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»Christ-Sein geht nur in der Gemeinschaft«

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Legten jeweils ihre Sichtweise dar: Pfarrer Dr. Thomas Frauenlob (r.) und Pfarrer Peter Schulz Foto: privat

Berchtesgaden (UKw) – Einer schon langjährigen Tradition folgend hatten auch in diesem Mai der Berchtesgadener Frauenbund und die Gruppe »Tee nach sieben« zum ökumenischen Gesprächsabend eingeladen. Pfarrer Dr. Thomas Frauenlob und Pfarrer Peter Schulz betrachteten aus verschiedenen Blickwinkeln das Thema »Was ist Kirche?«. Der voll besetzte Gemeindesaal und die rege Diskussion zeigten das große Interesse an gelebtem Glauben und lebendiger Kirche.


Pfarrer Schulz begann seine Ausführungen mit Martin Luther »Es weiß, Gott Lob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche ist«. Dies gilt sicherlich, wenn die Schönheit von Kirchenbauten oder Renovierungen das Thema sind. Schwieriger wird es jedoch, wie Schulz an Beispielen zeigte, wenn die unterschiedlichsten Vorstellungen zur eigenen Konfession ins Spiel kommen, die sich über die Jahrhunderte hinweg verändert und zu den verschiedensten innerkirchlichen Abspaltungen geführt haben. Grundsätzlich sei Kirche aber immer dort, so Schulz, wo das Evangelium gepredigt und die Sakramente gespendet werden.

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Pfarrer Frauenlob begann seine Betrachtungsweise mit persönlichen Erfahrungen, um die unterschiedlichen Sichtweisen auf Kirche zu beleuchten. So etwa die Zerrbilder, wenn es um die Geschichte der Kirche oder deren aktuelle Äußerungen geht. Frauenlob habe aber die Veränderung zum Positiven hin selbst erleben dürfen. So zeigten zum Beispiel die Weltjugendtage, was heute alles unter dem weiten Dach der Kirche Platz habe: eine bunte Vielfalt an Kulturen und Eigenarten. Die Identifikationsfigur »Papst« sei eine Stärke der katholischen Kirche, berge aber zugleich die Gefahr eines destruktiven Zentralismus. Es brauche daher eine ständige Balance zwischen den beiden Polen, so Frauenlob.

In der evangelischen Kirche war, so führte Pfarrer Schulz aus, jahrhundertelang Martin Luther diese Identifikationsfigur. Was er heute nicht mehr sei. Auch der kleine Katechismus, das Hauptwerk des Glaubens, sei nicht mehr Allgemeingut. Dazu käme die oft einseitige Entwicklung der Gesellschaft zum Individualismus hin. Doch Schulz zeigte auf, wie gerade das Wahrnehmen dieser bunten Vielgestalt eine Möglichkeit sei, Kirche zu leben. Obwohl ein evangelischer Christ seinem Gott ohne Mittler gegenüberstehe, könne ein Christ-Sein ohne Gemeinschaft nicht funktionieren.

Ein anderer wichtiger Diskussionspunkt war die Frage nach der Akzeptanz von Kirche in der Öffentlichkeit. Beide Pfarrer zeigten die drastische Wende in der Gesellschaft auf, welche die Deutungsautorität über ethische und moralische Fragen immer mehr an Ärzte, Psychologen und Juristen übertragen habe.

Eine Reihe weiterer Fragen konnten in der Runde aufgegriffen werden. Zum Beispiel die nötige Globalisierung von Menschlichkeit, die Distanz von Jugendlichen zur Kirche oder das Problem, andere Menschen für Kirche zu begeistern. Pfarrer Frauenlob gab dazu als Trost mit, was ihm selber bei seinem Beruf helfe: Die Geschichten aus der Bibel, welche die verschiedensten Annäherungsweisen von Menschen an Jesus zeigten. Die Gegenwart bringe nämlich keine soziologische Ausnahmesituation – schon damals ließen sich einige Menschen von Jesus begeistern, viele blieben auf Distanz oder fielen wieder ab. Pfarrer Schulz schloss sich an: »Die Kirche steht uns nicht gegenüber, die Kirche sind wir.«

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