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Die Bayerischen Staatsforsten sehen keine Alternative zur Entfernung der NS-Straßen – Kosten sollen im »einstelligen Millionenbereich« liegen

»Das Gift aus der Landschaft entfernen«

Berchtesgaden – Rund 70 Demonstranten recken ihre Schilder vor dem Forstbetrieb Berchtesgaden in die Höhe, skandieren Parolen à la »Wege lassen, Wege lassen«. Währenddessen präsentieren die Bayerischen Staatsforsten im Detail jene millionenschweren Sanierungsmaßnahmen, mit welchen die aus Teer gefertigten und damit giftigen Kehlsteinwege erneuert werden. 40 000 Tonnen Altlasten sollen abtransportiert werden. Alternativen wie eine Versiegelung der Straßen kämen nicht infrage. Das Material soll »irgendwo in Europa« recycelt werden. Die Ausschreibung beginnt nächste Woche. Im Mai geht es mit der Straßenentfernung los.

Knapp 70 Kritiker haben am Donnerstagmittag vor dem Forstbetrieb Berchtesgaden gegen die geplanten millionenschweren Sanierungsmaßnahmen auf dem Obersalzberg demonstriert. Zu Gesprächen mit den Verantwortlichen kam es bis Redaktionsschluss aber nicht. (Fotos: Pfeiffer)
Der giftige Teer geht bis zu einem halben Meter in die Tiefe. (Repro: Pfeiffer)
Der Demohund.
Verschwendung von Steuermillionen: Grünen-Ortsvorsitzender Jakob Palm ist sauer.
Keine Lust auf Feinstaub.
Der stellvertretende Forstbetriebsleiter Peter Renoth.
Gutachter Dr. Jörg Danzer skizziert mögliche Ausschwemmungen des Regenwassers.
Ingenieur Johannes Frauenschuh widerspricht einer Versiegelung.

Die Emotionen kochen über, wenn es um die Obersalzbergstraßen geht, die in den 30er-Jahren gebaut wurden. Die Demonstranten, die vor dem Forstbetrieb Berchtesgaden warten und auf Gehör hoffen, fordern, dass die Straßen erhalten bleiben, zumindest jene, die nicht total zerstört sind. »Es ist hirnrissig und der absolute Wahnsinn, was hier passieren soll«, sagt etwa Jakob Palm, Ortsvorsitzender der Grünen. Auf seiner Tafel, die er mit sich trägt, steht: »Versiegelt das Lügenmaul, den Steuerhahn, die Teerstraßen am Kehlstein.« Das Vorgehen der Bayerischen Staatsforsten habe nichts mit Umweltschutz zu tun. Die Sanierungsmaßnahmen seien allein den Wirtschaftsinteressen der Staatsforste geschuldet, sagt ein weiterer Demonstrant. »17 Mio. für die Zerstörung stiller Wanderwege« steht auf einem anderen Plakat geschrieben. Kinder, Jugendliche und Senioren haben sich versammelt, um ihren Unmut über die anstehende Großbaustelle am Obersalzberg kundzutun.

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Fünf Monate Baustelle am Obersalzberg

Forstbetriebsleiter Dr. Daniel Müller sagt, dass er grundsätzlich gesprächsbereit sei. Sobald sich die Situation emotional beruhigt habe, könne man sich an einen Tisch setzen. Am Ergebnis wird das aber nichts ändern. In zwei Monaten rollen die Bagger an, 13,1 Kilometer Wege und Straßen werden dann entfernt. Bis Ende Oktober soll der Kraftakt abgeschlossen sein. »Wir machen das, was uns die Fachleute sagen«, sagt Müller.

Immer wieder verweist er darauf, dass sich die Bayerischen Staatsforsten in der Verantwortung sehen und aus Fehlern aus der Vergangenheit gelernt hätten. Denn bereits 2010 waren 1,8 Kilometer Obersalzbergstraßen (Dalsenwinkelstraße) entfernt und später erneuert worden. Der belastete Straßenaufbruch war von eben jener Firma, die später in den von der »Süddeutschen Zeitung« aufgedeckten Umweltskandal verwickelt war, abtransportiert worden. Heraus kam, dass Tausende Tonnen teerhaltiges Straßenmaterial illegal vergraben worden waren.

