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Bimmelbimmel statt bambam

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Die Bauersleute Barbara und Martin Eder-Hofhammer und ihr Anwalt Hans-Jörg Schwarzer. (Fotos: Höfer)
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Der Gegenstand des Streits: Die große Kuhglocke.

Bad Reichenhall – Sieben Jahre dauerte der Streit zwischen einem Bauernehepaar in Marzoll und zwei Anwohnerinnen. Die Bauersleute hatten eine ihrer Weidekühe mit einer Glocke ausgestattet – wegen der Tradition und der Sicherheit. Die beiden Anwohnerinnen aber fühlten sich durch permanenten Lärm belästigt und im Schlaf gestört. Nach Protesten, Demos, Drohbriefen, Schlichtungsversuchen und Gerichtsterminen fand der Streit gestern nach einem Lokaltermin ein überraschendes Ende: Die Bauersfrau und die eine noch verbliebene Klägerin einigten sich darauf, eine kleinere Glocke nur bei Bedarf und dann in genügendem Abstand anzubringen.


Vor sieben Jahren habe man wieder mit Weidehaltung begonnen, erzählte der Landwirt dem »Anzeiger«-Vertreter. Und man habe eine der Kühe mit einer Glocke ausgestattet – falls die Herde einmal ausbrechen sollte. »Dann kam schon gleich ein Brief«, sagte er, ohne auf Details einzugehen. Daraufhin wollte man den kritischen Nachbarinnen ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Glocke einräumen, was die aber abgelehnt hätten. »Dann hat sich das aufgeschaukelt«, erinnerte sich der Bauer.

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Die beiden Klägerinnen hatten ihrerseits bei einer Verhandlung am Laufener Amtsgericht Vorwürfe gegen die Bauersleute erhoben. Die sollen ihnen angedroht haben, alle Kühe und Kälber mit Glocken auszustatten. Klar sei jedenfalls: »Die Glocke bleibt dran, Sie können ja wegziehen.« Das taten inzwischen zwei Anwohnerinnen. Eine davon ist Hebamme im Schichtdienst. Die andere ist eine der Klägerinnen.

Richter Dr. Stefan Poller hatte bei einem Termin am 31. Mai 2016 am Laufener Amtsgericht eine Testphase angeregt, bei der die behängte Kuh einen Mindestabstand von 60 Metern zum Haus der einen noch verbliebenen Klägerin einhalten musste. Ein für den Sommer anberaumter Ortstermin war zunächst auf Herbst verschoben und dann abgesagt worden.

Gestern war es dann soweit. Poller hatte auf seinem Laptop eine Lärm-Mess-App installiert, die ihm zunächst Werte unter 60 Dezibel anzeigte. Auch eine Variante, in der der Bauer mit der Glocke bimmelnd die Zaungrenze entlangging, brachte keine höheren Werte. »Das ist nicht so, wie wir das kennen«, zeigte sich Rechtsanwalt Reinhard Hauff überrascht und versuchte Ursachenforschung: Das hohe Gras, die Windrichtung? Oder habe man die Glocke gar »ausgestopft«? Unstrittig war, dass an diesem gestrigen Vormittag eine Vielzahl an Umgebungsgeräuschen herrschte. Es wurde Rasen gemäht, Busse, Autos und Maschinen fuhren die Straße entlang, Nordic Walker klapperten mit ihren Stöcken durch Marzoll. Direkt vor dem Richter schaffte es die stattliche Glocke allerdings auf 83 Dezibel.

»Der Leidensdruck ist zu groß«

»Die Alternative wäre eine Langzeitmessung«, sagte der Richter, dabei würden über die Sommermonate alle Geräusche erfasst. »Ich halte das nicht aus«, warf die verbliebene Klägerin ein »der Leidensdruck ist zu groß.« Sie warf neuerlich die Frage auf, ob es denn die Glocke überhaupt brauche. »Um das geht es heute nicht«, blockte Stefan Poller diese Diskussion ab.

Die Wende brachte dann die Bauersfrau selbst. »Der Stier ist inzwischen weg, die Kälbchen sind noch nicht da.« Sie schlug vor, jene Kälber mit »schlechtem Charakter«, also solche, die zum Ausbruch neigten, mit einer kleineren Glocke auszustatten. Und auch das nur in einer gewissen Entfernung zum Haus der Klägerin. Nicht gänzlich einverstanden mit dem überraschenden Entgegenkommen zeigte sich deren Anwalt, Hans-Jörg Schwarzer. »Wir haben heute gehört, dass man praktisch nichts hört; man sollte jetzt nicht zurückweichen.«

Große Glocke wird nicht mehr verwendet

Richter Stefan Poller dagegen mochte »den guten Willen honorieren« und fasste die Vereinbarung noch einmal zusammen: »Die große Glocke wird nicht mehr verwendet. Eine kleinere Glocke wird nur bei Bedarf angebracht. Eine Beweidung ist auf der ganzen Fläche zulässig, mit Glocke sollten die Parteien den erforderlichen Abstand einvernehmlich festlegen. Der Rechtsstreit ist damit erledigt.« Mit »toll« und »klasse« kommentierte Poller selbst die Lösung. Die Kosten des Verfahrens werden geteilt; den Streitwert – Grundlage für die Kostenberechnung – legte Poller mit Einverständnis der beiden Anwälte auf 5 000 Euro fest. Die erklärten für ihre Mandanten Rechtsmittelverzicht.

»Man hätte sich viel Zeit, Geld und Ärger sparen können«, sagte die Klägerin schließlich gegenüber zum »Anzeiger«-Vertreter. Sie betonte ausdrücklich, dass sie überhaupt nichts gegen Kühe und gegen die Bauersleute habe. »Und die Mutterkuhhaltung ist wirklich eine tolle Sache.« Hannes Höfer