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»Beschützerinstinkt« entfacht Gewaltausbruch

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Das Laufener Amtsgericht verurteilte einen 25-jährigen Schönauer wegen gefährlicher Körperverletzung. (Foto: Höfer)

Bischofswiesen – Es war schon nach Mitternacht bei dem Fest am Aschauer Weiher im November 2015, als ein 19-jähriger Lehrling einer 20-jährigen Abiturientin ein Bein stellte. Das weckte den Beschützerinstinkt ihres 25-jährigen Freundes und ließ ihn mehrmals mit der Faust zuschlagen. Die Verletzungen des Lehrlings waren erheblich und so trafen sich nun alle Beteiligten am Laufener Amtsgericht wieder. Wegen gefährlicher Körperverletzung muss der 25-Jährige 4 800 Euro Strafe zahlen, dazu 3 000 Euro Schmerzensgeld und die Kosten des Verfahrens. Darüber hinaus erwarten den Verurteilten erhebliche Forderungen der Krankenkasse.


»Eingefädelt« habe er beim Bein der 20-Jährigen, beschrieb es der Lehrling. »A Hackei g'stellt«, nannte es die 20-Jährige aus Bischofswiesen. Sie sei jedenfalls hingefallen, habe geweint und den Vorfall ihrem Freund, dem 25-jährigen Schönauer, berichtet, worauf der den Lehrling zur Rede stellte. »Ich habe ihn gefragt warum«, erzählte der Angeklagte, darauf habe er jedoch keine Antwort erhalten. Auf die konkrete Frage, ob der Lehrling seiner Freundin ein Bein gestellt habe, hätte der nur süffisant gelächelt und gemeint: »Kann schon sein.«

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Schönauer gesteht zwei Schläge mit der Faust

»Da habe ich mich provoziert gefühlt«, gestand der Schönauer die zwei Schläge mit der Faust, nicht jedoch die ebenfalls angeklagten Fußtritte gegen den Kopf. Man sei bei der anschließenden Rangelei gemeinsam in die Stehtische vor dem Gasthaus gefallen, schilderte der 25-Jährige das Geschehen. Gesehen hatte den Vorfall auch der 27-jährige Bruder des Angeklagten. Der bestätigte zwei Faustschläge und die Rauferei am Boden. »Es war das erste und einzige Mal, dass mein Bruder so ausgerastet ist«, beteuerte der Techniker, der die beiden anschließend getrennt hatte.

Der Lehrling selbst sprach von fünf bis zehn Schlägen und mehreren Tritten. »Zu langsam und zu besoffen« sei er gewesen, um sich zu wehren, und nach den ersten beiden Schlägen bereits »belämmert«. Das Angebot des Täters und dessen Bruders, einen Krankenwagen zu rufen, hatte der 19-Jährige abgelehnt und war stattdessen die drei Kilometer zu Fuß nach Hause gegangen – trotz der Verletzungen. Lippe und Augenbraue waren aufgeplatzt und mussten am nächsten Tag im Krankenhaus Berchtesgaden genäht werden. Der Arztbericht sprach von multiplen Prellungen, ein Zahn war zu drei Vierteln abgebrochen.

Mehrfache Entschuldigungen und 1 000 Euro

Weshalb er denn überhaupt der 20-Jährigen ein Bein gestellt habe, wollte Richter Dr. Karl Bösenecker wissen. »Reiner Blödsinn«, gestand der Lehrling, der vom Täter neben mehrfachen Entschuldigungen auch 1 000 Euro Wiedergutmachung erhalten hat. Zu wenig aus Sicht von Rechtsanwalt Jürgen Tegtmeyer, der den geschädigten Lehrling vertrat, wenngleich er das Nachtat-Verhalten des 25-jährigen Schönauers ausdrücklich lobte.

Die geforderten 5 000 Euro erschienen wiederum Rechtsanwalt Dr. Andreas Kastenbauer zu hoch. Der Verteidiger des Schönauers bot zu den schon bezahlten 1 000 Euro weitere 2 000 Euro an, womit Tegtmeyer und der geschädigte Lehrling einverstanden waren. Gleichwohl sei es möglich, in einem Zivilprozess einen »Nachschlag« einzufordern, wie es der Richter formulierte.

Staatsanwältin Christina Kühnhauser attestierte dem Lehrling, ohne Belastungseifer ausgesagt zu haben. Aus »relativ nichtigem Anlass« habe der Angeklagte mit den Fäusten zugeschlagen. Aufgrund der erheblichen Verletzungen, die im Gerichtssaal mit Bildern dokumentiert wurden, erachtete sie 180 Tagessätze zu je 40 Euro als angemessen.

Das erschien selbst dem Verteidiger des Geschädigten als »zu happig«. Tegtmeyer hegte allerdings keinen Zweifel an den von seinem Mandanten geschilderten Fußtritten. Ihm war die gerichtliche »Feststellung« möglicher Folge- und Spätschäden wichtig.

»Erinnerungsdefizite beim Opfer«

Anwalt Kastenbauer hielt die Tritte nicht für nachgewiesen. Die Aussage des Opfers sei geprägt von »Erinnerungsdefiziten« und daher unvollständig gewesen. Der Verteidiger wollte auch nicht – wie angeklagt – von gefährlicher Körperverletzung ausgehen, sondern lediglich von vorsätzlicher. Aufgrund der weinenden Freundin und »affektiver Erregung« sei bei dem Angeklagten der »Beschützerinstinkt durchgebrochen«. In Anbetracht der Kosten, die auf den Schönauer zukämen, werde der einige Jahre brauchen, »um die Folgen zu bewältigen«. Kastenbauer plädierte für eine Strafe deutlich unter der von der Staatsanwältin geforderten, ohne jedoch selbst ein Strafmaß einzubringen.

Karl Bösenecker erachtete nur zwei Faustschläge als erwiesen an. Dennoch: »Heftige Faustschläge gegen den Kopf sind als lebensgefährdend anzusehen«, demnach handle es sich zweifelsfrei um eine »gefährliche Körperverletzung«. Das Nachtatverhalten des Schönauers sei vorbildlich und sichtlich von Reue geprägt, würdigte der Strafrichter, und der Angeklagte mache hier einen friedlichen und besonnenen Eindruck.

Lehrling habe auf Bildern »furchtbar ausgeschaut«

Bösenecker mochte zudem von einer gewissen vorangegangen Provokation durch den Lehrling ausgehen, der auf den Bildern »furchtbar« ausgeschaut habe. Was den provisorisch aufgeklebten Zahn betreffe, müsse der Geschädigte mit weiteren Problemen und Folgebehandlungen rechnen. »A rechts Gschieß«, sei das »auf gut Bairisch« stets mit solchen Zahnbehandlungen, weiß Bösenecker. Er entschied auf 120 Tagessätze zu je 40 Euro, dazu die vorher ausgehandelten weiteren 2 000 Euro Schmerzensgeld. Der Verurteilte hat die Kosten des Verfahrens zu tragen, ebenso die Kosten des Nebenklägers. Zudem hat der 25-Jährige »alle materiellen und immateriellen Schäden zu ersetzen, die noch entstehen werden.« Die finanziellen Folgen seien erheblich, so Bösenecker, fordere doch die Krankenkasse die entstandenen Behandlungskosten zurück.

Der Schönauer entschuldigte sich im Gerichtssaal noch einmal bei dem Lehrling und bei dessen Eltern. »Ich hoffe, wir haben in Zukunft einen guten Umgang miteinander«, sagte der Verurteilte, worauf der Lehrling erwiderte: »Des kemma macha.« höf

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