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»Bilder, die im Kopf bleiben«

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Mandy Buchholz hat ihrer Nachbarin das Leben gerettet, als sie von ihrem Ex-Freund angegriffen wurde. Kürzlich ist sie für den Preis der Fernsehsendung »Aktenzeichen XY ungelöst« nominiert worden. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Die Schreie waren panikerfüllt. Mandy Buchholz aus Berchtesgaden hörte sie hoch bis in ihre Wohnung im zweiten Stock. Sie eilte auf den Balkon, blickte nach unten.


Da lag ihre Nachbarin, mit dem Rücken auf dem Boden, die Augen verdreht. Deren Ex-Freund kniete auf ihrem Oberkörper, beide Hände lagen um ihren Hals. Mandy Buchholz musste reagieren. Ihrer Nachbarin rettete sie schließlich das Leben. Und wurde nun für den XY-Preis der ZDF-Sendung »Aktenzeichen XY ungelöst« unter der Schirmherrschaft des Bundesinnenministers nominiert.

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Immer, wenn Mandy Buchholz über jenen Tag im vergangenen Sommer spricht, sieht sie vor ihrem geistigen Auge die schlimmen Bilder, die sich damals zutrugen. Als ein schrankgroßer Mann auf der zierlichen Nachbarin saß, sie bis zur Bewusstlosigkeit würgte. Der Ex-Freund war im Begriff, ihr das Leben zu nehmen. »Ich konnte die ersten Wochen danach nur schlecht schlafen«, erzählt die 35-Jährige. »Wäre ich nicht gekommen, wäre sie heute tot.«

16 Uhr, das Wetter angenehm. Mandy war mit ihrer Familie gerade aus dem Gemeinschaftsgarten in die Wohnung gekommen. »Wir hatten etwas zu essen vorbereitet.« Dann kreischte jemand. »Ich konnte es anfangs nicht zuordnen«, sagt Mandy Buchholz. Sie ging auf den Balkon. Ihre Nachbarin lag unten in der Wiese, ein Mann auf ihr. Er würgte sie. »Ich bin super schnell runtergelaufen«, sie hielt sich am Geländer fest, nahm immer mehrere Treppen mit einem Satz. Unten angekommen, brüllte sie den Mann, den sie nicht kannte, an, »verschwinde, geh von ihr runter«. Er reagierte nicht, er würgte die Frau, deren Augen mittlerweile verdreht waren, weiter. Mandy ging auf den Mann los, »ich handelte im Affekt«, erzählt sie.

Sie brachte ihn ins Wanken. »Wenn ich du wäre, würde ich lieber gehen«, sagte er, packte Mandy und stieß sie in die Hecke. Dann ging er wieder zur Frau zurück, die noch immer auf dem Boden lag, packte sie an den langen blonden Haaren, riss sie nach oben und schmetterte ihren Kopf auf den Boden. Mehrfach. »Sie hätte sich das Genick brechen können«, sagt Mandy, die sich vom Boden aufgerappelt hatte und schrie. Schreckliche Sekunden seien das gewesen.

Der Mann brüllte die Frau unter ihm an, beschimpfte sie. Mandy stürzte sich erneut auf ihn. Das Herz schlug Mandy bis zum Hals. »Mandy, Mandy, hilf mir«, das waren die knappen Worte des Opfers, das wieder bei Bewusstsein war. Der Mann hatte der Nachbarin mehrere große Haarbüschel ausgerissen, stand auf und ließ von ihr ab, als eine weitere Hausbewohnerin sich einmischte. »Lass die Frau in Ruhe«, rief die Nachbarin von oben herab. Mandy nutzte die Gelegenheit, packte die Verletzte, »sie krallte sich an mir fest«, erzählt sie.

Gemeinsam bewegten sie sich auf das große Trampolin zu, das im Gemeinschaftsgarten steht. Der Mann hatte die beiden Frauen im Visier, wollte auf sie zugehen. »Ich schrie nach Kevin, einem Nachbarn, in der Hoffnung, dass er uns hört«, sagt Buchholz. Und, damit der Mann endlich aufhört. Auch Mandys Tochter blickte mittlerweile vom Balkon nach unten. Mehrere Augenpaare hatten ihn also im Visier. Mandy erinnert sich, dass er hoch zu den Balkonen schaute, »dann zu uns zum Trampolin«. Bis ihm bewusst wurde, dass er »nicht mehr weitermachen kann«, sagt Mandy.

Der Mann ging zum Auto, so, als wäre nichts gewesen. Mandys Tochter hatte bereits die Polizei verständigt, eine Nachbarin kam, brachte Eiswürfel. Die Frau, die sich schon seit Längerem von ihrem Ex-Freund getrennt hatte, hatte Würgemale am Hals, Haarbüschel lagen in der Wiese herum. Die Polizei, die kurz darauf eintraf, brachte Mandys Nachbarin ins Krankenhaus, der Angreifer konnte später gestellt werden. Er war kurz davor noch zu einem Arbeitskollegen gefahren, hatte diesem gestanden, dass er die Frau töten wollte.

Dieser Tag hat die beiden Frauen zusammengeschweißt. »Wir haben sehr viel miteinander geredet. Immer wieder.« Über den Tathergang etwa. Dass der Ex-Freund in die Wohnung eingebrochen war, die Frau dann in der Wohnung gewürgt hatte. Tisch, Fernseher und mehrere Bilder wurden dabei zertrümmert. »Hätte sie sich nicht auf die Terrasse rausschleppen können, hätte womöglich niemand etwas mitgekriegt«, sagt Mandy, fassungslos. Seit einem knappen halben Jahr arbeiten Buchholz und ihre Nachbarin beim selben Arbeitgeber. Von der Kripo hat Mandy viel Lob bekommen für ihre schnelle Reaktion und ihre Zivilcourage. Das ist auch der Grund, warum die Nachbarin sie für den XY-Preis der ZDF-Sendung »Aktenzeichen XY ungelöst« vorschlug. Mandy Buchholz wurde als eine von drei Personen nominiert. Eine Jury muss nun über den Sieger entscheiden.

Der Täter wurde zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. »Die Bilder werden immer im Kopf bleiben«, sagt Mandy Buchholz. Kilian Pfeiffer