklungsländer hätten wegen mangelnder Infrastruktur und fehlender Kredite damit zu kämpfen. Deshalb müsse man mehr investieren, zeitnah agieren und bestehende Netzwerke ausbauen.

Kommunikation als Schlüssel zum Erfolg

Der Programmbeauftragte für Umweltfragen der Vereinten Nationen, Matthias Jurek, erweiterte Manuellis Gedanken. Nicht nur der Ausbau der Netzwerke, sondern auch die Bildung richtiger Plattformen sei maßgeblich für nachhaltigen Bergtourismus. Zwischen Nachhaltigkeit und Tourismus bestehe eine wechselseitige Abhängigkeit: Der Tourismus trage zu einer besseren Kommunikation bei. Nachhaltigkeit soll hingegen Tourismus schützen. Nur so könne man Biodiversität erhalten.

Beispielsweise seien die Berggorillas in Uganda eine Touristenattraktion – dementsprechend eine hohe Einnahmequelle. »Viele Menschen gehen in geschützte Bereiche und gefährden diese Spezies«, so Jurek. Vielen Touristen sei nicht bewusst, dass sie Krankheiten auf Berggorillas übertragen und sie damit vor dem Aussterben bedrohen. Nur durch erfolgreiche Kommunikation könne man das Habitat schützen.

Für Michael Maunsell, Vizepräsident der UIAA-Bergschutzkommission, war Authentizität ein wichtiger Faktor für nachhaltigen Bergtourismus. »Landwirte haben die Berge geschaffen. Es fehlt aber die Verbindung zu den Nutzern«, stellte Maunsell fest. Das Problem: Viele Landwirte verlassen ihre Landflächen ohne Nachfolger. Nutzer müssen auch aktiv werden.

Bergsportler hätten bereits großen Willen gezeigt, indem sie wilde Tiere geschützt, sich mit Landschaftswerten auseinandergesetzt und Veränderungen festgehalten hätten. Sie seien Forscher geworden. Wenn sich Touristen zu Laienwissenschaftler entwickeln, könne man das Klima positiv verändern.

Alina Szász, Koordinatorin der »Carpathian Sustainable Platform« Zentralrumäniens, legt viel Wert auf regelmäßige Datenarbeit. Neben Nachhaltigkeitsplattformen müsse man Aktionspläne überwachen. Zudem sei die verstärkte Einbindung lokal Verantwortlicher unabdingbar. Durch ständige Datenarbeit arbeite man positive und negative Indikatoren heraus. Besonders Einheimische sollen sich der Bedeutung des nachhaltigen Bergtourismus bewusst werden.

»Wir müssen den Ansatz ändern. Schließlich ist auch wichtig, was Einheimische wollen«, sagte Szász. Wenn sich eine Berggesellschaft einbringe, könne sie Touristen für Nachhaltigkeit in ihrer Region sensibilisieren. Die Karpatenkonvention habe bereits in Ländern wie Polen oder Rumänien durch Partnerschaften mit relevanten Interessenverbänden wichtige Schritte gemacht, um eine einzige Natur und kulturelle Besonderheiten zu erhalten.

Narrative schaffen

Um möglichen Problemen vorzubeugen, sei laut Manuelli eine narrative Schaffung von hoher Bedeutung. Man müsse eine emotionale Bindung zum Käufer herstellen. Beispielsweise Wanderungen durch die Produktionsstätte sollen dem Konsumenten bewusst machen, warum regionale Bergprodukte wichtig seien. Durch Nachhaltigkeitsberichte könne man diese bewerten und Empfehlungen entwickeln.

Vor allem die junge Generation sei eine wichtige Zielgruppe, wie Maunsell behauptete. Social media sei ein mächtiges Werkzeug dafür. Die jungen Menschen wollten sich mit der Natur verbinden. Jurek bestätigte die Macht der sogenannten Influencer. Er berichtete von einer Kampagne, die Ausscheidungen der Tiere in Biokraftstoff umwandelt. Über social media habe man die besten Möglichkeiten, dieses Projekt für alle zugänglich zu machen. Man könne die Botschaft des nachhaltigen Bergtourismus besser transportieren.

Neben social media soll sich der Tourismus auf Regionen ausdehnen, die nicht überlaufen sind. Man müsse die Belastungen verteilen, wie Szasz behauptete. Nur durch Berücksichtigung aufstrebender Märkte und durch Einbindung lokaler Gemeinschaften sei nachhaltiger Tourismus möglich.

Im Abschlussstatement sollten alle eine Prognose für den Bergtourismus 2050 wagen. Dabei zeigten sich alle optimistisch. »Berge sind die Wassertürme der Welt. Diese Wassertürme sollen erhalten bleiben«, sagte Maunsell. Patrick Vietze