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Den Tanz der Hände beherrschen

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Wünschen sich eine rege Teilnahme am Gebärdensprachkurs der VHS (v.l.): Kassier Herbert Praschberger, 2. Beisitzerin Johanna Gsenger, 2. Vorsitzender Michael Hupfer, 1. Vorsitzende Dagmar Lochner und Schriftführerin Christa Praschberger vom Gehörlosenverein Berchtesgadener Land. (Foto: Voss)

Berchtesgaden – Für Hörgeschädigte sind Kommunikationsprobleme mit ihren gesunden Mitmenschen trauriger Alltag. »Dabei haben wir laut UN-Behindertenrechtskonvention ein Recht auf barrierefreie Kommunikation«, sagt Dagmar Lochner, 1. Vorsitzende des Gehörlosenvereins Berchtesgadener Land. Die Königsseeerin setzt deshalb große Hoffnung in einen Kurs, den die Volkshochschule Berchtesgaden ab 5. April anbietet. An zehn Abenden lässt sich die Gebärdensprache erlernen. Denn Dagmar Lochner hält es für sehr wichtig, dass es zumindest in den wichtigen Einrichtungen und Behörden Gebärdensprachdolmetscher gibt.


Rund 80 000 gehörlose Menschen leben in Deutschland. »Aber was es heißt, gehörlos zu sein, wissen nur wenige außerhalb der Gehörlosenkultur«, sagt Dagmar Lochner, die Kommunikationsprobleme aus eigener Erfahrung kennt. Denn in Sachen Gebärdensprache ist das Berchtesgadener Land laut Lochner noch Entwicklungsland. Die Königsseeerin schätzt, dass im südlichen Landkreis nur etwa 70 bis 80 Menschen die Gebärdensprache beherrschen – fast nur Gehörlose. Sie selbst kennt im Landkreis eigentlich nur zwei gesunde Personen, die das Kommunizieren mit den Händen beherrschen, eine aus Berchtesgaden und eine aus Bad Reichenhall. Beide besuchen Gebärdensprachkurse in Salzburg, weil es in Berchtesgaden lange kein ähnliches Angebot gegeben hat.

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Dabei wäre es ihrer Ansicht nach so wichtig, dass es vor allem in den wichtigen Einrichtungen Gebärdensprachdolmetscher gibt: »Wenn ein Gehörloser in Not gerät und schnell Hilfe von der Polizei, einem Arzt oder von der Feuerwehr braucht, dann kann es schlimme Folgen haben, dass ihn niemand versteht. Daher ist es wichtig, wenn diese Helfer die Gebärdensprache können. Wir brauchen in unserem Landkreis bei wichtigen Angelegenheiten dringend Gebärdensprachdolmetscher.« Einrichtungen wie Polizei und andere Behörden, Allgemein- und Zahnärzte oder Pflegeeinrichtungen sollten ihrer Meinung nach unbedingt Mitarbeiter zum Kurs an der Volkshochschule entsenden.

Die Möglichkeit dazu bietet sich ab 5. April an der Volkshochschule Berchtesgaden. An zehn Abenden, jeweils von 18.15 bis 19.45 Uhr, lässt sich mit Dozentin Stefanie Eckharter der »Tanz der Hände« erlernen. Die Teilnehmer werden schnell merken, dass es dabei nicht nur um Bewegungen mit den Händen geht. Auch Mundbewegungen, Mimik und Körpersprache sind sehr wichtig. Ein Fremdwort oder ein Wort, das der Gehörlose nicht verstanden hat, kann auch mit Fingeralphabet buchstabiert werden. Das ist besonders wichtig, wenn sich bei einem Wort das gleiche Mundbild ergibt: beispielsweise bei Mutter und Butter, bei Haus und Haut oder bei Maus und Maut. »Mundablesen alleine reicht hier nicht«, sagt Dagmar Lochner. Auch entsprechende Lektüre wie das Deutsche Gebärdensprachbuch kann im Kurs erworben werden.

Wie lange es dauert, bis sich ein Ungeübter in Gebärdensprache unterhalten kann, weiß Dagmar Lochner nicht. Die Königsseeerin: »Das hängt davon ab, wie viel Talent jemand hat und wie fleißig er übt. Es ist so wie bei anderen Fremdsprachen auch. Auf alle Fälle hilft es, Kontakt zu Gehörlosen zu suchen, um die Gebärden noch schneller zu lernen und zu verbessern.« Für die Gehörlosen im Landkreis wäre es ein weiterer wichtiger Schritt zur Verbesserung ihrer Lebensumstände, wenn sich möglichst viele Interessenten zum Kurs an der Volkshochschule anmelden würden.

Informationen gibt es an der Volkshochschule Berchtesgaden unter Telefon 08652/600639 oder unter vhs-bgd@gemeinde.berchtesgaden.de. Wer mit dem Gehörlosenverein Kontakt aufnehmen will, wendet sich an die Selbsthilfekontaktstelle Berchtesgadener Land, Telefon 08654/7704473. Ulli Kastner