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Das Tagebuch eines ermordeten Mädchens

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Großes Interesse riefen die verschiedenen Publikationen über Anne Frank hervor. (Fotos: Jander)
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Die Schriftstellerin und Autorin Mirjam Pressler eröffnete besondere Blickwinkel auf die Familie von Anne Frank.

Berchtesgaden – Es ist ein kleiner Höhepunkt in der Reihe faszinierender Obersalzberger Gespräche, die besondere Blickwinkel auf die Geschichte des Nationalsozialismus bieten. Dieses Mal steht in der Dokumentation eines der bekanntesten Holocaust-Opfer im Mittelpunkt: Anne Frank. Das Tagebuch des jungen Mädchens, das im Alter von 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet worden war, zählt heute zur Weltliteratur, wurde in über 70 Sprachen übersetzt und von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe aufgenommen. Viele Jahre ihres Lebens hat sich die deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Mirjam Pressler mit dem Schicksal von Anne Frank beschäftigt und war nun am Obersalzberg zu einer Lesung zu Gast.


Für die Moderation des Abends und die Einführung zum Thema zeichnete einmal mehr Dr. Axel Drecoll verantwortlich. Der fachliche Leiter der Dokumentation Obersalzberg betonte dabei den besonderen Wert, der auf den biografischen Zugang zur NS-Geschichte gelegt wird: »Wir bekommen einen wichtigen Blick auf die Alltagswelt der Verfolgten.« Ebenso stellte er heraus, dass dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte nach wie vor aktuell und wichtig ist: »Zeitlich ist das noch nicht so weit entfernt. Anne Frank könnte theoretisch als alte Frau heute unter uns sitzen.«

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Nach den bewegenden Veranstaltungen mit Martin Doerry und Jennifer Teege freute sich Dr. Drecoll sehr über den Themenabend zu Anne Frank mit der Referentin Mirjam Pressler. Die 1940 in Darmstadt geborene Schriftstellerin zählt zu den erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen, hat sich aber auch als Übersetzerin und nicht zuletzt als Anne-Frank-Biografin einen Namen gemacht. Sie hat sich sehr intensiv mit dem Leben des jungen Mädchens auseinandergesetzt und verschiedene Bücher dazu geschrieben und herausgegeben. So wurde am Obersalzberg auch »Anne Frank – Die Gesamtausgabe« vorgestellt.

Zum ersten Mal sind nun alle Texte von Anne Frank in einem Band erschienen, dazu auch bisher Unveröffentlichtes: die verschiedenen Fassungen des Tagebuchs sowohl in den beiden eigenhändigen Versionen von Anne Frank selbst als auch in der edierten Fassung von Otto Frank und Mirjam Pressler, ihre Erzählungen und Essays sowie ihre Briefe und Aufzeichnungen. Ergänzt wird die teilweise neu übersetzte Gesamtausgabe durch zahlreiche Fotos, Dokumente, eine Zeittafel, einen Familienstammbaum und eine Auswahlbibliografie.

Bei dem Obersalzberger Gespräch, das in Kooperation mit dem Anne-Frank-Zentrum stattfand und die derzeitige Winterausstellung im Dokumentationszentrum flankierte, widmete sich Mirjam Pressler ihrem Buch »Grüße und Küsse an alle«, das die Geschichte der Familie von Anne Frank erzählt. Ausgangspunkt für diese faszinierende Familienchronik war ein Dachbodenfund: Zahllose Briefe, Dokumente und Fotos wurden im Haus von Buddy Elias entdeckt, dem Cousin von Anne Frank und zugleich ihr letzter lebender Verwandter, der sie noch gekannt hat. Die Autorin beeindruckte ihre Zuhörer mit profundem Wissen über Anne Frank und ihre Familie. Sie erzählte über das Familienleben der Franks aus einem sehr menschlichen, persönlichen und berührenden Blickwinkel.

In einer abschließenden Fragerunde wurden noch verschiedenste Aspekte angesprochen. So war es durchaus ungewöhnlich, dass sich die Familie zwei Jahre lang verstecken konnte. Da sie keine Lebensmittelkarten bekamen, musste die komplette Versorgung über den Schwarzmarkt sichergestellt werden, was nur mit erheblichen finanziellen Mitteln zu bewerkstelligen war. Ebenso wurde thematisiert, dass Anne Frank eine ausgesprochen begabte Schreiberin war, die ihr Tagebuch selbst noch überarbeitet hat und selbst wollte, dass es veröffentlicht wird.

Schließlich blieben aber auch Fragen offen: Bis heute ist nicht bekannt, wer die Familie Frank an die Nazis verraten hat. Und auch der genaue Todestag von Anne Frank ist unbekannt. tj