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»Das schlechte Wetter für dieses Jahr ist genug«

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Bei Sonnenschein übers schlechte Wetter reden: Tourismusdirektor Michael Grießer und »Anzeiger«-Redakteurin Caroline Irlinger trafen sich am Donnerstag auf einen »Edelweiß-Kaffee«. Foto: Anzeiger/Fischer

Berchtesgaden – Ein Brandschaden macht der Watzmann Therme für mehrere Monate den Garaus, Dauerregen lässt für Schüler und Urlaubsgäste die Pfingstferien ins Wasser fallen, ein Jahrhunderthochwasser löst in der Region Katastrophenalarm aus. Für den »Berchtesgadener Anzeiger« Anlass genug, sich mit Tourismusdirektor Michael Grießer bei einem »Edelweiß«-Kaffee einfach mal nur übers Wetter und dessen Auswirkungen zu unterhalten.


Der Tourismusdirektor nippt gelassen an seinem Kaffee, der Verdruss über die verregneten Pfingsttage mit dem Hochwasser als Höhepunkt am Fronleichnamswochenende ist ihm aber trotzdem deutlich anzumerken. »So extrem, wie die Schönwetterziele gelitten haben, so sehr haben die Schlechtwettterziele im Talkessel profitiert. Im Salzbergwerk, der Dokumentation Obersalzberg, dem Königlichen Schloss und im Heimatmuseum haben wir im Vergleich zu letztem Jahr einen Besucherzuwachs von bis zu 50 Prozent, in der Doku war es sogar der beste Mai seit Eröffnung im Jahr 1999«, so Michael Grießer. Auf die Frage, wie es in der Kletterhalle aussah, greift der Tourismuschef kurzerhand zu seinem Smartphone und kontaktiert den Geschäftsführer der Kletterhalle. Nach zwei Minuten steht fest: Ungemütliches, nass-kaltes Wetter ließ auch dort die Besucherzahlen in die Höhe schnellen. Bleiben in den Pfingstferien die Kletterwände tendenziell eher leer, haben heuer unzählige Urlauber ihre Kletterausrüstung ausgepackt.

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»Wir haben in der Region auf engem Raum sehr viele Schlechtwetterausflugsziele, sei es bei uns im Talkessel oder in Reichenhall, Freilassing und Salzburg. Und was sind denn heute schon 20 oder 30 Kilometer Autofahrt?«, fragt der Tourismusdirektor zwischen zwei Schluck Cappuccino.

20 000 Personen im »Haus der Berge«

Weite Anreisestrecken mussten Berchtesgaden-Urlauber für das seit Anfang Mai eröffnete »Haus der Berge« nicht in Anspruch nehmen. »Mittlerweile haben etwa 20 000 Personen das Umweltbildungszentrum besucht«, freut sich der Tourismuschef, »selbstverständlich ist es neu und das Wetter war extrem schlecht, aber ich glaube trotzdem, es wird dauerhaft ein Besuchermagnet werden.« Egal, ob es regnet oder nicht.

Wäre es vor wenigen Wochen nicht zu einem Brand in der Watzmann Therme gekommen, wäre auch das Berchtesgadener Schwimmbad als Gewinner hervorgegangen. »Bei dem Dauerregen hätten wir in der Therme einen guten Umsatz gemacht, aber es ist, wie es ist«, bedauert Grießer die voraussichtlich monatelange Schließung der Watzmann Therme. »Jetzt profitiert die Reichenhaller Rupertus Therme doppelt, einerseits hat unsere Watzmann Therme zu, andererseits ist seit dem Wochenende auch das Freilassinger Schwimmbad Badylon wegen Hochwasserschäden geschlossen.«

