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Der lange Vorlauf zur Vorschlagsliste

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Gut gelistet: der älteste Fraktionssprecher im Marktgemeinderat, Bartl Mittner (r.), im Gespräch mit dem Jüngsten, Michael Koller. Foto: Anzeiger/Fischer

Berchtesgaden – Die Parteien und politischen Gruppen müssen spätestens heute ihre Kandidatenlisten für die Kommunalwahl beim Wahlleiter abgeben. Vorausgegangen ist eine oftmals lange Suche nach geeigneten und vor allem willigen Bewerbern. Denn auf einen Gemeinderat wartet viel Arbeit. Ehrenamtlich, versteht sich. Außerdem trägt er viel Verantwortung und muss sich Kritik aus der Bevölkerung gefallen lassen. Der »Berchtesgadener Anzeiger« sprach mit Vertretern der Fraktionen im Marktgemeinderat über den langen Vorlauf zur Vorschlagsliste.


Er kandidiert heuer zum siebten Mal. Sitzt seit 1990 ohne Unterbrechung im Marktgemeinderat. Hat ans Aufhören gedacht. Doch nun greift Bartl Mittner, das Aushängeschild der Berchtesgadener SPD, noch einmal an. Aus Überzeugung, wie er betont. Denn die Zukunft seiner Gemeinde sei ihm wichtig. »Mit 66 Jahren geht es ja bekanntlich erst richtig los«, scherzt der ehemalige Bahnbeamte mit dem markanten Schnauzbart. »Natürlich müssen wir potenzielle Kandidaten ansprechen. Und schauen, dass wir die Liste voll bekommen«, gibt Mittner zu. Allerdings gehe es nicht darum, irgendjemanden zu überreden, sich auf die Liste setzen zu lassen. »Die politische Richtung muss passen«, betont Mittner. Weitere Vorgaben: Alle Ortsteile sollten genauso vertreten sein, möglichst viele Berufe und Altersklassen. Nicht zu vergessen: Der Frauenanteil sollte hoch sein. Bei der SPD sind es diesmal acht. Darauf ist Bartl Mittner stolz.

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»Kandidatenwerbung ist Chefsache.« Darin ist sich Mittner mit Michael Koller (FW), dem jüngsten Fraktionssprecher im Marktgemeinderat, einig. Koller hat bereits im vergangenen Frühjahr mit der Suche begonnen. »Da ist es von Vorteil, wenn man in Vereinen aktiv ist«, sagt er. Auch betont der FW-Mann, wie wichtig Ersatzkandidaten sind. »Es kann immer vorkommen, dass jemand krank wird oder aus anderen Gründen abspringt.«

Vor den bürokratischen Hürden der Nominierung haben beide Fraktionssprecher Respekt. »Ein gewisser Vorlauf ist unbedingt nötig, um die Unterlagen rechtzeitig einreichen zu können«, sagt Koller. Bei Unklarheiten empfehle es sich, sofort den Wahlleiter zu fragen.

Hans Kortenacker ist eine Ein-Mann-Fraktion. Als Einziger der Berchtesgadener Bürgergruppe (BBG) hat er einen Sitz im Marktgemeinderat errungen. Für die Wahl am 16. März tritt die Gruppierung wieder in voller Zahl an. »Wir haben motivierte Kandidaten«, freut sich Kortenacker. »Aber es ist nicht so, dass die Leute bei uns Sturm klingeln.« Eine Nominierung sei kein Selbstläufer, gerade für eine »Splittergruppe« wie die BBG. Deshalb habe er schon nach der vergangenen Wahl damit begonnen, Leute für die Kandidatur zu begeistern. Was schwierig war. Die Politikverdrossenheit machte Kortenacker die Akquise schwer. Und die schlechte Stellung des Ehrenamts. »Das müsste besser gefördert werden«, fordert Kortenacker. Denn der Bürger wisse nicht, welcher Aufwand sich hinter einem Sitz im Gemeinderat verberge.

Mit den bürokratischen Hürden der Nominierung hatte die BBG allerdings keine Probleme. Die Formalitäten seien zwar »typisch deutsch«, aber nicht so tragisch. »Man muss auf viele Kleinigkeiten achten, was aufwendig, aber nicht kompliziert ist«, erklärt Hans Kortenacker.

Dr. Bartl Wimmer ist ein alter Hase in der Kommunalpolitik. Ein Grüner durch und durch, Mediziner, erfolgreicher Unternehmer, frech und sehr eloquent. Die Berchtesgadener Grünen hätten einen gewissen Fundus an Kandidaten, mit denen er die Liste »locker vollkriegen« könnte. »Aber wir wollten bewusst junge Kandidaten, damit die Fraktion nicht jedes Mal um sechs Jahre älter wird«, sagt Dr. Wimmer. Was aber nicht so leicht gewesen sei. »Wir werden nicht gerade von jungen Interessierten überrannt«, gibt er ehrlich zu. Dennoch sei die Nominierung besser gelaufen, als geplant. »Wir haben jetzt acht oder neun Bewerber unter 35 auf der Liste«, freut sich der Fraktionssprecher. Rund die Hälfte der Kandidaten ist nicht Mitglied bei den Grünen. »Wir sind eine offene Liste«, betont Dr. Wimmer, der im November, also ziemlich spät, damit begonnen hat, potenzielle Kandidaten anzusprechen.

Dem erfahrenen Kommunalpolitiker sei aufgefallen, dass es insgesamt schwieriger werde, Bürger für die Kommunalpolitik zu begeistern. »Das bedaure ich sehr«, klagt Wimmer.

Neu in den Gemeinderat einsteigen möchte Sebastian Rasp, der Ortsvorsitzende der CSU. An Kommunalpolitik interessiert sei er allerdings schon lange. Lediglich die Tatsache, dass sein Bruder Franz Bürgermeister in Berchtesgaden ist, habe ihn daran gehindert. Doch eine Änderung des Wahlrechts ermögliche ihm jetzt die Kandidatur.

Von Politikverdrossenheit habe Rasp nichts bemerkt. »Wir mussten nicht hausieren gehen«, sagt der Ortsvorsitzende selbstbewusst. Immerhin treten alle neun Gemeinderäte wieder an. Auch sein Bruder will weitermachen. Doch auch die verbliebenen zehn Listenplätze plus Ersatz habe er locker besetzen können. »Wir haben sogar noch zusätzliche Ersatzkandidaten gehabt«, so Rasp. Aber auch auf der CSU-Liste sind nicht alle Bewerber Parteimitglied. Eine grundsätzliche Übereinstimmung mit dem Programm der Christsozialen sei jedoch Voraussetzung für eine Kandidatur. In ausführlichen Gesprächen habe Rasp die Konformität überprüft. Und es könne schon mal vorkommen, dass solche Gespräche nicht erfolgreich sind, und Interessenten nicht zur Nominierung vorgeschlagen werden. Christian Fischer