Transparenz bei der Entsorgung

»Wir sind zur Vorbildlichkeit verpflichtet und werden den Prozess dieses Mal bis zum Schluss begleiten«, verspricht der Forstbetriebsleiter. Das oberste Gebot sei Transparenz: Von der Entfernung der Straßen bis hin zum Recycling soll nachvollziehbar sein, was mit dem giftigen Aufbruch geschieht. »Wir werden ein für alle Mal das Gift aus der Landschaft entfernen.«

»Gefahr für den Menschen«

Bereits 2012 hatte die Denkmalschutzbehörde verlauten lassen, dass es sich bei den Wegen am Obersalzberg um Straßen ohne Denkmaleigenschaft handelt. 2013 hatte das Landratsamt Berchtesgadener Land die Bayerischen Staatsforsten per Bescheid verpflichtet, ein detailliertes Gutachten samt Schadstoffuntersuchungen durch einen Sachverständigen durchführen zu lassen. Die Ergebnisse präsentierte nun Dr. Jörg Danzer aus Sonthofen. In seinem dem »Berchtesgadener Anzeiger« vorliegenden Gutachten zeigte er auf, dass »die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen (...), dass über den gesamten Bereich der Wirtschaftswege am Kehlstein ein Schadstoffeintrag durch das Aufbringen von flüssigem Teer erfolgte, der unterschiedlich tief (...) eingedrungen ist.« In weiten Streckenabschnitten seien die teerhaltigen Straßenbeläge »in Auflösung begriffen.« Deutliche Prüfwertüberschreitungen bewiesen, dass eine nicht unerhebliche Gefahr für Mensch, Grundwasser und Oberflächengewässer gegeben sei.

Die Kehlsteinwege werden nicht nur als Wirtschaftswege für den Forstbetrieb genutzt, sondern auch als Rad- und Wanderwege. Gutachter Danzer: »Die aktuelle Nutzung soll auch in Zukunft beibehalten werden, wobei die Bedeutung als Erholungsgebiet steigen wird.«

Wer entsorgt den »gefährlichen Abfall«?

Doch zunächst werden die »teerhaltigen Schwarzdecken« abgefräst und abgezogen, auch der Straßenunterbau muss in weiten Teilen in einer Stärke von 20 bis 40 Zentimetern ausgehoben werden. »Es werden keine Mauern entfernt, keine Böschungsfüße ausgerissen«, beruhigt der stellvertretende Forstamtsleiter Peter Renoth. Das Teer-Material wird als »gefährlicher Abfall« eingestuft und entsprechend entsorgt. Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist allerdings nicht klar, wer für die Entsorgung zuständig sein und wohin der Straßenbelag hingeliefert wird. Merkwürdig: Eine thermische Verwertung, bei der der Teer ausgebrannt wird, schließt Gutachter Danzer aus – später widerruft Forstbetriebsleiter Müller aber dessen Aussage.

Fakt ist, dass an zwei Stellen am Obersalzberg wasserdichte, mit Betonplatten versehene Umschlagplätze eingerichtet werden sollen. Ein Zwischenlager soll es hingegen nicht geben. Der Straßenaufbruch, der auf den Umschlagplätzen abgeladen wird, wird umgehend – maximal zwei bis drei Tage später – abgeholt und zur Weiterverwertung transportiert, so Johannes Frauenschuh vom Reichenhaller Ingenieurbüro BPR. Die Verwertung muss nicht zwangsläufig in Deutschland stattfinden, sondern kann – je nach Ausschreibungsergebnis – auch europaweit erfolgen. Rund 2 000 Lkw-Fuhren seien notwendig, um das Material vom Obersalzberg zum Entsorger zu fahren. »Das kann mit dem Lkw oder mit der Bahn erfolgen«, so Frauenschuh. Die Dokumentation der Entsorgung soll mittels elektronischer Nachweisverfahren überprüfbar bleiben. Eine illegale Entsorgung soll damit ausgeschlossen werden.

Einstellige Millionenkosten

Nach dem Ausbau des teerhaltigen Materials werden die Wege auf unterschiedliche Weisen ausgebaut: als Wanderwege, Forstwege oder Forststraßen, Letztere werden etwa 3,5 Meter breit. So mancher nicht mehr genutzte Weg entfällt. Das dortige Ziel: eine »vollständige Renaturierung«. Eine Straßenversiegelung, so wie etwa auf der Kehlstein-Busstrecke, sei für die vielen Forstwege und -straßen nicht sinnvoll. Die teils steilen Hanglagen und der starke Oberflächenabfluss sorgten dafür, dass abfließendes Wasser mit den in den Straßen enthaltenen Giften (polyzyklischen aromatische Kohlenwasserstoffe) kontaminiert wird. Anders als von den Grünen kolportiert, soll die Sanierungsmaßnahme auf dem Obersalzberg nicht 17 Millionen Euro kosten. Deutlich günstiger soll es werden. Dr. Müller schätzt, dass sich die Kosten »im unteren einstelligen Millionenbereich bewegen werden«. Kilian Pfeiffer