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Das bisschen Schnee ...

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Auch an den wetterbedingten Ruhetagen muss der Kehlstein-Winterdienst für die Räumung des Fußweges sorgen.
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Wirt und Wirtin wechseln ihren Arbeitsplatz mehrmals täglich: das Ehepaar Sabine und Norbert Eder. Fotos: Anzeiger/Scheidsach

Berchtesgaden – Der plötzliche Wintereinbruch kam auch für Kehlsteinwirt Norbert Eder überraschend. Gemeinsam mit seiner Frau Sabine und dem »Anzeiger«-Praktikanten machte er sich am Donnerstag bei 20 Zentimeter Neuschnee und Minustemperaturen trotz wetterbedingter Schließung auf dem Weg zur Gaststätte, die auf über 1 800 Metern liegt. Für die Fahrt hatte der Wirt extra Winterreifen auf seinen Pick-Up montiert – nach den ersten Metern bereut er diese Entscheidung aber schnell. »Da habe ich deutlich mehr Schnee erwartet«, sagt er. Wo sich so manch anderer in schneereiche Wintermonate zurückversetzt fühlt, wirkt Eder, dem man seine 25-jährige Erfahrung anmerkt, ganz entspannt. Als würde er gerade eine verkehrsarme Landstraße befahren, heizt er durch Tunnel und Kurven und erzählt währenddessen noch eine Anekdote über die Geschichte des Kehlsteinhauses.


Rund um die Wirtschaft herrscht Menschenleere, dafür zieht ein eisiger Wind. Der Wirt und seine Frau werfen einen kurzen Blick auf den schneebedeckten Biergarten, der dem eines Skigebiets gleicht und so gar nicht an den derzeitigen Frühling erinnert. »Sieht ja gar nicht so schlimm aus«, ist sich das Ehepaar einig und rechnet damit, am Samstag wieder zu öffnen.

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Norbert Eder ist seit 25 Jahren Pächter des Kehlsteinhauses. Sein Arbeitstag beginnt um 7 Uhr morgens. Mit frischen Lebensmitteln im Kofferraum macht er sich auf zu seinem Bergrestaurant. Dahinter fährt ein Lieferwagen mit Getränken sowie Fleisch und Gemüse. Am Kehlstein angekommen, folgt der Transport des Proviants durch den 124 Meter langen Tunnel per Rollcontainer. »Das ist mit Kilos an Sauerkraut auf dem Container kein angenehmer Weg«, schmunzelt Eder.

Mit dem Aufzug geht es anschließend in den Keller, wo die Lebensmittel im Lager und im Kühlraum verstaut werden. Mit Blick auf die Räumlichkeiten ist zu erkennen, dass der verfügbare Stauraum für ein Restaurant mit einem Gästevolumen wie dem des Kehlsteinhauses eigentlich viel zu gering ist. »Die Leute denken immer, das Kehlsteinhaus ist flächenmäßig rießengroß, das ist aber nicht der Fall«, erklärt der Wirt. Generell seien die kleine Küche, aus der täglich rund 600 Essen rausgehen, und die wenigen Gästezimmer sein größtes Problem. Denn es müssen auch das Leergut und die Abfälle, die im Sommer wöchentlich rund eine Tonne an Gewicht betragen, am Ende jeden Tages nach unten transportiert werden.

Um 7.40 Uhr fährt dann die erste Buslinie mit dem Personal der Berggaststätte und so manchem frühen Besucher zum Kehlstein. 40 Minuten später ist Arbeitsbeginn und ab 9 Uhr werden die ersten Gäste erwartet. »Wenn wir an ein Viertel der Besucher Essen verkaufen, ist das schon ausreichend«, sagt Eder. Und weiter: »Die Touristen haben immer weniger Zeit, da sie für einen Tag mehrere Ziele einplanen«. Bis der nächste Bus wieder zur Dokumentation fährt, bleiben nur eine Stunde und 15 Minuten, die eher zur Besichtigung als zum Essen genutzt werden. »Wir müssen zum Bus« sei ein typischer Spruch, den das Servicepersonal täglich hört, schildert der Kehlsteinhaus-Pächter mit einem Lächeln.

Mit dem ersten Wochenende der diesjährigen Kehlsteinsaison ist der Wirt zufrieden. Trotz einer hohen Anzahl an neuem Personal lief der Betrieb problemlos ab. Natürlich sei die schneebedingte Schließung ärgerlich, aber »besser um diese Zeit, als im Sommer«, meint Eder. An solchen Tagen werden dann E-Mails bearbeitet sowie Dienstpläne und Speisekarten erstellt. Insgesamt beschäftigt er 36 Mitarbeiter, wobei 60 Prozent Stammkräfte sind und der Rest jährlich wechselt. Neu für den Wirt sei der durch die neuen Medien deutlich gewachsene Arbeitsumfang im Büro. Früher nahm die Verwaltung höchstens 30 Minuten in Anspruch, heute ist alleine eine Arbeitskraft nur für das Beantworten von E-Mails und Buchungsanfragen eingeplant.

Dies sei für Eder aber keinesfalls ein negativer Aspekt, denn rund 70 Prozent des Umsatzes kommen durch im Vorhinein fest gebuchte Reisegruppen zu stande. »Das sind sehr zuverlässige Gäste, die auch bei schlechten Wetter erscheinen«, betont Eder. Die Hauptsaison beginnt Ende Juni und dauert bis Ende September. Im Herbst kommen dann auch mehr Individualgäste und die Zahl der Gruppenfahrten nimmt ab. Besonders erstaunt war Eder über ein kürzlich in Facebook veröffentlichtes Foto vom Biergarten des Kehlsteinhauses, welches mehr als 4 500 »Gefällt mir«-Klicks verbuchte. »Die Reichweite von Facebook ist unglaublich und damit natürlich auch eine gute Werbeplattform«, freut sich Eder.

Am Vormittag kümmert sich der Wirt um das Wohlbefinden seiner Gäste. Dabei wechselt er zwischen Küche, Buffet und Service, um 14.30 Uhr übernimmt er dann den Kiosk im Biergarten. Eder arbeitet sieben Tage die Woche in seiner Berggaststätte. Viel Freizeit bleibt da nicht mehr. Und wenn, dann nutzt er diese für Fahrradtouren. Oft fährt er nach Feierabend nochmals mit dem Rad zum Kehlstein und genießt die Ruhe und die Aussicht.

Die letzten Gäste und der Großteil des Personals treten mit der Buslinie um 17 Uhr den Weg nach unten an, bevor der Wirt gemeinsam mit seiner Frau rund 30 Minuten später ebenfalls nach Hause fährt. Auch wenn er die Gaststätte nicht öffnet, fährt Eder auf das Kehlsteinhaus um nach dem Rechten zu sehen. »Sonst habe ich den ganzen Tag ein unruhiges Gefühl«, erklärt der Wirt. Vor ein paar Jahren hätten ein paar Randalierer des öfteren Scheiben eingeschlagen und versucht, in die Gaststätte zu gelangen – ohne Erfolg. So etwas habe es aber schon seit einigen Jahren nicht mehr gegeben. Und man wünscht dem freundlichen Wirt, dass das auch so bleibt. Beni Scheidsach