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Bischofswiesen: »Jeder Kalkstein war lebendig«

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Bischofswiesen - Klakstein
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Mithilfe der Grafiken erklärt Ulrike Goßner den Zuhörern das Leben der Moostierchen. (Foto: Vietze)

Bischofswiesen – Wer wissen wollte, wie das Leben in Berchtesgaden vor mehreren Millionen Jahren ausgesehen und sich entwickelt hat, konnte das am Sonntagvormittag im Rahmen einer Geotopen-Führung beim Hallthurm erfahren. Geologin und Biologin Ulrike Goßner machte sich dieses Jahr mit der »NaturTour« selbstständig und bietet nun solche Führungen an. Vier Jahre davor machte sie das für die Interessengemeinschaft Gästeführungen Berchtesgaden. Goßner bewies den Teilnehmern der Führung am Sonntag, dem offiziellen »Tag der Geotope«: Nicht die bekanntesten, sondern die eher unscheinbaren Geotope erzählen die spannendsten Geschichten.


»Steine sind nicht nur Steine«, sagt Ulrike Goßner zu Beginn. Geotope seien außergewöhnliche Gesteinsformationen, an denen man die Entwicklung der Erde und des Lebens nachvollziehen kann. Die Führung startet beim Parkplatz der Steinernen Agnes. Nach einem kurzen Fußmarsch bleibt Goßner am Korallenriff des Eisenrichtersteins stehen. Sie zeigt den Zuhörern, dass dort vor mehreren Millionen Jahren ein Strand existierte. Nur kurz geht sie auf die Steinerne Agnes ein. Denn sie sei zwar das schönste Geotop Bayerns, habe aber in der Wissenschaft keine so tief gehende Bedeutung wie andere.

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»Jeder Kalkstein war lebendig«, erklärt sie. Sie gibt den Interessierten Kalksteine und eine Lupe zur Untersuchung dieser Geotope in die Hand. Durch die Strukturen in den Steinen könne man die Lebensbedingungen und die Umwelt vor 35 Millionen Jahren herauslesen. Die ehemaligen Lebewesen seien allerdings wegen der Verwitterung nicht leicht zu erkennen, da schließlich seit ihrem Leben sehr viele Jahre vergangen waren.

Goßner benutzt für ihren Rundgang viele Grafiken und Anschauungsmaterialien, damit jeder die Zusammenhänge besser nachvollziehen kann. Demnach war damals das Lattengebirge ein trockenes, flachwelliges Gebiet. Das Hinterland war teilweise bewaldet. Dahinter folgten ein Strand und eine Lagune, in der ein reichhaltiges Leben stattgefunden hatte. »In der Lagune gab es viele Lebewesen wie Muscheln und Schnecken«, so Goßner. Hinter der Lagune befand sich ein flachabfallender Hang mit einzelnen Riffgruppen.

Moostierchen werden durch Lupe sichtbar

Bei der »Schönen Aussicht« am Hallthurm erzählt Goßner von einem Zyklus der Erdplatten. Vor 250 Millionen Jahren waren alle Kontinente der Erde zusammengerückt. Man spricht auch von dem Pangäa. Die Platten rückten auseinander und verschoben sich. Durch den Zusammenstoß der europäischen mit der afrikanischen Platte seien die heutigen Alpen entstanden. »In ferner Zukunft werden die Kontinente wieder zusammenrücken«, erklärt Goßner.

Auf dem Weg zum Bognerlehen beschreibt die Leiterin die Moostierchen – auch Bryozoen genannt – in den Steinen, die man durch die Lupe betrachten kann. Diese Lebewesen sind kleiner als einen Millimeter. Sie leben in einem Minigehäuse und haben einen Arm, der sich bei Gefahr ins Gehäuse zurückzieht. Die Moostierchen leben in einer Kolonie und sind mit offenen Durchgängen miteinander verbunden. »Es gibt aber auch spezialisierte Formen«, so Goßner.

Demzufolge säubere ein Lebewesen die abgelagerten Sedimente und eine Kneifzange verhindere die Ansiedelung anderer Lebewesen. Im Gegenzug werden sie von der Kolonie ernährt. »Durch diesen Einblick will ich die Menschen dafür sensibilisieren, was vor vielen Jahren geschah. Steine haben was zu erzählen«, betont die Geologin. Beim Hallthurmer Moos berichtet Goßner von dem Hallthurmer Bergsturz. Früher floss eine Ache durch das Winkler Tal nach Bad Reichenhall. Durch den Bergsturz des Hirschangers beim Untersberg staute sich allerdings das Wasser, die Ache floss von da an nicht mehr weiter. Es bildete sich ein See, der aber mit der Zeit wieder austrocknete.

Vorführung einer Höhlenbildung

Am Maximiliansreitweg befindet sich das Mausloch. Es sei zwar kein Höhlengeotop, so Goßner, aber soll die sonst zu hohen Untersberger Höhlengeotope wie das Riesending vertreten. Wie entstehen solche Höhlen? Goßner führt das mit einem Experiment vor. Sie nimmt einen Kalkstein und lässt Wasser sowie verdünnte Salzsäure auf den Stein tropfen. Ein Zischen auf dem Stein ist der erkennbare Indikator für eine lösende Reaktion. In der Realität würde der Regen für die Höhlenbildung sorgen. »Das Wasser nimmt einen kleinen Teil des Kohlenstoffdioxids aus der Luft auf. Da das Gestein säurelöslich ist, werden die Risse immer größer und größer. Nach und nach bilden sich Hohlräume«, erklärt Goßner.

Dann geht die Geologin noch auf die Nierentalschichten ein. Anhand der Ablagerungen in den Nierentalschichten habe man nachweisen können, dass Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren mit dem Ende der Kreidezeit ausstarben.

Forscher streiten sich bis heute, ob ein Meteorit oder ein Vulkanausbruch für das Aussterben gesorgt haben. »Es könnte doch auch beides gewesen sein«, merkt Goßner an. Fest steht, dass Säugetiere dieses Ereignis überlebt hatten und sich dementsprechend weiterentwickeln konnten. Die Führung zeigt, dass man mit Geotopen die Entwicklung der Erde und des Lebens nachvollziehen kann. Patrick Vietze