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Braver Bürger beim Berchtesgadener Bürgermeister

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Franz Rasp aus der Sicht eines Besuchers der Bürgermeistersprechstunde. (Foto: Fischer)

Berchtesgaden – Franz Rasp hält donnerstags von 17 bis 19 Uhr eine sogenannte Bürgermeistersprechstunde in seinem Büro ab. Doch was passiert da eigentlich? »Anzeiger«-Redakteur Christian Fischer, wohnhaft in der Marktgemeinde, wagte den Selbstversuch. Und kam als Bürger mit einem Anliegen auf den Rathauschef zu.


Am Haupteingang des Rathauses hängt ein Schild: Bürgermeistersprechstunde 1. OG, Zi. 10. Die massive Holztür knarrt beim Öffnen, genauso wie die Treppe. Nicht alt, eher majestätisch. Links rum ums Eck und dann gleich rechts. Kurz anklopfen, rein. »Ah, der Bürgermeister wartet schon«, flötet Silvia Miller. Freundlich ist sie. Und lustig. Und sehr adrett gekleidet.

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Also, rein in das riesige Büro des Bürgermeisters. Sofort springt Franz Rasp vom Stuhl, der hinter einem riesigen Schreibtisch steht, auf. »Bitte«, sagt er höflich bestimmt und deutet mit der rechten Hand auf einen Besprechungstisch. Er setzt sich – nach mir, natürlich – an das Ende. Natürlich. Er ist der Boss. Ich sitze ihm schräg gegenüber. Sonst, wenn ich als Redakteur da bin, würde jetzt die Frage kommen: Espresso oder Cappuccino? Espresso, bitte. Ohne Zucker. Rasp würde einen Cappuccino nehmen. Aber diesmal gibt es keinen Kaffee. Wurscht, bin eh irgendwie ziemlich nervös.

»Um was geht es denn?«, fragt der Bürgermeister

Jetzt wird es ernst. »Um was geht es denn?«, fragt der Bürgermeister. »Um das Parkdeck an der Ganghoferstraße«, platzt es raus. »Das geht gar nicht«, schiebe ich hinterher. Eine verwinkelte, unübersichtliche Auffahrt. Und diese Schlaglöcher. Und die Pfützen. So groß und tief, dass man darin Schwimmkurse abhalten könnte. Außerdem sind die Stellplätze zu eng für moderne Autos. Gerade für ältere Mitbürger ist dieses Parkdeck eine Zumutung. So, das musste jetzt mal raus. »Wann will die Gemeinde da endlich was machen?«, will ich wissen.

»Heuer«, antwortet Rasp. Er schreitet zum Schreibtisch und holt eine gebundene Fassung der Haushaltssatzung. Er erklärt, dass dieses Parkdeck das Leitprojekt für den Energienutzungsplan des Landkreises ist. Wie Rasp erklärt, soll ein Gutachten klären, wie eine Überdachung des Decks mit Solarpaneelen hinhauen könnte. Als Bauingenieur erklärt er mir, dass die wichtigste Frage dabei ist: Muss die Oberfläche saniert werden? »Wenn nicht, müssen die Deck- und die Dichtschicht nicht erneuert werden«, weiß er.

Gut. Aber, ehrlich gesagt, interessieren mich irgendwelche Schichten oder Energienutzungseffizienzpaneelpläne eher wenig. Ich will wissen: Wann wird das gemacht? Wie viel kostet das? Und wie breit werden die Stellpätze? Diese Fragen kann der Bürgermeister nicht beantworten. Kann ja nicht alles wissen. »Da meldet sich der Marktbaumeister, Herr Hasenknopf bei Ihnen«, verspricht Rasp.

Er schnappt sich ein Formular, auf dem er meine Daten und mein Anliegen formuliert. Auch eine besondere Dringlichkeit könnte man ankreuzen. »Nein, ist nicht dringend«, sage ich. Dieses Anfrageformular erhält dann am nächsten Tag der zuständige Sachbearbeiter. In diesem Fall Peter Hasenknopf. »Er wird sich bald bei Ihnen melden«, verspricht der Bürgermeister. Wann? »In den nächsten Tagen.«

Euphorie und Übermut

In meiner Euphorie darüber, dass das so gut gelaufen ist, werde ich übermütig. »Man könnte doch in der Zwischenzeit auf die Gebühren beim Parkdeck verzichten«, schlage ich vor. Stolz auf so viel Zivilcourage schaue ich Franz Rasp fordernd in die Augen. Der bleibt cool wie immer und sagt: »Schon, aber dann stehen die Anwohner drauf.« Der Parkplatz sei aber für Kunden und Marktbesucher allgemein gedacht. Außerdem betont er die moderaten Gebühren. Passt schon. Einen Versuch war's wert.

Kurzes Schweigen. Er schaut heimlich auf seine klobige Armbanduhr. Keine Rolex. Eher was Modernes für Sportler. Mit Pulsanzeige. 50 steht da wahrscheinlich jetzt. Bei mir sind es gefühlte 200. Es bleibt noch etwas Zeit und Rasp schlägt vor, über die oft chaotischen Verhältnisse auf der Imhof-Straße zu sprechen. Gute Idee. Da kann ich mitreden. Schließlich ist da das »Anzeiger«-Gebäude. »Dieser Bereich, in Kombination mit dem Franziskanerplatz und der Griesstätterstraße hat für uns Priorität«, sagt der Chef. »Wir haben Planungsmittel für die Jahre 2018/19 in den Haushalt eingestellt.« Die Aufenthaltsqualität dort müsse erhöht werden. »Dort ist es eng, die Leute fahren zu schnell, ein spannendes Thema«, sagt Rasp.

Schön, denke ich mir, wäre schon toll, wenn man sich da ohne Lebensgefahr bewegen könnte. »Aber da gibt es ein Problem«, sagt Rasp und reißt mich aus meiner Utopie. »Die Straßenausbaubeitragssa...« Klopfklopf. Punkt 18 Uhr. Die Tür geht auf, Frau Miller schaut rein. »Der nächste Termin ist da.« Was so viel heißt wie: Abflug. Servus.

Und siehe da. Bereits am nächsten Tag, nicht einmal 24 Stunden später, kommt eine E-Mail vom Marktbaumeister. »Wir versuchen, bei geeigneter Witterung den Asphaltdeckenbau und die neue Parkplatzmarkierung vor der Sommersaison fertig zu stellen.«, schreibt Peter Hasenknopf. Gut zu wissen. Christian Fischer