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Der Bischofswieser Ingenieur Wolfgang Pusch ist europaweit einer von wenigen Reliefbauern

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Reliefbauer Wolfgang Pusch soll demnächst einen Schweizer Kanton nachbauen. Watzmann und Mount Everest stehen bereits in seinem Büro. Foto: Anzeiger/Pfeiffer
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Für das »Haus der Berge« hat Wolfgang Pusch den Nationalpark Berchtesgaden gebaut. Sieben Monate brauchte er dafür.
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Mit Augenmaß gestaltet der Profi den Berg. Fotos: privat

Bischofswiesen – Mit feiner Hand schnitzt Wolfgang Pusch das Gipsmodell. Steige entstehen so, der Watzmanngrat, das Plateau des Watzmannhauses ist gut zu erkennen. Pusch, Reliefbauer, schafft Landschaften in kleinem Maßstab, und ist damit einer von ganz wenigen – europaweit. Für das »Haus der Berge« hat er ein sechs Quadratmeter großes Relief des Nationalparks geschaffen. Sein bislang größtes Projekt steht aber erst kurz bevor: ein kompletter Kanton der Schweiz, achteinhalb auf siebeneinhalb Meter groß.


Wolfgang Pusch ist häufig in den Bergen unterwegs. Zwölf Jahre war er bei der Bundeswehr, die Heeresbergführerausbildung folgte. »Ich mag einfach die Landschaft«, sagt er. Seine Eindrücke aus den Bergen verarbeitete er schon in frühen Jahren in einfachen Modellen. Markante Landschaftspunkte baute er nach, indem er Drahtstifte in Holzplatten steckte. Auf einfache Weise schuf er so Landschaften mit Wiedererkennungswert.

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»Das ist lange her«, sagt Wolfgang Pusch mit einem verschmitzten Lächeln. Seine Arbeit hat sich im Laufe der Jahre professionalisiert, die Drahtstifte sind Vergangenheit, heute baut Pusch Modelle, die ihren echten Vorbildern in nichts nachstehen: weitläufige Gebirgszüge, 7000er, die er bereits bestiegen hat, Abbildungen von weitläufigen Gebieten, etwa von Nationalparks. »So naturnah wie möglich« lautet Puschs Leitgedanke. »Der Betrachter soll das Gefühl haben, selbst im Flugzeug über der realen Landschaft zu schweben.«

Pusch ist Diplom-Ingenieur für Geoinformation und Geodäsie – das ist die Wissenschaft von der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche. Experten für Reliefbau gibt es kaum. Häufiger trifft man auf Architektur-Modellbauer. Mit Landschaftsnachbildungen hat das allerdings wenig zu tun. Und so ist Wolfgang Pusch neben dem Schweizer Vorreiter, Toni Mair, einer von wenigen Reliefbauern. »Die Kunden sind überschaubar«, sagt der Bischofswieser. Natur- und Nationalparks gehören dazu, Tourismuszentren, Seilbahngesellschaften. Eben jene Einrichtungen, die Modelle zur Veranschaulichung benötigen. So etwa auch der Nationalpark Berchtesgaden. Für das »Haus der Berge« benötigte der Nationalpark eine Darstellung des hiesigen Nationalparks.

Was folgte, war eine öffentliche Ausschreibung, in der Wolfgang Pusch sich durchsetzte. Ein großer Auftrag: Für die Realisierung des Reliefs sind zunächst digitale Geländekarten und -daten notwendig. Die Zahlen bearbeitet Pusch in verschiedenen Softwareprogrammen. Dann geht es ans Handwerk. Auf der Basis von Höhenlinienkarten und mit der Hilfe von Sperrholzplatten bastelt Pusch grobe Modelle, sogenannte Treppenstufenreliefs in entsprechendem Maßstab. Dann kommt der Gips ins Spiel. »Ich brauche einen homogenen Gipsabguss«, sagt Pusch. Denn die eigentliche Arbeit ist das, was dann folgt, das Schnitzen.

Mit ruhiger Hand kratzt, schabt und fräst der Profi Grate, Steige und markante Bergkennzeichen in das Gipsmodell. Detailarbeit ist das Maß aller Dinge, um ein ansprechendes Produkt zu schaffen. »Erst der Detailreichtum sorgt für die Illusion der realen Landschaft, weckt auf natürliche Weise das Interesse des Betrachters und sorgt für die Faszination eines Reliefs«, sagt Pusch mit Überzeugung.

Der handwerklich Geschickte fertigt zu Hause in Winkl. Dort entstehen dann Landschaftsmodelle in den Maßstäben 1:2 500 bis 1:500 000. Für Reinhold Messner etwa modellierte er eine sechs Meter lange Darstellung des Monte Rosa, ein ausgedehntes Gebirgsmassiv in den Walliser Alpen.

Für den Naturpark Ötztal hat Wolfgang Pusch ein Relief des Ötztals im Maßstab 1:20 000 gebaut. Für einen großen Getränkehersteller realisierte er die Chiemgauer Alpen, der Mount Everest steht in klein in seinem Büro, für das Haus der Geschichte hat der gebürtige Münchner die Zugspitze im Maßstab 1:9 000 gebaut.

Pusch arbeitet alleine, er plant, er baut, er bastelt, er fotografiert – und selbst für die Bemalung ist er zuständig. »Das ist eine diffizile Arbeit«, sagt er. Denn Grün ist nicht gleich Grün. Der Anspruch ist aber, dass die Landschaft auch, was die Farbe angeht, an die Natur angelehnt ist.

Ist in Zeiten von Laser-Scannern und 3D-Druckern der Beruf des Reliefbauers in Gefahr? Wolfgang Pusch meint: »Nein.« Immerhin müsse die Arbeit auch bezahlbar bleiben. Laser-Scanning, bei dem etwa Bergzüge recht genau in 3D-Modelle umgewandelt werden können, sei nicht wirtschaftlich. »Die Modelle müssen bezahlbar bleiben.« Mit Hilfe von Satellitenaufnahmen, Höhenlinien und Landschaftsdaten kann Pusch – auch von Hand – einzigartige Ergebnisse umsetzen. Betrachtet man seine Modelle, wird schnell klar, dass der Wahl-Bischofswieser mit einem besonderen Blick fürs Detail an die Arbeit geht. »Ich versuche millimetergenau zu arbeiten«, sagt er, während er dem Besucher ein Video präsentiert, das ihn beim Schnitzen eines Gipsmodells zeigt.

Seit seinem Ausscheiden bei der Bundeswehr 2007 arbeitet Pusch selbstständig. »Anfangs kamen Aufträge schleppend rein.« Erst durch Referenzen machte er sich einen Namen, viele Mitbewerber gibt es ja nicht im deutschsprachigen Raum. Das Relief im »Haus der Berge« sei für ihn »Gold wert gewesen.« Erst kürzlich beteiligte sich Pusch an einer besonderen Ausschreibung. Es ging um die Nachbildung eines Schweizer Kantons. Welcher, verrät er nicht. Achteinhalb auf siebeneinhalb Meter soll das Modell groß werden. »Dafür benötige ich eine Werkstatthalle«, sagt der Profibastler. Noch sucht er. Das Volumen des Auftrags kann sich aber sehen lassen, die Dauer ebenso. Pusch rechnet damit, zweieinhalb Jahre mit der Nachbildung beschäftigt zu sein. Kilian Pfeiffer