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Daheim in der Zirkusschule

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Ein Handstand auf der Chinesischen Mauer.
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Dehnen, strecken, kräftigen: Julius Bitterling (l.) mit Akrobatikpartner César. (Fotos: privat)
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Flic-Flac am Meer bei untergehender Sonne.
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Einarmig auf dem Kopf des anderen: Julius (unten) und César.

Marktschellenberg – Drüben, in China, da war das Leben schon etwas strenger geregelt. Der Tag in der größten chinesischen Zirkusschule begann für Julius Bitterling aus Marktschellenberg um acht Uhr morgens. Aufwärmen, dehnen, Handstand. Am Nachmittag: Partnerakrobatik mit César, einem guten Freund. Fünf Tage die Woche. »Ich habe gelernt, was Disziplin bedeutet«, sagt der 23-Jährige mit einem Lächeln im Gesicht. Chinesisch beherrscht er nun, jetzt geht es für ihn weiter nach Montreal, in eine der angesehensten Zirkusschulen der Welt, gesponsort vom weltbekannten »Cirque du Soleil«.


China war spannend. Peking, um genauer zu sein. Das Leben, die Sprache, die Leute. Julius Bitterling ist zwar erst Anfang 20, von der Welt hat er jedoch schon einiges gesehen. In Uruguay lernte er Spanisch, in einer Akrobatikschule im französischen Lille eignete er sich Französisch an, Englisch beherrscht er noch aus Schulzeiten – nun also Mandarin, die offizielle Sprache der Volksrepublik China, die von weit über 800 Millionen Menschen gesprochen wird. »Das war schon eine Herausforderung«, sagt Julius Bitterling. Denn Grundkenntnisse hatte er zunächst keine. In Youtube-Videos lauschte er Muttersprachlern, in Büchern versuchte er, erste Einblicke in die sprachlichen Zusammenhänge zu erhalten. Englisch, so dachte er noch zu Beginn, wäre die Versicherung, erfolgreich mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren.

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Auf nach China

Den Entschluss, überhaupt nach China zu gehen, hatte Julius Bitterling gemeinsam mit seinem Akrobatikpartner César gefasst. Diesen hatte der Marktschellenberger in Frankreich kennengelernt. Ein Jahr lang besuchte Julius dort eine Zirkusschule. Körperlich könnten die beiden nicht gegensätzlicher sein: Julius Bitterling ist 1,84 Meter groß, 82 Kilogramm bringt er auf die Waage. César ist schmächtig, 53 Kilogramm bei 1,60 Meter. Sie ergänzen sich dennoch perfekt – vor allem in der Partnerakrobatik. Wenn César einen Handstand macht, passiert das häufig auf den Handinnenflächen von Julius. Dank kräftiger Arme stemmt er seinen Kumpan mühelos nach oben.

Was so einfach aussieht, basiert auf jahrelangem Training. 16 Jahre alt war Julius Bitterling, als er mit der Akrobatik begann. Recht spät in Sportlerkreisen. César war immerhin erst vier.

Um nach China zu kommen, musste man also gut sein. Das wussten die beiden. Nur wenige Europäer trainieren in der größten Zirkusschule des Landes. 500 Schüler sind es insgesamt. Vor allem aber sind es Chinesen, die dort ihren Körper auf Höchstleistungen treiben. Für sie geht es bereits um 5.45 Uhr los. Europäer werden nicht ganz so hart rangenommen, »humaner«, nennt das der Marktschellenberger. Das Frühtraining entfällt. Die sprachlichen Hürden sind Herausforderung genug.

