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Bob-Prozess geht weiter

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Vor über drei Jahren kam es auf der Königsseer Kunsteisbahn zu einem schweren Bobunfall. Der Zivilprozess kann noch Jahre andauern. Foto: Anzeiger-Archiv/Wechslinger

Schönau a. K./Traunstein - Der Traunsteiner Zivilprozess um ein tragisches Unglück auf der Kunsteisbahn am Königssee - das eine 21-jährige russische Bobfahrerin am 29. November 2009 nur knapp und mit schwersten Verletzungen überlebte - geht in die Beweisaufnahme. Der russische Anwalt von Irina S. fordert von dem damaligen Startleiter, einem 64 Jahre alten Sportfunktionär aus Schönau am Königssee sowie dem Veranstalter des Europa-Cup-Rennens, dem Internationalen Bobverband (FIBT), und dem Ausrichter, dem Deutschen Bobverband (BSD), Schadensersatz und Schmerzensgeld von mindestens einer Million Euro.


Wie der Anwalt des beklagten Funktionärs, Hans-Jörg Schwarzer aus Berchtesgaden, auf Anfrage bestätigte, sind die von der Ersten Zivilkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Helmut Engelhardt als Einzelrichter angeregten Vergleichsverhandlungen zwischen den Versicherungen der beiden Verbände gescheitert. Der Rechtsstreit wird am 14. März fortgesetzt und kann »Jahre dauern«, wie Engelhardt bei Prozessauftakt im Oktober 2012 angedeutet hatte.

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Bei dem Crash zweier zeitgleich in der Eisrinne fahrender russischer Bobs wurde Irina S. am Nachmittag des 29. November 2009 von einer abgerissenen Kufe im Beckenbereich getroffen. Die Folgen waren offene Knochenbrüche, massivste innere Verletzungen, Koma, Notoperationen, viele weitere Eingriffe, mehrfache Komplikationen, monatelange Klinikaufenthalte und langwierige Reha-Maßnahmen. Zu den Strafprozessen wie zu dem Zivilstreit erschien die Klägerin nicht. Drei Landsleute vom anderen Bob kamen bei dem Zusammenprall mit leichteren Verletzungen davon.

Der Schönauer - Jury-Präsident und Europa-Cup-Koordinator der FIBT - wirkte am Unglückstag als ehrenamtlicher Startleiter am Rodelstart »S1«, den unerfahrene Crews im Training für Testläufe nutzen. Wie später Strafgerichte feststellten, hatte der 64-Jährige den Damenbob vom Startpunkt S1 trotz roter Ampel losgelassen. Der bei Grün vom höher gelegenen Bobstart gestartete russische Männerschlitten raste in den havarierten Damenbob.

Einzig der 64-Jährige hat der Hauptgeschädigten bisher Wiedergutmachung geleistet - eine ihm vom Gericht aufgegebene Zahlung von 20 000 Euro und ihrer Kosten als Nebenklägerin in zwei Strafprozessen gegen ihn vor dem Amtsgericht Laufen und dem Landgericht Traunstein. Beide Gerichte hatten den 64-Jährigen als »nicht allein für das Unglück verantwortlich« gesehen. Der gesamte Ablauf jenes Wettbewerbs hätte besser koordiniert werden können, hieß es. Das Strafverfahren gegen den Startleiter endete am 17. März 2011 wegen »geringer Schuld«.

In dem im Oktober 2012 begonnenen Zivilprozess gegen den Startleiter und die beiden Bobverbände geht es noch lange nicht um einen konkret bezifferten Betrag für die russische Sportlerin, deren Karriere am Königssee vor über drei Jahren ein jähes Ende fand. Die beklagten Verbände wiesen bislang zurück, finanziell in der Pflicht zu sein.

Hinter dem Weltverband steht eine Sportversicherung in London, hinter dem nationalen Verband eine deutsche Versicherungsgruppe. Bei Auftakt des Zivilprozesses hatte Vorsitzender Richter Helmut Engelhardt in einer ersten Einschätzung nach Aktenlage eine Haftung des Startleiters und des BSD bejaht. Der BSD-Vertreter widersprach. Seine Versicherung gehe davon aus, der FIBT beziehungsweise dessen Versicherung müsse haften. kd