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Das Ballett der Haubentaucher

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Am und im Hinterssee leben viele Tierarten. Ranger Klaus Melde gelang es (fast) immer, das große Interesse der Kinder zu wecken. (Fotos: Meister)
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Die ganz Mutigen wagten sich sogar in das eiskalte Wasser des Hintersees.

Ramsau – Es ist morgenstill am Hintersee. Die Ruder- und Tretboote sind aufgereiht und müssen wohl noch eine ganze Weile auf Kunden warten. Im See spiegelt sich sanft die Sonne im glasklaren Wasser, gibt Blicke frei auf unterirdische Pflanzenstrukturen, die an einen von Bob Ross gemalten Wald erinnern. Auch die Vögel scheinen noch müde, nur ab und zu ein paar verhaltene Töne. Wenige Spaziergänger schlendern am Ufer, drei Kähne liegen fast bewegungslos im Wasser. Angelruten ragen über die Planken. Eine ältere Dame, üppig eingewachsen in wärmende Eigenschicht, schreitet mutig ins eisig frische Morgenbad, nur spärlich Blicken ausgesetzt, was wohl auch der Sinn war, die frühe Stunde zu nutzen.


Nationalpark-Ranger Klaus Melde ist ebenfalls schon wach. Und freut sich, dass sich trotz früher Stunde ein gutes Dutzend Kinder eingefunden haben, um die Tierwelt im und um den Hintersee zu erkunden. Das ist im Bildungsangebot des Nationalparks enthalten. Melde will bald schon vorhandenes Wissen testen, welchen Tieren könnte die Gruppe begegnen? Fischen natürlich, rund zehn Arten leben im Hintersee, darüber werde man am Ende reden. Eichhörnchen gibt es natürlich, die aber nicht unbedingt den See brauchen, Ringelnattern, ja, die sind auch gute Schwimmer, Frösche und Erdkröten leben hier, Fischreiher, Wasseramseln und selbstverständlich Enten, Stockenten beispielsweise und Tauchenten.

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Beste Wasserqualität

Klaus Melde gibt kleine Aufgaben auf dem Weg zum nächsten Erkundungspunkt, die Kinder gehen mit Eifer eigenen Theorien nach. Vor 70 Jahren etwa war der See dreckig, die Wasserqualität am Boden. Abwasser wurde seinerzeit in den See geleitet, weiß eine junge Forscherin. Und das hat man durch den Bau eines Ringkanals gestoppt, sagt Melde. Abwässer werden jetzt durch Rohre um den See herumgeleitet. Und heute habe der Hintersee fast Trinkwasserqualität.

Melde kann dies beweisen mit dem guten, alten Lackmuspapier, das den ph-Wert anzeigt. Das Seewasser ist klar und weitestgehend rein, sagt die Skala, die verschiedene Papierfärbungen anzeigt. In Cola, Essigessenz oder Waschlauge, auch das hat der Ranger dabei, könnte kein Fisch lange überleben. Das ist interessant, die Exkursionsteilnehmer drängen sich dicht um Klaus Melde, die Kleineren müssen sich vorkämpfen, um auch etwas zu sehen. Höchste Aufmerksamkeit, die sofort auf Null sinkt, als zwei kleine Entenküken auftauchen und im Wortsinn eintauchen, zwei noch mit Flaum überzogene Tauchenten, aus der Ferne von der Entenmutter beobachtet, machen ihrem Namen alle Ehre. Flaumpürzel in die Höhe und pfeilschnell bis zum Seeboden.

Nun kommt der Butterkrebs ins Spiel. Ist aber kein spezielles Ranger-Kochrezept, sondern beschreibt einen mehrfach wiederkehrenden Lebensabschnitt des kleinen Krebses, der im seichten Randgewässer seinen Lebensraum hat. In diesen Bereichen sammeln sich abgebrochene und angeschwemmte Äste an und weil das Wassertierchen schnell wächst und sein Panzer nicht mitkommt, muss er raus aus dem alten, harten Anzug und warten, bis eine neue Konfektionsgröße wächst. Da ist Deckung zwischen dem Holz wichtig. In Nachbarschaft quasi mit der Wasserspitzmaus, die sich unterspülte Wurzeln sucht für die Familie, um den Nachwuchs vor allerlei tierischen Feinschmeckern in Sicherheit zu wissen.