Aufklärungsarbeit nach dem Hochwasser

Apropos Hochwasser: Die Jahrhundertflut hat nicht nur manchen Einheimischen von der Infrastruktur abgeschnitten, auch der ein oder andere Urlaubsgast war gezwungen, seinen Urlaub im Talkessel zu verlängern. »Für uns Touristiker steht nun Aufklärungsarbeit auf dem Programm, sei es, bereits anwesenden Gästen Umleitungsstrecken nach Hause zu erklären oder künftigen Urlaubern den Weg in den Talkessel.« Dass die Sommersaison durch die Unwetterschäden beeinträchtigt sein könnte, befürchtet Michael Grießer nicht. »In der schnelllebigen Zeit kommt es auch wieder zu einer schnellen Beruhigung. Im Juli, August ist das Unwetter schon längst wieder von der Agenda. Vielleicht gibt es den ein oder anderen, der wegen möglicher Katastrophenschäden nicht zu uns kommt.« Stark am Herzen liegt dem Tourismusdirektor, künftigen Berchtesgaden-Touristen schnell zu verdeutlichen, dass der Talkessel nicht so schlimm getroffen wurde wie Freilassing. »Die Leute hören nur ›Flutkatastrophe im Berchtesgadener Land‹, unterscheiden aber nicht regional im Kleinen.«

Wandern statt Meckern

Dass man bei einer Woche Regen auch ohne Trübsal seinen Urlaub in Berchtesgaden verbringen kann, ist für Grießer vollkommen klar. »Wir bekommen immer wieder mit, dass viele Touristen trotz Regens und kultureller Angebote das Wandern vorziehen. Schließlich gibt es bei uns genügend Ziele, wie etwa die Kneifelspitze oder den Grünstein, die auch bei schlechtem Wetter erreichbar sind. Statt zu meckern, trotzen unsere Urlauber dem Wetter.«

Diese Erfahrung machten auch die Verantwortlichen der Ausflugsziele »Jennerbahn« und »Kehlstein«. Obwohl die Jennerbahn 30 Prozent weniger Besucher als in den letzten Pfingstferien verbuchen musste, nutzten Wander- und Naturliebhaber kurze Regenpausen unverzüglich für eine Bergfahrt aus. 30 Zentimeter Neuschnee haben den Kehlsteinbetrieben seit ihrer Saisoneröffnung am 11. Mai bislang öfters einen Strich durch die Rechnung gemacht. »An vier Tagen mussten wir komplett schließen, an zwei Tagen sind wir in der Früh noch gefahren, aber am Vormittag war dann auch Schluss«, blickt Grießer zurück.

Absolut ins Wasser fielen die Pfingstferien für die drei heimischen Freibäder. Im Schornbad in Schönau am Königssee sowie im Aschauerweiherbad in Bischofswiesen zogen einheimische Frühschwimmer tapfer ihre Bahnen, ehe bei Regen ab dem Vormittag die Bäder wieder geschlossen wurden. »15 Grad im Naturbad laden nicht gerade zum Baden ein«, so Grießer, der bei einem Regenspaziergang auf dem Maximiliansreitweg das Schild mit der Temperaturangabe entdeckte. »Doch das Gute an der Sache ist, dass sich durch die großen und flachen Ausgleichsflächen das Wasser relativ schnell wieder aufheizt. Und im Schornbad und in Marktschellenberg kann sowieso geheizt werden.«

Obwohl die endgültigen Gäste- und Übernachtungszahlen für den Mai noch nicht feststehen, hat Michael Grießer das ungute Gefühl, dass wegen des schlechten Wetters weniger Urlauber zu Pfingsten in Berchtesgaden waren: »Heutzutage buchen die Gäste einfach viel kurzfristiger, wird Regen gemeldet, verzichten die Urlauber aufs Wegfahren.« Die Gäste, die letztendlich doch an Pfingsten in den Talkessel kamen, waren zwar vom Wetter frustriert, doch das große Jammern blieb, laut dem Tourismusdirektor, aus. Schließlich war es auch in anderen Urlaubsregionen, angefangen von Nordbayern über Österreich bis nach Italien, schlecht.

Denkt der Tourismusdirektor an die Sommersaison, ist er optimistisch. »Mit einem guten Sommer und einem schönen Herbst können wir die verregneten Oster- und Pfingsttage wieder wettmachen. Das schlechte Wetter ist für dieses Jahr genug.« Caroline Irlinger