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Der Fluch der Physik

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Porsche und Pferdchen: Die Teilnehmer der »Roßfeld Driving Experience« bei der Einfahrt in den Bahnhofskreisel. Foto: Tino Panzer

Berchtesgaden – Redakteur im Rennfieber: Captain Jack war mit seiner »Roßfeld Driving Experience« am Samstag mal wieder in Berchtesgaden. Eine Ausfahrt von Supersportwagenbesitzern aus ganz Deutschland.


30 Fahrzeuge im Gesamtwert von über 3 Millionen Euro und insgesamt mehr als 15 000 PS. Diese »Experience« will ich auch mal machen, dachte sich »Anzeiger«-Redakteur Christian Fischer. Eine kluge Entscheidung?

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Treffpunkt 12 Uhr, Schotterparkplatz unterhalb der Roßfeld-Südauffahrt. Angenehme Temperaturen, leichte Bewölkung, hin und wieder wummern Motorräder vorbei. Ansonsten Stille. Denn Jack bleibt weg. Dann, eine Stunde später: Ein sonores Dröhnen und keifendes Kreischen kommt über die Kurven des Obersalzbergs herauf. Da, ein Porsche. Und noch einer. Und noch einer. Und eine Corvette. Und ein Lamborghini. Und ein McLaren. Der erste Renner steht noch gar nicht richtig, schon stehen Schaulustige herum und zücken die Smartphones. Hach, herrlich. In welchem Wägelchen möchte ich mitfahren?

Jetzt kommt Captain Jack. Vom Beifahrersitz aus gibt er Befehle an seine Helfer.

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Ist er nicht ein Schatz? Captain Jack alias Bernhard Schraml. Foto: Tino Panzer

Die Zeit drängt, es gab ein paar Problemchen. Ein Teilnehmer musste dringend tanken und ward nicht mehr gesehen. Einem anderen ist der Motor verreckt. Ein Abschleppwagen muss organisiert werden. Mir wurscht. Wo darf ich einsteigen? Dann der Befehl: »Aufsitzen.« Plumm, Tür zu. Wumm, Motor an. Jack ist weg. Die anderen auch.

Jack ist wieder weg

Na, super. Und ich? Eine Supersportwagenreportage über das Herumstehen ist langweilig. Also nehme ich die Verfolgung auf. Zur Verfügung steht das schnellste Exemplar des Redakteursfuhrparks: ein Nissan 350 Z.

Am Aussichtspunkt legen die Autofreaks eine kurze Pause ein. Jetzt oder nie. Ran an Captain Jack. Mit seiner ulkigen Piratenuniform ist er leicht zu finden. Und schaut tatsächlich aus wie Johnny Depp in seiner berühmten Rolle in der Filmreihe »Fluch der Karibik«. Jack macht kurzen Prozess. »Da kannst mitfahren«, sagt er. »Porsche 911 4S Clubsport. Und des is dei Fahrer.«

Der Fahrer ist Ulrich Krüger. Ein Riesenkerl aus dem Rheinland. Ulrich ist Inhaber der Landshuter Autoaufbereitungsfirma Autofixx, die Sponsorpartner der Driving Experience ist. Der Chef ist ein Mann der klaren Worte, die keinen Raum für Interpretationen lassen. »Wir machen schöne Autos noch schöner«, ist der Slogan von Autofixx. Kann man sich merken. »Würde man ein CT von meinem Hirn machen, wäre da das Porsche-Logo.« Ob ihm die Veranstaltung gefällt, will ich wissen. »Ja. Super organisiert. Tolle Fahrzeuge. Nicht so billiges Zeug.« Gut, dann kann's losgehen.

Vor mir stehen 420 PS. Ungelenk quäle ich mich in die Schalensitze. Das mit den Renngurten checke ich nicht. »Dann nimm die normalen«, rät Ulrich. Als er den Motor anlässt, bekomme ich Angst. »Bis du denn eher der sportliche Fahrer oder eher der Cruiser?«, frage ich vorsichtig. »Bei 300 km/h habe ich einen Ruhepuls von 60«, sagt Ulrich. »Das Fahren entspannt mich. Außerdem muss man Sportwagen artgerecht bewegen.« Na, das kann ja lustig werden.

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Rakete auf vier Rädern: Ulrich Krüger (r.) mit seinem Porsche 911 4S Clubsport beim Start am Chiemsee. Foto: Tino Panzer

Und dann heißt es wieder: »Aufsitzen.« Ulrich knallt den Rückwärtsgang rein und schießt auf die Straße. Vorwärtsgang, Vortrieb, Vordermann BMW M2. Ist die hintere Stoßstange magnetisch? Der Schalensitz und mein Rücken werden eins.

So, Sportmodus rein

»So, Sportmodus rein«, stellt Ulrich klar. Er spricht mit einer Seelenruhe, als würde er gemütlich mit einem Bierchen auf der Couch liegen. Ich liege im Wachkoma. Wie von weiter Ferne höre ich Ulrichs Stimme, wie automatisiert notiert meine zittrige Hand seine Erläuterungen zur richtigen Reifenwahl. Drei verschiedene Sätze hat er. Heute früh hat er sich – in Anbetracht des unbeständigen Wetters – für Semislicks entschieden. »Die kleben wie Gummi.«

Auch mein Hemd klebt wie Gummi. Und zwar am Rücken. Als ich auf dem Dürrnberg aus dem Höllengerät aussteige, oder es zumindest versuche, lächelt Ulrich verständnisvoll. Kurz. Während ich die Beifahrertür noch zufallen höre, sehe ich den Porsche schon nicht mehr. Was für ein Erlebnis. Vermerk für mich selbst: Bei hohem Tempo auf einer kurvigen Bergstraße keine Notizen machen. Erstens wird einem beim Schreiben schlecht. Und zweitens kann man das Gekrakel eh kaum lesen. Christian Fischer