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»Der Einsatz von Antibiotika wird zurückgehen«

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Birgit Gnadl ist landkreisübergreifend als eine von wenigen Nutztierhomöopathen unterwegs. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Birgit Gnadl ist eine von wenigen Nutztierhomöopathen. Deshalb ist ihr Wissen heiß begehrt. Für die Milchwerke berät sie Landwirte und Bergbauern im Berchtesgadener Land und in Traunstein. Dass Homöopathie einen immer höheren Stellenwert einnimmt, sei eine gute Entwicklung, sagt sie. Gnadl ist der Ansicht, dass der Antibiotikaeinsatz massiv zurückgefahren werde und die Medikamente nur noch »für besonders teure Zucht- oder Sporttiere« zum Einsatz kommen.


Frau Gnadl, Sie sind Expertin der Nutztierhomöopathie. Ihr Berufsbild ist wohl selten?

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Birgit Gnadl: Na ja, selten ist es in der heutigen Zeit, aber im Grunde gibt es den Beruf des Tierheilpraktikers schon länger als den Beruf des Tierarztes. Früher waren es die Männer beziehungsweise die Bauern, die sich besonders gut mit Tieren auskannten. Deren Wissen wurde meist in die nächste Generation und so immer wieder weiter überliefert. Es gibt viele antiquarische Bücher darüber, denn es gab kein Kortison und keine Antibiotika, da musste man mit Kräutern und Naturheilkunde zurechtkommen. Während der NS-Zeit schrumpfte der Tierheilpraktikerverband von etwa 250 000 Mitgliedern auf etwa 2 000. Den Verband gibt es jetzt auch schon seit über 80 Jahren. Heute gibt es wieder viele Kollegen, die sich überwiegend um Haus- und Heimtiere kümmern, tatsächlich eher selten ist der Beruf des Nutztierhomöopathen.

»Nutztierhomöopathie« klingt so, als sei es gesund fürs Tier. Was kann man sich darunter genau vorstellen?

Gnadl: Die Nutztierhomöopathie beschäftigt sich in erster Linie mit den Ursachen und Auslösern von Krankheit. In Folge dann nach Möglichkeit mit dem Abstellen der Krankheitsursachen und einer zeitgleichen Behandlung mit natürlichen Wirkstoffen, wie beispielsweise mit der Homöopathie.

Was für den Mensch gut ist, kann für das Tier nicht verkehrt sein: Würden Sie da übereinstimmen?

Gnadl: Natürlich ist das so. Die Homöopathie hat bei vielen Menschen einen hohen Stellenwert – trotz aller Bekämpfungsversuche der Gegner. Auch der Prinz of Wales ist beispielsweise ein großer Verfechter dieser natürlichen Heilmethode.

Immer mehr Bergbauern schwören auf diese alternative »Heilmethode«. Spielt der Gesundheitsaspekt hier eine Rolle?

Gnadl: Der Gesundheitsaspekt spielt beim Nutztierhalter immer eine Rolle, egal ob der Landwirt Homöopathie anwendet oder lieber der Schulmedizin vertraut. Geht es seinen Kühen gut und bekommt der Bauer seine Mühe honoriert, geht es beiden gut. Wenn ein Landwirt alternative Heilmethoden anwendet, dann ist das auch oft in Kombination mit der Schulmedizin, man spricht dann von Komplementärmedizin, was Sinn ergibt. Alles zu seiner Zeit. Antibiotika wurden erfunden für lebensbedrohliche Situationen, und für die sollten wir sie uns auch aufsparen.

Wann sollten Landwirte ihre Kühe homöopathisch behandeln? Welche Einsatzgebiete gibt es?

Gnadl: Der Landwirt hat viele Möglichkeiten zu behandeln, er kann sich das ganz individuell auf seine Kenntnisse abstimmen. Beispielsweise ist es immer gut, wenn die Kuh und das Kalb nach der Geburt Arnika erhalten. Es fördert das Abschwellen der Geburtswege und das Kalb trinkt besser. Die Homöopathie kommt auch oft heilend zum Einsatz, wenn die Schulmedizin nicht unbedingt Großes zu bieten hat, beispielsweise bei Milchflussstörungen, Appetitverlust, Verhaltensstörungen oder aber auch bei Vergiftungen.

Ist die Homöopathie eine Alternative zum Einsatz von Antibiotika?

Gnadl: Man muss genau definieren, wann der Antibiotikaeinsatz wirklich wichtig ist, bei vielen Erkrankungen geschieht das häufig zu unbedarft. Auch das Problem der Antibiotika-Resistenzen beim Nutztier ist nicht zu verleugnen, hier gibt es dann oft gar keine andere Alternative als die Verwendung von Homöopathie.

In Zeiten günstiger Milchankaufspreise: Können sich Landwirte diese Methode überhaupt leisten?

Gnadl: Homöopathie ist nicht teuer. Beschäftigt sich der Landwirt mit der Gesundheit seiner Tiere, spart das sogar Geld.

Wie sehen Sie generell den Einsatz von Antiobiotika im Nutztierbereich?

Gnadl: Der Einsatz wird immer mehr zurückgehen, bis es keine Antibiotika mehr für Tiere geben wird. Es wird in Zukunft für den Menschen zurückgehalten werden müssen. Einige skandinavische Länder praktizieren dies schon seit einiger Zeit, auch Holland möchte Vorreiter sein in der kompletten Einschränkung der Verwendung von Antibiotika im Nutztierbereich. Vision ist, nur noch Antibiotika für besonders teure Zucht- oder Sporttiere zu erhalten.

Sie haben Bücher geschrieben, CDs herausgebracht, regelmäßig geben Sie Seminare, im deutschen und österreichischen Raum: Wie groß ist der Bedarf an Ihrem Fachgebiet aktuell?

Gnadl: Der Bedarf ist sehr groß. Gemeinsam mit meiner Kollegin Angela Lamminger-Reith kann ich nur einen Teil des Interesses abdecken. In Österreich lehren wir auch die Homöopathie in den Landwirtschaftsschulen als fester Unterrichtsbestandteil.

Wird der Homöopathie ein höherer Stellenwert eingeräumt als früher, oder gilt das nur für die Bergbauern?

Gnadl: Bei den Bergbauern spielte die Naturheilkunde generell schon immer eine größere Rolle. Die Berglage, die Witterungsverhältnisse machten es früher auch für den Tierarzt beschwerlich, den Hof oder die Alm aufzusuchen. Der Bauer oder der Senn musste sich selbst zu helfen wissen. Heute hat die Homöopathie einen großen Stellenwert, der Bauer kommt gut damit zurecht, er beschäftigt sich gerne mit der Thematik, die Kühe und die Verbraucher danken es ihm. Kilian Pfeiffer