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Bergwacht stellt Presse gutes Zeugnis aus: »Profis geschickt«

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Vor allem nach der geglückten Rettung des Höhlenforschers war der Andrang bei der Pressekonferenz in der Fahrzeughalle der Feuerwehr groß. Foto: Neumayr/Vogl
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Roland Ampenberger und Jacqueline Rupp waren die Hauptansprechpartner für die einhundert Journalisten in Berchtesgaden. Foto: Anzeiger/Hudelist

Berchtesgaden – Die Rettungsaktion des verunglückten und nach zwölf Tagen geretteten Höhlenforschers Johann Westhauser hat auch einen Medienrummel ausgelöst. Rund 100 Journalisten, Fotografen, Kameramänner und Tonassistenten rückten an, um großteils aus der Ferne über die Aktion im Bauch des Untersbergs zu berichten. Wie bei Katastrophen üblich, müssen die Verantwortlichen einen Spagat schaffen: die Presse mit ausreichend Informationen zu versorgen, ohne die eigentliche Rettungsaktion zu gefährden. Medien-Coach Jacqueline Rupp war überrascht über den »sehr fairen und verständnisvollen Zugang der Journalisten. »Die Redaktionen haben nur Profis geschickt.«


Zwölf Tage lang blickte die Welt auf den Untersberg und wollte doch eigentlich in die Riesending-Höhle hineinschauen, in welcher der 52-jährige Forscher Johann Westhauser wegen eines Steinschlages verletzt gefangen zu sein schien. Schon wenige Stunden nach dem Bekanntwerden und dem Start der Rettungsaktion trafen die ersten Reporter und Fernsehteams mit ihren SNGs ein, also den Übertragungswagen, die ihr Material via Satellit sofort senden können. Auch der Bergwacht war schnell klar, dass es sich hier nicht um einen »normalen« Bergunfall handelt, für den sich in der Regel nur die lokale Presse interessiert. Drei tägliche Pressekonferenzen wurden in der Halle der Freiwilligen Feuerwehr abgehalten, für Radio-Stationen und TV-Morgenmagazine bereits um 7 Uhr, eine große Pressekonferenz jeweils um 14 Uhr und meistens auch noch eine um 18 Uhr.

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Doch je länger die einzigartige Aktion dauerte, desto mehr Journalisten kamen, die Pressekonferenzen schienen die Flut an Anfragen nicht mehr befriedigen zu können. Eine Woche nach dem Unglück holte die Bergwacht daher eine erfahrene ehemalige Journalistin mit an Bord, die 44-jährige Jacqueline Rupp. Sie wirkte als Mediencoach vor allem im Hintergrund, saß bei den täglichen Pressekonferenzen meist beobachtend am Rande und kanalisierte alle Anfragen.

»Meine Aufgabe war es nicht, die Funktion des Pressesprechers zu übernehmen, das haben die Leute von der Bergwacht perfekt gemacht«, erklärt Rupp. Sie sei vor allem geholt worden, um die technischen Anfragen nach Bildern zu koordinieren und die Einsatzkräfte auf Interviews in den Pressekonferenzen vorzubereiten. »Nach einer Woche wurde der Wunsch nach Interviews mit Höhlenrettern immer drängender. Ich habe sie darauf vorbereitet, was sie von dem Erlebten in der Höhe auch öffentlich erzählen dürfen.« Immerhin ging es um einen Verletzten, dessen Persönlichkeitsrechte gewahrt werden mussten, auch die Ärzte konnten wegen ihrer beruflichen Schweigepflicht meist nur von einem »stabilen Zustand« berichten.

Gesichtsfoto vom Geretteten auf allen Titelseiten

Viele Journalisten bedeuten aber nicht nur viele Fragen. Der Wunsch nach Bildern von der Einstiegsstelle, und noch besser natürlich aus der Höhle, wurde von Tag zu Tag lauter. »Bilder sind sehr wichtig, das war uns von Anfang an klar, aber wir wollten eben nicht, dass auf 1 800 Metern Höhe am Untersberg auch noch 50 Journalisten herumlaufen und es zu gefährlichen Situationen kommen kann«, so Roland Ampenberger von der Bergwacht.

Für die Zeitungen gab es sehr rasch ausreichendes Bildmaterial, für das Markus Leitner vom BRK Berchtesgadener Land sorgte. Als Sanitäter weiß er, wie ein Einsatz realistisch dargestellt werden kann, ohne die Rettungsaktion zu behindern. »Einsatzfotos müssen immer authentisch sein, sonst kommt schnell der Vorwurf, wir würden etwas idealisierend darstellen wollen.« Hunderte Einsatzbilder konnte die Bergwacht so zur Verfügung stellen, für einige Boulevardzeitungen nicht genug, sie schickten trotzdem eigene Fotografen auf den Untersberg. »Von diesen Fotografen stammt auch das Foto vom Abtransport, auf dem man das Gesicht des Verunglückten sieht. Das hätten wir nie gemacht«, so Leitner. Doch auf dem Videomaterial sah man auch viele Rettungskräfte fotografierend am Berg, Leitner rechtfertigt das so: »Das waren Höhlenretter, die unter Einsatz ihres Lebens den Verunglückten gerettet haben. Denen kannst du nicht verbieten, für sich privat ein Erinnerungsfoto zu machen.«

Pool-Lösung für TV-Bilder

Fast noch wichtiger als Fotos sind »bewegte Bilder« für die TV-Stationen, auch hier wollten die Einsatzkräfte auf keinen Fall private Kameraleute am Berg haben. Rupp hatte als ehemalige Redakteurin des Bayerischen Rundfunks die Idee, einen Pool zu bilden. Das heißt, ein bergerfahrener Kameramann darf auf den Berg und filmen, die TV-Station stellt das Material dann allen anderen zur Verfügung. So war ab der zweiten Woche ein freier Kameramann des BR am Berg, der auch für »Bergauf-Bergab« im Einsatz ist, die Bergwacht und der BR stellten dann einen Zusammenschnitt allen Sendern zur Verfügung. Auch das mit kleinen Helmkameras in der Höhle gefilmte Material wurde erst von der Bergwacht gesichtet, »es ging immer darum, die Persönlichkeitsrechte des Verunglückten zu schützen«, so Rupp.

»Die Medien haben Profis geschickt«

Auch eine Woche nach dem glücklichen Ende der Rettungsstation bekommen Ampenberger und Rupp immer noch Mails, in denen sich Journalisten für die Zusammenarbeit bedanken, durchaus ungewöhnlich in der Branche. Auch Rupp empfand die Arbeit mit ihren ehemaligen Kollegen als extrem professionell. »Die Redaktionen haben zum Glück keine Schar an Praktikanten geschickt, sondern nur Profis.« Nur ein einziges Mal seien die Rettungskräfte in der Einsatzzentrale und sie selbst regelrecht geschockt gewesen, als in der BILD-Zeitung plötzlich die vertrauliche Liste an Medikamenten zu lesen war, die Westhauser in der Höhle verabreicht bekam. »Der Chefredakteur dieser Zeitung hat mir am Telefon dann gesagt, er brauche mir als ehemaliger Journalistin doch nicht erzählen, wie investigativer Journalismus funktioniert.«

Von diesem Zeitpunkt an war das Gelände bei der Feuerwehr abgesperrt, die Journalisten durften nur mehr zu den Pressekonferenzen in die Halle. »Von diesem Einzelfall abgesehen, waren die Journalisten super kompetent und verständnisvoll, es war ein sehr fairer Umgang miteinander.«