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Spektakuläres Theater mit Peter Spielbauer im Berchtesgadener »Kuckucksnest«

Der Gedankenjongleur

Ein Meister der Wortakrobatik auf philosophischer Odyssee: Peter Spielbauer. (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – Eigensinniges oder intellektuelles Theater ist nicht jedermanns Sache. Es polarisiert. Der geistige Tellerrand wird gefordert. Toleranzgrenzen werden gekitzelt. Oft bleiben Fragen im Raum. Wie gut ist diese Kunst? Oder will der Künstler den Zuhörern auch einen Spiegel vorhalten? Ein schmaler Grat, auf denen Performer wie Peter Spielbauer es wagen, Theater zu machen. Um einen aktuellen Einblick in das Genre zu bekommen, besuchte der »Berchtesgadener Anzeiger« sein Soloprogramm »Alles Bürste« am Freitagabend im »Kuckucksnest« und erlebte einige Überraschungen.


Das Interesse eines Nischenpublikums an Vielfalt und Niveau in der Theaterszene in Berchtesgaden existiert. Die Veranstaltung war sehr gut besucht. Und jeder verstand das Gesprochene etwas anders. Mancher lacht sich feucht; ein anderer konnte in der Pointe nichts, aber auch gar nichts finden. Was aber, wenn es gar keine Pointe gab?

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»Alles hängt mit allem zusammen und, wenn man etwas sucht, ist es egal, wo man sucht, weil gefunden wird es sowieso woanders«, analysierte Spielbauer zu Beginn auf der kleinen Bühne des Szenelokals. Der Kabarettist hatte alles in seinem Programm durchstrukturiert. Chaotisch durchstrukturiert, wie es schien. Die Texte wurden eher bis zum Gehtnichtmehr verschachtelt. Zwei Stunden trieb Spielbauer so seine Spielchen mit dem Sprachlichen, dem Phonetischen. Hoch konzentriert balancierte er mit Wortspielen und Wortkollagen. Mal poetisch, mal brachial sollten dem Publikum seine philosophischen Monologe um die Ohren fliegen. Spielbauer präsentierte sich als furioser Fantast. Es war eine »Vorstellung seiner Vorstellung«, wie er sich selbst interpretierte. Nur reines »Kopfkino« also?

Worum ging es in »Alles Bürste«? Eigentlich wollte Peter Spielbauer ja die Welt retten. Das böse Geld ist schuld. Er versuchte schonungslos die Dramaturgie der Finanzwelt, der Verschuldung und die Folgen der Zinseszinsspirale zu offenbaren. Er hatte viele klare Gedankenansätze im Kopf. Problem: Alle sollten am Ende im Kosmos weggefegt werden. »Wenn ich reich bin, dann kann ich mir selbst was leihen«, realisierte er ohne Fröhlichkeit. Irrungen und Wirrungen in der komplexen Welt. Den abstrusen Gedanken Peter Spielbauers zu folgen war manchmal nahezu unmöglich. Mit diesem Stilmittel spielte er bewusst. Im irrsinnigen Tempo entwarf Spielbauer immer neue Theorien. Er führte mit seinen Wort-odyseen das Publikum oft aufs Glatteis und wollte gegen den Strich bürsten. »Bei jeder Borste einer Bürste«, behauptete Spielbauer, »ist jede Borste der Zyklus des Zinssystems.« Die Sonnenstrahlen sind Sonnenborsten. Der Regen ist eine Strahlenbürste. Unser All ist eine einzige Bürste. »All – es ist Bürste«. Seine Requisiten dafür spartanisch. Ein Stab, ein Stein, ein Tuch und eine Systemkritik. Diese wurden auseinandergenommen, gewirbelt oder verformt. Die Bürste fungierte dabei immer als tiefgründige Symbolik. Das war schon kompliziert.

Dennoch gelang Peter Spielbauer mit seiner Performance eine anspruchsvolle und tragikomische Vorstellung. Mit absurder Sprachakrobatik riss Spielbauer die Masken der Weltübel runter und trotzdem musste man lachen. Ein fantasievoller Abend. Den Spiegel hielt er natürlich auch niemanden vor. Im Gegenteil. Der Künstler bot analytische Aufklärung. Auf ganz persönliche Art. »Ich distanziere mich nun von meinen Gedanken«, resümierte er und entließ ein wohlgestimmtes Publikum in die »Reinkarnation«. Jörg Tessnow