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»Den Buben Strukturen angewöhnen«

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Viel Energie steckt in den jugendlichen Flüchtlingen, die derzeit in der »Felicitas« untergebracht sind. Das bewiesen sie am Mittwoch bei einem Klettertag mit der vierfachen Eiskletter-Weltmeisterin Ines Papert (hinten) im DAV-Kletterzentrum Bischofswiesen. (Fotos: Kastner)
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Heiß begehrt bei den jugendlichen Flüchtlingen waren Poster mit dem Autogramm von Ines Papert.

Bischofswiesen – Für Rajan, Hirman, Sharifullah und 14 weitere Buben aus dem Irak, Afghanistan und Tunesien war es wie ein Ausflug in eine andere Welt. Drei Stunden lang tobten sich die im Stanggaßer Altenheim »Felicitas« untergebrachten minderjährigen Flüchtlinge am Mittwoch auf Einladung der Alpenvereinssektion Berchtesgaden in der Bischofswieser Kletterhalle aus. Selbst Betreuerin Ute Lorenzl und ihre Helferinnen von der Caritas strahlten übers ganze Gesicht, als sie erlebten, mit wieviel Energie sich die Buben zunächst im Boulderraum und dann in der hohen Halle mit Seilsicherung von oben in die Routen stürzten. Da hätte man die oft herzzerreißenden Schicksale der Jugendlichen schnell vergessen können.


Das Helferteam der DAV-Sektion hatte sich für diesen Nachmittag prominente Unterstützung geholt. Die vierfache Eiskletterweltmeisterin Ines Papert half eifrig beim Sichern und gab den Buben wertvolle Tipps zur Verbesserung ihrer Technik. Doch zunächst mussten die Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen neun und 17 Jahren erst einmal einen Teil ihrer Energie abbauen. In den kurzen Boulderrouten unterschiedlicher Schwierigkeit bewiesen die Flüchtlinge durchaus Sportlichkeit und auch Ehrgeiz. Schnell war das eine oder andere Boulder-»Problem« geknackt und man konnte sich der nächst höheren Schwierigkeit widmen.

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Klettern und sichern

Konzentration war beim anschließenden Seilklettern an den bis zu 15 Meter hohen Kunstkletterwänden gefragt. Für die Buben war es ganz selbstverständlich, dass sie nicht nur klettern, sondern auch sichern wollten. Hier war es allerdings von Vorteil, dass der Kletterwandbetreuer und Ines Papert für die sogenannte »Hintersicherung« sorgten, sodass nichts schief gehen konnte.

In den Routen im vierten oder fünften Schwierigkeitsgrad machten sich die Buben, die nie zuvor mit dem Klettersport in Berührung gekommen waren, durchaus gut. Den neunjährigen Rajan riss sein erster Durchstieg bis unter das Hallendach zu wahren Begeisterungsstürmen hin. »Foto, Foto«, rief der junge Iraker der Caritas-Betreuerin aufgeregt zu. Die kam der Bitte mit ihrer Kamera gerne nach, denn schließlich ist an der großen Pin-Wand in der »Felicitas« noch ausreichend Platz für spannende Bilder.

Familienzusammenführung in Dortmund

Mittlerweile dürften Rajan und sein älterer Bruder Hirman im Rahmen der Familienzusammenführung bereits beim Bruder in Dortmund angekommen sein. Ausgestattet mit den entsprechenden Dokumenten, durften die beiden Brüder gestern ganz legal weiterreisen. »Wir arbeiten hier sehr unkompliziert mit dem Jugendamt zusammen«, sagt Ute Lorenzl von der Caritas. In Dortmund werden alle auf die Mutter warten, die sich gestern noch in Griechenland aufhielt. Die Familie ist auf der Flucht, weil sie im Irak wie viele andere Christen auch, der Verfolgung ausgesetzt war. Der Vater wurde erschossen.

Der 16-jährige Sharifullah war an diesem Klettertag mit den Gedanken bereits einige Tage voraus. Kein Wunder, schließlich wird er am Montag in eine andere Einrichtung nach Hallbergmoos weiterreisen. Dort soll er nach Möglichkeit einen Schulabschluss machen. »Unsere Aufgabe als Clearingstelle ist es auch, die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Jugendlichen zu ermitteln. Je nach Eignung können sie dann eine Schule oder eine Berufsschule besuchen«, erklärt Ute Lorenzl. Denn der besondere Schutz der Flüchtlinge erlischt, wenn sie volljährig sind. Ob sie dennoch in Deutschland bleiben können, hängt auch mit erworbenen Deutschkenntnissen und beruflicher Ausbildung zusammen.

Schlittenfahren auf Tabletts

»Wir raten den Buben auch, ihre Fluchtgeschichte aufzuschreiben, denn vieles davon vergisst man mit der Zeit«, sagt Ute Lorenzl. Darüber hinaus gibt es in der »Felicitas« jeden Vormittag Deutschunterricht durch ehrenamtliche Helfer. »Wir wollen den Jugendlichen gewisse Strukturen angewöhnen«, so die Caritas-Mitarbeiterin. Nachmittags und am Wochenende steht dann meist ein kulturelles oder sportliches Veranstaltungsprogramm auf dem Plan. Da geht es ins »Haus der Berge«, zum Buttnmandllaufen, zum Christkindlschießen, zum Fußballspielen, Schlittschuhlaufen, Schwimmen oder bald auch einmal zum Skifahren. Und die Buben sind auch sehr erfinderisch, wenn das passende Sportgerät nicht zur Verfügung steht. Beim jüngsten Schneefall schnappten sie sich einfach ein paar Tabletts und funktionierten sie am benachbarten Hang zum Schlitten um. Das klappte bestens.

»Die Buben machen sehr gut mit und es gibt keine Probleme«, lobt Ute Lorenzl. Sie freut sich auch darüber, dass es mit den benachbarten »Felicitas«-Senioren ein sehr gutes Einvernehmen gibt. »Die Buben haben neulich sogar einige ältere Damen, die sie gerne mögen, zu einem Geburtstagsfest eingeladen«, sagt Ute Lorenzl und hebt auch die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung hervor. Da gibt es regelmäßig Kleider- und Geldspenden – und an den Schulen haben sich Projektgruppen gebildet, die mit den jungen Flüchtlingen in Kontakt stehen. »Es herrscht eine sehr positive und freundliche Stimmung, wofür ich mich sehr bedanken möchte«, freut sich die Caritas-Betreuerin.

Bereits 60 Jugendliche betreut

Seit der Erstaufnahme in der »Felicitas« am 14. November haben bereits rund 60 sogenannte »unbegleitete Flüchtlinge« die Clearingstelle durchlaufen. Zehn von ihnen konnten an deren Familien weitergeleitet werden, acht kamen in weiterführende Einrichtungen. Viele andere sind unangekündigt weitergezogen, weil sie nach Skandinavien wollten oder andere Ziele hatten. Eine Durchgangsstation war die »Felicitas« auch für einige junge Kosovo-Albaner, die dann plötzlich wieder untergetaucht sind, weil sie keine Chance auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung haben.

Wie sehr die Buben den Aufenthalt in der »Felicitas« als eine Art Verschnaufpause auf ihrer oft monatelangen Flucht genießen, war auch während des Klettertags in der Strub zu spüren. Nicht umsonst wird Ute Lorenzl von ihren Schützlingen gerne »Mama« genannt. Das freut sie freilich. Ulli Kastner