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Der Held vom Königssee

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Zwischen der Ablegestelle und den Bootshäusern war der Bub ins Wasser gefallen. Michael Tagirow hat ihn gerettet. (Foto: Archiv/Wechslinger)

Schönau am Königssee – Er hatte keine Zeit zum Überlegen. Sofort, nachdem er den ertrinkenden Buben im Königssee entdeckt hatte, sprang Michael Tagirow aus Marktschellenberg ins kalte Nass. Und rettete dem Vierjährigen das Leben. Die Mutter des Kleinen hielt es allerdings nicht für nötig, sich bei dem mutigen Helfer zu bedanken.


Dienstagabend, etwa 18 Uhr: Der 19-jährige Michael Tagirow sitzt mit einer Freundin auf einer Bank an der Seelände. Die beiden schauen sich Fotos auf einem Smartphone an. Ein kalter Wind weht, die untergehende Sonne spiegelt sich im von Blättern bedeckten See. Es sind kaum Gäste unterwegs.

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Plötzlich bemerkt Michael Tagirow im Augenwinkel etwas, das ihm komisch vorkommt. Etwas im Wasser taucht immer wieder auf und unter. Eine Ente vielleicht? Eine Boje? Der junge Mann schaut genauer hin. »Es war ein Bub, der immer wieder untergegangen ist und sich wohl mit den Füßen vom Boden abgestoßen hat, um wieder an die Wasseroberfläche zu gelangen«, beschreibt der Marktschellenberger die Situation. »Das war wie in einem Horrorfilm.«

Ohne zu überlegen, springt Michael Tagirow in den kalten Königssee. Es gelingt ihm zügig, den Vierjährigen an Land zu bringen. »Der Bub war fast bewusstlos«, erinnert sich der Marktschellenberger. Sofort beginnt der Retter, ihm auf die Brust zu drücken. So, wie er es im Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein gelernt hat. Und tatsächlich. Der Bub hustet und spuckt das Wasser aus. Und beginnt zu schreien.

Auch Michael Tagirow schreit. Um Hilfe. Aber die wenigen Passanten gehen gleichgültig weiter. Doch plötzlich kommt ein Mädchen angeradelt. Anscheinend die Schwester oder Cousine des Buben. »Ich habe ihr gesagt, dass sie die Mutter holen soll«, erzählt Tagirow. Tatsächlich taucht kurze Zeit später eine Frau auf und nimmt den Buben an sich. Emotionslos, kommentarlos. »Diese Gleichgültigkeit hat mich sehr aufgeregt«, ärgert sich der Lebensretter noch jetzt. »Danke zu sagen, braucht man wohl nicht«, ruft er der Frau hinterher. Wieder keine Reaktion. Als Michael Tagirow gerade aus Wut und Nervosität losbrüllen will, dreht sich das Mädchen um und sagt: »Danke.« Christian Fischer