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Das Leben nach dem Freitod

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Leistet Beistand in den schwierigsten Stunden des Lebens: Helmut Langosch vom Kriseninterventionsdienst Berchtesgadener Land betreut mit seinem Team auch Angehörige von Selbstmördern. Foto: BRK BGL

Berchtesgaden - Der Doppelselbstmord am Königssee erschütterte erst vor Kurzem den Talkessel. Doch die meisten Suizide werden im Verborgenen begangen. Zurück bleiben ratlose Angehörige. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat mit Menschen gesprochen, die den Hinterbliebenen helfen.


Die Selbstmordrate ist im Berchtesgadener Talkessel überdurchschnittlich hoch. Bundesweit liegt sie bei 10,6 pro 100 000 Einwohner. »Im Berchtesgadener Land begingen im vergangenen Jahr acht Menschen Suizid«, weiß Franz Sommerauer, der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Berchtesgaden. Das ergibt eine Rate von 33,3 pro 100 000 Einwohner.

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Sommerauer, der jahrelang einer der Pressesprecher des Polizeipräsidiums war, betont: »Es gibt keine Polizeimeldung, wenn es sich um einen Suizid handelt.« Das heißt, in der Regel steht ein Selbstmord nicht in der Zeitung. Außer, er wurde an einem öffentlichen Ort, zum Beispiel auf einem Bahngleis, verübt. Aber auch dann gibt die Polizei nur das Nötigste weiter und rät stets von einer Berichterstattung ab. »Die Familie muss unbedingt geschützt werden«, so Sommerauer. Er könne zwar das Interesse der Medien verstehen, über Selbstmorde zu berichten. »Aber den Anspruch der Öffentlichkeit, darüber informiert zu werden, halte ich für sehr gering.« Bei spektakulären Fällen habe er immer versucht, sich mit den Medienvertretern auf einen sinnvollen Weg zu einigen.

Warum die Selbstmordrate in bestimmten Regionen deutlich höher ist als anderswo, bleibt Psychologen seit Jahren ein Rätsel. Auch der Berchtesgadener Psychotherapeut Robert Stamm hat darauf keine wissenschaftlich fundierte Antwort. Dass das Eingekesselt-Sein im Berchtesgadener Land eine Rolle spielen könnte, hält er für fragwürdig. »Fest steht aber, dass ein Mangel an Sonnenlicht, vor allem im Winter, Vitamin-D-Mangel hervorrufen kann«, weiß Stamm. Was wiederum zu einer Herbst-Winter-Depression führen kann. »In solchen Fällen hilft meist eine Lichttherapie«, rät Stamm.

»Psychische Erste Hilfe, aber keine Therapie« bietet der Kriseninterventionsdienst (KID) allen Angehörigen, die mit dem Freitod eines geliebten Menschen klarkommen müssen. Helmut Langosch, Fachdienstleiter vom KID Berchtesgadener Land, ist immer wieder gemeinsam mit der Polizei unterwegs, um die traurige Nachricht eines Selbstmordes zu überbringen. »Wir betreuen Angehörige, Freunde oder Bekannte in den ersten Stunden. Mit den Betroffenen reden gehört da ebenfalls dazu wie einfach nur zuhören«, so Langosch. Der Fachdienstleiter und seine ehrenamtlichen KID-Mitarbeiter zeigen Wege auf, wie man mit der Situation umgehen kann, und bieten ihre Hilfe an, nur eines machen sie nicht: trösten. »Man kann ein kleines Kind trösten, dessen Lutscher runterfällt, aber nicht jemanden, der gerade eine geliebte Person verloren hat. Trost ohne Ersatz zu bieten, geht einfach nicht.«

In der Regel reagieren Angehörige mit Unverständnis und Schuldzuweisungen auf einen Suizid. Um einen Selbstmord aber auf lange Zeit richtig verarbeiten zu können, ist, laut dem Kriseninterventionsdienst, gerade in den ersten Stunden eine psychische Betreuung enorm wichtig: »Wir machen gemeinsam mit den Betroffenen einen Plan für die nächsten Wochen«, so Langosch. Das Abklären, ob professionelle Hilfe nötig ist, gehört genauso dazu wie die unmittelbare Konfrontation mit dem Toten. »Wenn es rechtlich und zeitlich möglich ist, fahren wir mit den Angehörigen zu dem Unfallort, damit sie das Geschehene auch realisieren. Viele glauben einfach nicht, dass ihr Mann, ihre Frau oder ihr Kind verstorben ist, erst wenn sie die leblose Person sehen oder berühren, realisieren sie den Tod.«

Warum gerade im Berchtesgadener Talkessel gehäuft Bürger Selbstmorde begehen, kann sich auch Helmut Langosch nicht erklären: »Meiner Meinung nach kann man es nicht an der Geografie festmachen, vielmehr muss man sich fragen, sind es nur Einheimische oder nehmen sich auch Urlauber hier das Leben. Egal wer sich selbst umbringt, in jedem Fall steckt ein trauriger, individueller Beweggrund dahinter.«

Im Kriseninterventionsdienst Berchtesgadener Land sind derzeit 23 Mitarbeiter ehrenamtlich tätig. Damit sie ihre Erlebnisse bei der Betreuung von Angehörigen besser verarbeiten können, müssen sie vierteljährlich mit einem Psychologen ein Gespräch führen, um ihre seelische Last nach schweren Einsätzen abbauen zu können. »Diese Treffen sind enorm wichtig, da wir außerhalb unseres Teams absoluter Schweigepflicht unterliegen.«

Um auf lange Zeit einen Selbstmord eines Angehörigen verarbeiten zu können, finden Betroffene Unterstützung in Selbsthilfegruppen. Trauerbegleiterin Andrea Grundner, selbst Angehörige eines Selbstmörders, leitet in Traunstein die Gruppe »Trauer nach Suizid«, in der sich Betroffene über ihre Gedanken und Gefühle austauschen können. Jedoch gibt es für Neuinteressenten einen Haken: Die Selbsthilfegruppe ist voll, momentan können keine neuen Mitglieder mehr aufgenommen werden. »Es besteht ein ganz großer Bedarf im Berchtesgadener Land«, informiert Marie-Therese Roozen, Leiterin der Selbsthilfekontaktstelle Berchtesgadener Land, »wir suchen händeringend jemanden, der im Landkreis eine Gruppe gründen möchte.« Dann finden vielleicht auch die vier betroffenen Angehörigen von Suizidopfern, die in den letzten Wochen abgewiesen werden mussten, endlich Hilfe. ci/cfs