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Den Bombenangriff mitverfolgt

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Zeitzeuge Ludwig Schröer (r.) mit den Museumspädagoginnen Sonja Herzl (l.), Nina Riess und Kameramann Emanuel Förster. Anzeiger-Fotos
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Adolf Hitler in der Bahnhofstraße. Ludwig Schröer war dabei.

Berchtesgaden - An so manches Lied aus der Hitlerjugend kann sich Ludwig Schröer noch erinnern, als wäre es gestern gewesen. Gut für Nina Riess und Sonja Herzl, Museumspädagoginnen in der Dokumentation Obersalzberg. Denn sie sind auf der Suche nach hiesigen Zeitzeugen des Nationalsozialismus. In Ludwig Schröer haben sie einen guten Gesprächspartner gefunden.


Der Termin findet zu Hause statt, in der Bahnhofstraße. Ludwig Schröer empfängt in seinem Wohnzimmer. Gemütliche Couch, ein Fernsehsessel, der Ofen pullert vor sich hin. Draußen rauschen die Autos vorbei. Es hört sich an, als seien die Fenster geöffnet. Sind sie nicht. Es ist nur Einfachglas.

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Ludwig Schröer ist 82 Jahre alt, Jahrgang 1930, und genau in diesem Raum, wo das Zeitzeugengespräch stattfindet, geboren. Berchtesgaden kennt er wie seine Westentasche. Er ging hier zur Schule, sein Vater, Jahrgang 1895 und ebenfalls gebürtiger Berchtesgadener, hatte in der Straße einen Laden für Tabakwaren. Haus- und Hoflieferant für die Arbeitslager am Obersalzberg sei der Vater gewesen. »Wir haben den Ofnerboden, das Dürreck und den Antenberg beliefert«, weiß Schröer. »Die Arbeiter dort haben viele Zigaretten und Tabak gebraucht.«

Für Familie Schröer ein gutes Geschäft: »Uns ging es so weit gut«, sagt er. Sein Vater sei Mitglied in der NSDAP gewesen, religiös war er. Ludwig Schröer selbst war in der Hitlerjugend dabei. »Zehn oder elf war ich damals.« Und es habe ihm sehr gut gefallen. »Wir kannten ja nichts anderes.« Appell am Sportplatz auf der Breitwiese, gemeinsames Liederlernen, Marschieren, Besuche im Jugendlager. »Ich hatte Angst, später in den Krieg ziehen zu müssen«, sagt Ludwig Schröer. Genau solche Informationen sind es, die Nina Riess und Sonja Herzl interessieren. Die Museumspädagoginnen sind auf der Suche nach Zeitzeugen. Nach Menschen aus dem Talkessel und der Umgebung, die etwas aus ihrem Leben, aus der Zeit des Nationalsozialismus zu erzählen haben.

Dabei werden die zu Interviewenden mit der Kamera aufgenommen. Mit dabei ist Kameramann Emanuel Förster. »Wir wollen wissen, wie die Leute lebten«, sagt Nina Riess. Und aktuell leben. Deshalb findet das Interview zu Hause statt. Ziel der Mitarbeiterinnen am »Institut für Zeitgeschichte« ist es, ein Zeitzeugen-Archiv anzulegen. Um Eindrücke von damals zu sammeln - und für die Nachwelt zu konservieren.

Ludwig Schröers Ausführungen sind von besonderem Interesse. Er war Augenzeuge vom Bombenangriff auf den Obersalzberg. »Beim Anflug feindlicher Flieger wurde immer vernebelt«, erinnert er sich zurück. Als im April 1945 der Obersalzberg Ziel feindlicher Flieger war, war Schröer gerade in der Schule. »Um zehn nach neun sind wir heimgeschickt worden.« Auf dem Weg nach Hause, zwischen Triembachereck und heutigem Schlossstüberl, gab es eine akute Luftwarnung. »Zwei Flieger kamen vom Westen in Richtung Obersalzberg.« Dann die Bomben, eine mächtige Druckluftwelle. »Die Scheiben vom Hotel ›Stiftskeller‹ barsten«, erzählt der Augenzeuge. Schröer hat die erste Angriffswelle im Freien miterlebt. Eine zweite Welle erlebte er im Stollen am Bahnhof.

Am Obersalzberg ist Schröer oft gewesen. Beim »Berghof Doffei«, so nannte man Adolf Hitler im Volksmund. »Hitler war immer sehr freundlich zu allen Leuten, er gab ihnen die Hand, unterhielt sich.« Richtig ausgeflippt sei so mancher, wenn er den »Führer« zu Gesicht bekam. »Hitler war gegenüber den Berchtesgadenern sehr charmant«, meint Schröer.

Die Schule besuchte er unter anderem mit Martin Bormann junior, dem Sohn des Hitler-Vertrauten und damaligen Leiters der Partei-Kanzlei der NSDAP, Martin Bormann. »Der Martin war ein sehr Netter, wir haben auch öfter miteinander gespielt«, so Schröer. Für die Mitarbeiterinnen der Dokumentation Obersalzberg sind die Informationen von großer Bedeutung: »Herr Schröer, haben Sie auch Bormann senior kennengelernt?«, fragt Nina Riess. Nein, das habe er nicht, entgegnet der 82-Jährige. Aber zuhause bei den Bormanns, da war er schon. Rustikale Räume, ein schönes Zuhause.

Von der Judenverfolgung? »Wussten wir in Berchtesgaden nichts«, sagt Schröer. Zumal es hier im Ort keine Juden gab. Die Befreiung Berchtesgadens erlebte er, als er mit dem Fahrrad in Richtung Stanggaß unterwegs war. Dort kamen ihm Panzer mit Amerikanern entgegen. Vorne dran der Landrat mit einer weißen Fahne. »Ich finde es wichtig, dass die Nachwelt erfährt, wie wir das damals in Berchtesgaden erlebt haben«, sagt Ludwig Schröer, während er erneut aus einer Wasserflasche trinkt. Weil er so viel zu erzählen hatte.

Die Dokumentation Obersalzberg sucht auch weiterhin Zeitzeugen aus der Region, die über Erlebtes sprechen möchten. Melden können sich diese bei Nina Riess unter Telefon 08652/9479622 oder per Mail unter riess@ifz-muenchen.de. kp

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