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Das Berg-Kulturbüro gibt es seit einem Jahr

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Ramsauer Friedhof mit Kirche: ein weltberühmtes Fotomotiv. Foto: Pfeiffer
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Prof. Jens Badura ist nicht nur Bergwanderführer, sondern auch Universitätsdozent für Ästhetik und Kulturphilosophie.

Ramsau – Das Ramsauer "Berg-Kulturbüro" im alten Mesnerhaus des Bergsteigerdorfs besteht seit einem Jahr und gilt als die Ideenwerkstatt hinter dem DAV-Gütesiegel "Bergsteigerdorf".


Mit dem Motto "Raum für gemeinsames Nach- und Vordenken schaffen" hatte der Philosoph und Kulturmanager Prof. Jens Badura die neue Einrichtung im Frühjahr vergangenen Jahres gegründet. Zunächst war es nicht ganz einfach, verständlich zu machen, worum es eigentlich geht. Denn weder handelt es sich um ein touristisches Angebot noch um ein kommerziell ausgerichtetes Projekt. Im Gespräch mit dem Berchtesgadener Anzeiger erklärt der Philosoph seine Idee.

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Herr Badura, warum braucht man einen Berg-Philosophen?

Jens Badura: Dahinter steht ganz klar die Idee, dass kreative Denk- und Verfahrensweisen einen Beitrag dazu leisten können, die Zukunft des Alpenraums nachhaltig zu gestalten. Es geht darum, mit unkonventionellen Denk- und Verfahrensweisen, wie sie in den Künsten und in Kreativberufen eingesetzt werden, neue Vorstellungshorizonte dafür zu entwickeln, was ein gutes Leben in den Bergen heute und in Zukunft ausmacht. Uns beschäftigen dabei mehrere Fragen, etwa: Wie sehen Lebens- und Arbeitsmodelle aus, die junge Menschen dazu motivieren, nicht dauerhaft abzuwandern, sondern aktiv die Zukunft ihrer Heimat mitzugestalten? Oder: Wie kann das Verhältnis von städtischem und dörflichem Leben jenseits Klischees gedacht und in ein fruchtbares Wechselverhältnis gebracht werden? Es geht auch darum, wie man alpenraumspezifisches traditionelles Wissen, wie es zum Beispiel in handwerklichen und landwirtschaftlichen Zusammenhängen über viele Generationen erarbeitet wurde, kreativ in Wert zusetzen. Das sind nur einige Fragen, die uns beschäftigen.

Welche Bedeutung haben diese Themen in unserer Region?

Badura: Gerade in Regionen wie dem südlichen Landkreis, die ökonomisch und kulturell stark vom Tourismus geprägt sind, ist es wichtig, dass zukunftsfähige, nicht-touristische Wertschöpfungszweige existieren. Ökonomische Monokulturen sind immer auch von veränderlichen Rahmenbedingungen bedroht – und der Tourismus ist vermehrt von deutlichen Konjunkturschwankungen und Konkurrenzbedingungen betroffen. Die Leute fahren nicht mehr über Jahrzehnte in denselben Ort und verbringen da eine vorhersehbare Zeitspanne. Ökonomische Alternativen für Zeiten, in denen es im Tourismus einmal nicht so gut läuft, sind deshalb sinnvoll.

Aber das ist nur die wirtschaftliche Seite der Medaille. Mindestens genauso wichtig ist die soziokulturelle: gerade für die jungen Generationen ist es zentral, die Zukunft nach eigenen Vorstellungen mitgestalten zu können. Dafür braucht es in den unterschiedlichen Lebensbereichen – Wohnen, Arbeiten, Freizeitgestaltung – Entfaltungsmöglichkeiten, also auch die Chance, mit neuen Lebens- und Arbeitsmodellen zu experimentieren.

Können Sie das näher erläutern?

Badura: Wenn berufliche Perspektiven für junge Menschen auf einen einzigen Wirtschaftszweig reduziert scheinen oder statt leistbarem Wohnraum nur mehr Hotelzimmer und Ferienwohnungen entstehen, können die Berge noch so schön sein. Mit diesem Ausblick wird man die nächste Generation kaum motivieren können, zu bleiben oder nach der Ausbildung zurückzukommen. Ebensowenig wird man engagierte und kreative Neubürger für eine Existenzgründung vor Ort gewinnen. Diese Jungen braucht es aber für ein zukunftsfähiges Gemeindeleben. Wenn eine Gemeinde nicht mehr lebendig ist, sondern auf saisonale Ambiente-Dienstleistung beschränkt bleibt, ohne dabei vor allem auch für sich zu sein, prägt das mittelfristig auch ihre Attraktivität als touristische Destination. Insofern könnte man sagen, dass nachhaltiger Tourismus eine substantielle nicht-touristische Basis braucht: demographisch, ökonomisch und kulturell. Und für die muss man Sorge tragen.

Kilian Pfeiffer