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Das Fettnäpfchen zwischen Frau und Mann

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Auch wenn es noch so verlockend ist: Einer Frau greift man nicht ungefragt an den Po. Foto. Anzeiger/Fischer

Berchtesgaden - Folgende Szene: Ein betrunkener Mann steht an der Bar, stiert einer Frau auf den Busen und lallt dann: Allo, Sie kö-könnten ein Dinndll auch aus-ausfüllen. Ein Spruch im Suff? Verschärfter Sexismus? Vielleicht wirklich witzig? Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat sich im Talkessel umgehört.


Sophia Stanggaßinger sitzt seit zehn Jahren im Marktschellenberger Gemeinderat. Als einzige Frau. Über sexistische Tendenzen kann sie sich aber nicht beklagen. »Da gab es nie Probleme«, sagt sie. »Die Marktschellenberger Kommunalpolitiker sind höflich und gesittet.« Und wenn dann doch mal ein grober oder zweideutiger Spruch kommen sollte, wird gekontert. »Ich bin ein lustiger Typ und nehme nicht alles so ernst«, betont Stanggaßinger. »Und witzige Sprüche habe ich auch drauf.« Die aktuelle Brüderle-Diskussion interessiert die Marktschellenbergerin nicht besonders. »Ich finde seinen Spruch nicht sexistisch. Da würde ich keine so große Affäre draus machen. Außerdem haben wir doch genügend andere Probleme.«

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Keinerlei Verständnis für die aktuelle Diskussion hat Irene Wagner, die Geschäftsführerin des Marktschellenberger Unternehmens »psm protech«. Der viel zitierte Artikel im »Stern« sei viel zu spät erschienen. »Das ist politisches Kalkül«, ist sich die erfolgreiche Geschäftsfrau sicher. Außerdem sei der Spruch von Brüderle keine sexuelle Belästigung. »Ich kenne keine Frau, die Brüderles Verhalten schlimm findet«, sagt Irene Wagner. Man solle nicht bei jeder unglücklichen Bemerkung gleich von Sexismus reden.

Völlig gerechtfertigt findet die freiberufliche Journalistin Kathrin Thoma-Bregar, die auch für den »Anzeiger« schreibt, den »Stern«-Artikel. »Brüderles Spruch war blöd. Ich würde mich da auch aufregen«, sagt sie. Der Artikel sei eine feine Form der Rache gewesen. »Wäre er sofort erschienen, wäre es plumpe Rache gewesen.« Auch Kathrin Thoma-Bregar bekommt hin und wieder anzügliche Bemerkungen zu hören. Zum Beispiel: »Da kommt die hübscheste Journalistin.« Normalerweise könne sie jedoch darüber lachen oder empfinde es als Kompliment. Was beispielsweise gar nicht geht: »Das ist aber ein geiler Arsch in der Hose.« Einen so primitiven Umgangston erlebt Kathrin Thoma-Bregar allerdings sehr selten. Mit einem Kommunalpolitiker aus der Region habe es jedoch mehrmals unangenehme Situationen gegeben. »Das sind immer arme Würstchen, die so daherreden. Die tun mir schon fast leid.« Derartige Macho-Allüren seien zwar nervig. Als Erniedrigung würde sie Thoma-Bregar aber nicht empfinden. Richtig aufregen könne sie sich über Sprüche wie »Frauen brauchen eh nicht zu studieren, weil sie ja dann gleich Kinder bekommen.«

Damit Frauen - mit Kindern oder ohne - im Beruf nicht benachteiligt werden, haben viele Unternehmen und Behörden sogenannte Gleichstellungsbeauftragte. So auch das Landratsamt Berchtesgadener Land. Irene Meier sorgt dort dafür, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden. Sie achtet unter anderem darauf, dass Teilzeitkräfte nicht benachteiligt werden und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewährleistet ist. Meier ist aber auch Ansprechpartnerin für alle Bürgerinnen und Bürger aus dem Landkreis. Sie bietet zwar keine Einzelfallberatung an, leitet die Fälle aber an entsprechende Fachstellen wie Polizei oder Jugendamt weiter.

Damit dieser Artikel nicht sexistisch wird, kommt jetzt auch mal ein Mann zu Wort. Und zwar Armin Nowak, der Ortsvorsitzende der FDP. Und der stellt gleich mal klar: »Brüderles Verhalten war nicht in Ordnung.« Die verspätete Reaktion der Journalistin könne er allerdings auch nicht gutheißen. »Das war konstruiert. Man muss solche Sachen sofort angehen«, findet er. Nowak ist sich sicher, dass man über jeden Spitzenpolitiker etwas finden könnte, um es gegen ihn zu verwenden. »Es muss grausam sein da oben«, sagt Nowak. Und natürlich sei die aktuelle Debatte nicht gut für die FDP-Basis. »Insgesamt ist die Diskussion aber in Ordnung, weil Sexismus ein gesellschaftliches Problem ist«, betont Armin Nowak.

Probleme mit Sexismus sind der Pressesprecherin des Nationalparks Berchtesgaden, Carolin Scheiter, an ihrem Arbeitsplatz nicht bekannt. Im Nationalpark gibt es sogar zwei Gleichstellungsbeauftragte. Die aktuelle Diskussion empfindet sie als schwierig. »Egal, was man sagt, man kann immer in ein Fettnäpfchen treten«, sagt Scheiter. »Wenn ich sage: Ach, die armen wehrlosen Frauen. Dann dränge ich die Frauen in eine Opferrolle. Sage ich: Man kann sich doch gegen solche Sprüche wehren. Dann diskreditiere ich diejenigen Frauen, die unter Sexismus leiden und sich nicht wehren können oder wollen.« Christian Fischer