Enten bauen ihr Nest und brüten gern im Schilf auf Inselchen, weil der Fuchs nicht gern nasse Füße hat und in einem kleinen Tümpel neben dem Ufer des Hintersees fühlen sich Erdkröten und Laubfrösche wohl. Fische könnten die Temperatur des stehenden und sauerstoffarmen Pfützchens nur kurze Zeit überleben. Kinder interessiert alles, sie stellen Fragen und überlegen sich auf Aufforderung Meldes Thesen, waghalsig manchmal, aber oft auch logische und dicht an der Wahrheit.

Unverhoffte Lena Lorenz

Dann kommt ein symbolisches Stoppschild. Es sind Dreharbeiten für die Lena-Lorenz-Serie im Gange. Niemand wusste davon, aber es ist natürlich das Wichtigste, deuten selbst die rangniederen (wenn man sich schon in der Tierwelt bewegt) Kabelträger und die Mitarbeiter am mitten zwischen die Bäume sensibel gepflanzten Catering-Point mit geübter Arroganz an. Kein Mensch und kein Ton darf stören. Ob der Hornbläser am anderen Seeufer, der mit allerlei Kirchen- und anderen Weisen immer wieder mal den Ton angibt, das ebenfalls weiß?

Die Kindergruppe darf passieren. Eine kleine Pause gibt es, die Nationalparkpraktikantinnen Chiara und Hanna nutzen ein kleines Wiesenstück, um ein paar lockernde Spiel zu machen. Auch das gefällt den jungen Teilnehmern. Natürlich auch, was unter den Steinen zu finden ist, die Klaus Melde aus dem flachen Wasser hebt. Kleine Tierchen, Larven. Aber endlich kommen nun die Fische. Mit dem Ranger als Vorgänger, aber im Gänsemarsch, um Schäden kleinzuhalten, dürfen die Kinder offizielle Wege verlassen. Das ist spannend. Und ein wenig versteckt steht die Kiste im Wasser, viellöchrig, um das Wasser durchfließen zu lassen, und mit prächtigem Inhalt.

Aufwendige Vorbereitung

Nur ein paar Mal im Jahr, sagt Klaus Melde, macht er eine solche Führung, weil sie auch sehr aufwendig ist. Denn Stunden zuvor hat er die Kiste und lebende Forellen vom Fischereiverein geholt. Von dort gibt es immer Unterstützung, betont er. Unentgeltlich. Am liebsten wollen alle mit zur Kiste. Melde hat Gummistiefel. Barfuß geht natürlich auch. »Saukalt«, sagt ein kleines Mädchen aus Köln, lässt sich aber nicht abhalten vom Seegang. Mit dem Kescher holt Klaus Melde die unterschiedlich großen Exemplare aus der Kiste und trägt sie im Eimer auch zu den Beschuhten am Ufer. Anfassen darf man auch, behutsam und nur mit nassen Händen, um die Schleimschicht nicht zu verletzen. Dann gibt es eine kleine Rangelei, denn jeder möchte den Fisch freilassen, denn das ist die Belohnung für die Tiere: weiterleben im Hintersee.

Am Anfang hatte Klaus Melde gefragt, wie wohl der Hintersee entstanden sei, war doch ursprünglich nur ein Bach vorhanden. Es war ein Felssturz, der das Wasser staute und letztlich den Hintersee schuf. Das passierte vielerorts. Ein Mädchen, das sich wohl gut vorbereitet hatte, hatte eine andere Variante, eine aus dem Reich der Sagen, und auch ein stückweit schöner als die wissenschaftliche Begründung: Zwei befeindete Riesen saßen auf gegenüberliegenden Bergen und bewarfen sich mit großen Felsbrocken. Und am Morgen sahen sie, was sie angerichtet hatten, gingen zum neuen See, sahen darin ihr Spiegelbild und verschwanden für immer. Etwas in dieser Art darf man sich durchaus in die eigene Gegenwart träumen. Dieter Meister

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