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»Das sind keine Aussätzigen«

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Bat die Anwesenden um Sachlichkeit: Bürgermeister Franz Rasp. Fotos: Anzeiger/Voss
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»Wenn es Familien wären, wäre uns wohler«, sagte Heidi Eder.

Berchtesgaden – Das Landratsamt bezog am Donnerstagabend bei einer Informationsveranstaltung Stellung in Sachen »Asylbewerberunterkunft an der Königsseer Straße 41«. Vor einer Woche hatte das Amt kurzerhand 15 Asylbewerber innerhalb eines Tages in das teilweise leer stehende Wohnhaus in dicht bebauter Lage einquartiert. Bei der Diskussion im Gasthaus »Schwabenwirt«, unweit des neuen Asylbewerberheims, standen mehrere Vertreter des Landratsamtes sowie der Polizeichef und die Betreuerin der Asylbewerber den zahlreich erschienenen Interessierten Rede und Antwort.


In dem kleinen Saal des »Schwabenwirts« blieb am Donnerstag kein Platz unbesetzt. Das Interesse und auch der Ärger der Anwohner der Königsseer Straße sowie vieler anderer waren überwältigend. Die Bürger stellten Fragen wie »Warum sind das nur Männer?«, »Wieso wurden wir nicht früher informiert?« oder auch »Wer sorgt dafür, dass die sich ordentlich benehmen?«. Auffallend war die grundsätzlich negative Haltung der meisten Anwesenden gegenüber den 15 jungen Männern. Den meisten Einheimischen sitze noch immer die schlechte Erfahrung mit dem Asylbewerberheim vor Jahren am Königsee in den Knochen, lautete die Meinung vieler.

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Während der Veranstaltung, zu der auch Bürgermeister Franz Rasp und einige Gemeinderäte Berchtesgadens gekommen waren, sammelte Moderator Stefan Neiber vom Landratsamt Fragen im Publikum, die der jeweilige Experte im Anschluss beantwortete. Zu Beginn bat Rasp die Anwesenden um Sachlichkeit und um die Fokussierung auf das Thema Königsseer Straße 41.

Warum wurden die Anwohner so spät informiert?

Eine Frage, die den meisten Anwesenden unter den Nägeln brannte und zu allererst gestellt wurde, war: »Warum wurden die Asylbewerber so schnell ohne unser Wissen einquartiert?« Der Jurist Dr. Foerst übernahm die Antwort: »Ab dem ersten September werden jedem Landkreis jede Woche zehn Asylbewerber zugewiesen, denn alleine im Regierungsbezirk Oberbayern, in München, kommen jede Woche 400 neue Asylbewerber an. Es herrscht eine Notsituation, aufgrund derer wir schnell handeln mussten.« Zudem habe es Probleme mit dem Vermieter gegeben, der sich zwischen Mittwoch und Freitag mehrmals umentschied, ob er das Haus Nummer 41 vermieten wollte. »Darum konnte der Bürgermeister nicht rechtzeitig informiert werden«, erklärte Foerst, hatte aber auch ein Einsehen, was die Kritik der Betroffenen angeht: »Die späte Information ist ein Punkt, den Sie und auch der Herr Bürgermeister absolut zu Recht kritisieren.«

Unruhe und Zwischenrufe

Da es während der Veranstaltung immer wieder zu Unruhe und Zwischenrufen seitens des wütenden Publikums kam, versuchte Dr. Foerst an die Menschlichkeit der Anwesenden zu appellieren: »Es sind Leute wie du und ich, es sind keine Aussätzigen, keine Kriminellen, keine per se gefährlichen Leute, nicht schmutziger oder weniger fleißig als wir. Es sind Jungs, bei denen ich heute erst wieder vorbeigeschaut habe«, entgegnete der Jurist den missmutig blickenden Berchtesgadenern. Es sei »doch nichts dabei«.

Zu dem lauten Vorwurf eines Berchtesgadeners, dass die Verteilung der Personen auf den Landkreis mehr als unausgeglichen sei, äußerte sich ebenfalls Dr. Foerst: »Es ist nicht realistisch auf dem Schreibtisch auszurechnen, wie viele Asylbewerber exakt auf jede Gemeinde entfallen. Wenn man die momentane Lage bedenkt, ist die Aufteilung bemerkenswert gleichmäßig und gerecht.« Bei der Betrachtung der verschiedenen Bereiche des Landkreises seien je 53 zu 67 zu 70 Asylbewerbern untergebracht, wobei im südlichen Landkreis, sprich Berchtesgaden und Bischofswiesen, am meisten wohnen.

Heidi Eder wohnt in direkter Nachbarschaft des neuen Asylbewerberheims. Ihre Bedenken betreffen die Auswahl der Bewerber: »Wir wohnen direkt gegenüber der Nummer 41. Es handelt sich um lauter junge Männer, die den ganzen Tag nichts zu tun haben. Da wird einem schon mulmig zumute. Wenn Familien hier wären, wäre uns viel wohler.«

Zu diesem Punkt äußerte sich Karlheinz Heinrich vom Fachbereich Personenstands- und Ausländerwesen beim Landratsamt: » Wir haben keinerlei Einfluss darauf, wen wir hergeschickt bekommen«, lautete seine Antwort. Er zeigte aber großes Verständnis für den angesprochenen Sachverhalt und weiß, woher die Bedenken der Frau kommen: Es wird sich jeder noch mit Schrecken an die Zeit erinnern, als wir Kosovo-Albaner hier hatten. Damals herrschte der Balkankrieg. Die derzeitigen Asylbewerber sind aber mit dieser Klientel von damals nicht vergleichbar. Alleine von der Bildung her, die meisten sprechen Englisch. Manche haben auch studiert.«

In Bezug auf die Angst vor Kriminellen unter den Asylbewerbern, die auch noch ein anderer im Publikum äußerte, konnte der Polizeichef Günther Adolph beruhigen. Es gäbe momentan in Berchtesgaden keine Probleme mit den neuen Mitbürgern.

Über den Ablauf des Informationsabends war Dr. Foerst leicht enttäuscht: » Ich war letzte Woche auf einer ähnlichen Veranstaltung in Bad Reichenhall. Dort wurden 26 Asylbewerber untergebracht. Im Gegensatz zu den Berchtesgadenern waren die Reichenhaller interessiert, offen, und wollten den Leuten die Eingewöhnung erleichtern. In Berchtesgaden ist die Haltung leider sehr ablehnend.«

Alles in allem sei die Veranstaltung gelungen, da man »den Leuten die Angst teilweise nehmen konnte«, so Dr. Foerst. Zum Abschluss versicherte der Jurist allen Anwesenden, dass der Mietvertrag nur ein Jahr laufe und »mit großer Wahrscheinlichkeit danach beendet wird«. Annabelle Voss