»Jeder Tag in der Schule lief in China gleich ab«, erinnert sich Julius Bitterling. Aufwärmen, dehnen, später Handstand – Julius' Spezialgebiet. Fünf Minuten auf zwei Händen, eine Minute lang auf einer Hand. »Die Maßstäbe, die Chinesen an einen legen, sind enorm hoch«, sagt er. Ab zehn Uhr stand Bodenturnen auf dem Programm, danach war Mittagspause. »Da habe ich gelernt, wie angenehm ein Mittagsschlaf sein kann«, sagt Julius mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Chinesen seien sehr diszipliniert, fleißig sowieso, »Freizeit kennen sie nicht.« Erstaunlich selten fehlte Julius Bitterling die Motivation zum Training – trotz der hohen Erwartungen, die an ihn und seine Kollegen gestellt wurden. Umso mehr schwärmen die Chinesen von »good old Germany«. Deutschland habe in China einen hervorragenden Ruf. »Automarken, deutsche Städte, Angela Merkel« – Chinesen mögen die Bundesrepublik. Öffentliche Kritik über das eigene Land höre man so gut wie nie.

Der kleine Prinz aus China

Die Sprache, Mandarin, stand für Julius Bitterling über allem. Unzählige Zeichen, die besondere Aussprache, das Betonen. »Sich reinzufinden, ist nicht einfach, anfangs war die Hemmschwelle groß«, weiß Julius Bitterling, der sich gleich zu Beginn das Buch »Der kleine Prinz« kaufte – in der Landessprache verfasst. Sprachliche Alternativen gibt es kaum, denn Englisch können die Lehrer nicht. Die Akrobatikpartner mussten sich also zusammenreißen und lernen. So wie ihre internationalen Kollegen auch. Australier trainierten in der chinesischen Schule ebenso wie Koreaner, Mexikaner und Russen. »Ich habe häufig mit zehnjährigen Chinesen trainiert«, erzählt Julius Bitterling, der sich nach dem Abitur zunächst gegen das Studium und für die Akrobatik entschieden hatte.

Besuch gab es dennoch aus Marktschellenberg – seine Familie blieb für zwei Wochen. Gemeinsam erkundeten sie Peking, jene 11,5-Millionen-Einwohner-Stadt. Riesig in ihren Ausmaßen. Um die Stadt von Westen nach Osten zu durchqueren, benötigt man selbst mit der Metro Stunden. Vom Kohlenberg genoss Familie Bitterling einen spektakulären Blick auf die Verbotene Stadt, am nördlichen Ende des Tian'anmen-Platzes gelegen.

Auch wenn die Freizeit knapp ausfiel, versuchte Julius so viel wie nur möglich vom Land zu sehen. Allein sechs Mal besuchte er die Große Mauer, ausgerüstet mit Schlafsack und Verpflegung. Ziel war es, Teile der echten Mauer zu sehen, nicht die renovierte. Ein Fußmarsch war da unausweichlich, zehn Stunden, »voll durch die Pampa«.

Seine aus China stammende Lehrerin, die Julius im französischen Lille unterrichtet hatte, und seit 14 Jahren nicht mehr in ihrer Heimat war, entschloss sich, ihren ehemaligen Schüler in China zu besuchen. Die beiden trafen sich in Changsha, im Süden von China.

Montreal ruft

Das Jahr in der Zirkusschule war eines voller Höhepunkte, sagt Julius Bitterling rückblickend. Ohne die Unterstützung seiner Eltern sei das alles nicht möglich. »Ich bin ihnen sehr dankbar«, sagt er. Ursprünglich wollte Julius nach seinem China-Aufenthalt, nach zahlreichen Auftritten und Engagements, ein Studium aufnehmen. Diesen Plan hat er aber für's Erste verworfen. Und sich in einer der besten Zirkusschulen der Welt, in Montreal, beworben. 500 machen das jedes Jahr, sie kommen aus der ganzen Welt, aber nur 20 werden genommen.

In Paris fand die Bewerbung statt, mehrere Runden, Julius Bitterling schlug sich gut. Er kam in die engere Wahl. Dann, endlich, kam der Bescheid. Er darf nach Montreal – eine dreijährige Ausbildung erwartet ihn, die Schule wird vom weltbekannten »Cirque du Soleil« gesponsort. Mittlerweile ist der Marktschellenberger im kanadischen Montreal angekommen. Es gefällt ihm gut. Die Lernfortschritte sind groß. Deutschland wird er in den nächsten Monaten nicht besuchen können. »Vielleicht Ende nächsten Jahres.« Kilian Pfeiffer