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Der Mann mit der hellsichtigen Bosheit

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Ein Abend für und mit Kurt Tucholsky (v.l.): Julia Leckner, Veronika Vereno, Lorenz Brandner, Dr. Hermann Krüttner, Martin Klocke, Friedl Reinbold und Julia Katzenbeisser. (Foto: Meister)

Berchtesgaden – Mit ihrem Erich Kästner-Programm eroberte sich die Marktbühne zumindest die Gunst der Literaturinteressierten. Darauf aufbauend folgte nun ein Abend, der Kurt Tucholsky gewidmet war. Zwei Satiriker, die vor allem »zwischen den Weltkriegen« immer wieder den (Dichter-)Finger in die offenen Wunden bohrten und sich zwangsläufig unbeliebt machten bei denen, die nur eine Wahrheit gelten lassen wollten. Nämlich ihre.


Gekannt haben sich Kästner und Tucholsky persönlich nur flüchtig, aber sie hatten, auch unabhängig voneinander, das gleiche Ziel: Aufmerksamkeit zu schaffen für Missstände, die zwangsläufig in die Katastrophe führen mussten, die Augen zu öffnen für die wirkliche Welt, fern von krankmachenden Ideologien. Erich Kästner war als Schreiber wohl der elegantere von beiden, Tucholsky nahm oft die direkteren Wege, unverblümt und manchmal auch schonungslos.

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Ein kleiner, dicker Berliner habe mit der Schreibmaschine die Katastrophe aufhalten wollen, schrieb Erich Kästner nach einem Zusammentreffen mit Kurt Tucholsky. Das mag ihn wohl vor allem auch akustisch beeindruckt haben, weil das »Hämmern« des Dichterkollegen auf seiner Schreibmaschine aus der Dachkammer durch das ganze Haus dröhnte. Möglicherweise schrieb Kurt Tucholsky gerade an Artikeln für die »Weltbühne«, einer nicht nur wegen ihres Formates kleinen Wochenzeitschrift. Diese erforderte gleich fünf Pseudonyme ihres Starautors, um eine gewisse Vielfalt zu suggerieren und ein wenig im Dunkeln zu lassen, dass die meisten Beiträge von Kurt Tucholsky stammten.

Den Protagonisten des Abends war das Engagement, mit dem sie die Satiren und Gedichte Tucholskys vortrugen, sichtlich anzumerken. Über »Die Laternenanzünder« war in einer Satire zu erfahren, über den »Mikrokosmos« in lyrischer Form, der zumindest ahnen ließ, dass der Dichter sein Schaffen nicht ausschließlich an politischen Gegebenheiten ausrichtete, sondern durchaus das »Menschliche« mit Süffisanz zu besingen wusste.

Aus den nachgelassenen Texten Kurt Tucholskys ließen sich Dutzende solcher Abende formen. Man muss auswählen, vielleicht Typisches finden. Martin Klocke und Dr. Hermann Krüttner, die bei einem Ausflug nach »Rheinsberg« auf die Idee kamen, des Dichters und Schriftstellers zu Gedenken, ist dies gelungen. Es ging wohl darum, an einen Mann, einen Literaten zu erinnern, der auch im Heute noch viel zu sagen hätte und der die Beschäftigung mit seinem Werk mit oft schönen Pointen belohnt.

Tucholsky war einer der bedeutendsten Schreiber in der Zeit der Weimarer Republik. Er war, so kann man bei Biografen lesen, mit einer hellsichtigen Bosheit gesegnet. Wenn dies nicht animiert, sich wieder mit Kurt Tucholsky zu beschäftigen, was dann?

Wenn man schon den Vergleich zwischen zwei ganz Großen der Satire anstellt, muss gesagt werden, dass Erich Kästner die schlimme Zeit überstand, Berufsverbot und Bücherverbrennung ertrug und sich auch nach dem Ende des Krieges weiterhin zu Wort meldete. Er brachte, befreit vom politischen Druck, noch viel Schönes zu Papier. Kurt Tucholsky resignierte. Er wählte mit 45 Jahren den Freitod als seinen Ausweg aus der Misere, an der seine Gedichte, Glossen, Satiren und Romane nicht viel ändern konnten. Im Jahre 1935 setzte er den Schlusspunkt unter sein Dichterleben, das trotz der wenigen Jahre eine immense Fülle von Texten zurückließ, die auch heute noch ihre Leser finden.

Gemeinsam mit den »achetypen« aus Rif gestaltete die Marktbühne den Abend um Leben und Werk Kurt Tucholskys. Das waren im Besonderen Veronika Vereno, Hermann Krüttner, Martin Klocke, Friedl Reinbold, Julia Katzenbeisser und Lorenz Brandner. Die Zwischentöne, die auch gelegentlich bewusst schräg in den Raum gesandt wurden, lieferte Julia Leckner, wie auch schon beim Kästner-Abend und wieder eindringlich dem gesprochenen Wort den Weg bereitend mit ihrer Violine. Dieter Meister