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Der Marathonmann ist im Ziel und zieht sich zurück

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»Riesig gefreut« hat sich Stefan Kurz über die Gründung der Musikkapelle der Freiwilligen Feuerwehr Königssee. Beim diesjährigen Neujahrsempfang durfte der Bürgermeister selbst den Dirigentenstab übernehmen. Foto: Anzeiger/Kastner

Schönau am Königssee – 30 Jahre lang war Stefan Kurz Motor und Gesicht der Gemeinde Schönau am Königssee. Wenn der Rekord-Bürgermeister am 30. April Platz macht für seinen Nachfolger Hannes Rasp, dann wird der 65-Jährige wohl erst einmal kräftig durchschnaufen. Im Ziel angekommen, wird der Marathonmann zurückblicken auf viele Etappensiege, aber auch auf einzelne Hindernisse, über die er gestolpert ist. »Jeder macht schließlich Fehler«, sagt der scheidende Rathauschef nach 30-jährigem Dauerlauf zum Wohle seiner Gemeinde. Die ist in der Amtszeit des wegen seines dominanten Führungsstils auch kritisierten Vollblutpolitikers immerhin ein gutes Stück vorangekommen.


Stefan Kurz wirkt entspannt an diesem Montagmorgen. Zweieinhalb Wochen vor Räumung seines Amtszimmers sind die großen Aktenberge auf seinem Schreibtisch bereits verschwunden. »Ich bin schon mit dem Aufräumen beschäftigt«, sagt Kurz und macht den Eindruck, dass er seinen Ruhestand kaum mehr erwarten kann. Dabei hatte er vor einigen Monaten, als er mit der beiläufigen Erwähnung, dass er ja auch ehrenamtlich als Bürgermeister weitermachen könne, noch für Verwirrung gesorgt. »Das war doch nur Gaudi. Ich wollte halt ein paar Leute ärgern«, verrät Stefan Kurz jetzt. Es macht ihm nach eigenen Angaben nichts aus, dass er als 65-Jähriger laut Gesetz nicht mehr für den hauptamtlichen Bürgermeisterposten kandidieren darf.

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»Ab einem gewissen Alter bist du einfach nicht mehr so belastbar«, sagt Stefan Kurz und bezieht das auch auf sich selbst. »Empfindlicher« sei er geworden, was man aber als Rathauschef nicht sein dürfe. Besonders die letzten vier oder fünf Jahre, in denen im Gemeinderat auch heftig über das Königsseer Hotelprojekt gestritten wurde, hätten ihn stark belastet. »Früher wäre ich da cool geblieben – das geht jetzt nicht mehr«, erklärt Stefan Kurz nachdenklich.

Beim Hotelprojekt Fehler gemacht

Überhaupt denkt Stefan Kurz noch oft an das gescheiterte Hotelprojekt. Schließlich war es der heftigste Rückschlag, den der Gemeindechef in seiner 30-jährigen Dienstzeit verkraften musste. Und das ausgerechnet wenige Monate vor seinem Ruhestand. »Das Hotel wäre so wichtig gewesen für die Gemeinde und die Region«, sagt Stefan Kurz und fügt an: »Das hat weh getan.« Eine Teilschuld sieht der 65-Jährige auch bei sich. »Ich schließe nicht aus, dass ich hier Fehler gemacht habe. Vielleicht hätte man die Öffentlichkeit noch mehr einbinden müssen.«

Doch Stefan Kurz ist auch überzeugt, dass am Königssee irgendwann ein Hotel entstehen werde. »Ich traue meinem Nachfolger Hannes Rasp zu, dass er das Projekt wieder aufgreift. Es muss dort auch etwas geschehen, denn das ist ja kein Zustand«. Überhaupt ist Stefan Kurz, was die Regelung seiner Nachfolge im Rathaus betrifft, »der glücklichste Mensch«. Schließlich übernimmt mit Hannes Rasp sein Wunschkandidat die Amtsgeschäfte. Rasp begann seine Ausbildung im Gemeindeamt in dem Jahr, indem Stefan Kurz Bürgermeister wurde. Nach dreijähriger Ausbildungszeit begann er die Ausbildung für den gehobenen Dienst. »Ich hatte damals dieselbe Ausbildung. Und das war für meine Tätigkeit als junger Bürgermeister ein großer Vorteil«, blickt Stefan Kurz zurück. Deshalb hat er volles Vertrauen in seinen Nachfolger Hannes Rasp und verspricht: »Ich mische mich jetzt und auch künftig nicht mehr ein.«

Für den Garten und für die Familie da

Tatsächlich will Stefan Kurz einen Schlussstrich unter jedes politische Engagement ziehen. Die frei werdende Zeit will er im eigenen Garten und mit der Familie verbringen. »Bisher haben meine Mitarbeiter meinen Terminkalender verwaltet – künftig macht das meine Frau«, sagt Kurz und lacht. Auch Urlaubsreisen will er jetzt mehr als bisher machen. »Ich war in den letzten 30 Jahren ja meist nur eine Woche, maximal zehn Tage weg«, sagt Kurz nachdenklich. Jetzt will er einfach nur noch das machen, wozu er Lust hat: Skifahren, Berggehen, Tennisspielen.

Immerhin musste all das in den vergangenen Jahrzehnten zurückstehen. Stefan Kurz galt als Vollblutpolitiker, der für seine Arbeit lebte. Fleißig und extrem zielstrebig ging er Projekte an, die er sich in den Kopf gesetzt hatte. Er war ein Meister im Beseitigen bürokratischer Hürden, tat sich allerdings schwer mit der Akzeptanz von Gegenargumenten. So werfen ihm Gegner einen autoritären Führungsstil und fehlende Kompromissbereitschaft vor. Zuletzt hatte sich Kurz mit der Triftplatzbebauung einen Affront gegenüber dem Marktgemeinderat Berchtesgaden geleistet. Andererseits konnte die Gemeinde Schönau am Königssee mit dem Millionengeschäft aus dem Grundstücksverkauf unter anderem das Schornbad sanieren. Eine kühle Rechnung, mit der Stefan Kurz ein weiteres Mal polarisierte.

Fünfmal deutlicher Wahlsieger

Die Bürgerinnen und Bürger von Schönau am Königssee stärkten ihrem geselligen Bürgermeister, der bei Gemeindefesten zumeist zu den ersten und letzten Gästen zählte, stets den Rücken. Bei fünf Kommunalwahlen holte Kurz mindestens zwei Drittel der Stimmen – meist noch deutlich mehr. Damit würdigten die Wählerinnen und Wähler auch den Einsatz des Rathauschefs für den hiesigen Tourismus. Zwölf Jahre lang stand Kurz an der Spitze des Zweckverbands Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee. Durch den von ihm angeregten Sparkurs verringerte sich der Schuldenstand des Verbands von 17 auf 4 Millionen Euro. Das Verdienst des Politikers ist es auch, dass die touristische Landkreisvermarktung heute unter einem Dach passiert. Zusammen mit Angers Bürgermeister Sylvester Enzinger hatte Stefan Kurz die Gründung der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH angestoßen. Und schließlich war auch der Ankauf der Jennerbahn eine Idee des Bürgermeisters. Am Jenner ist bekanntlich mit der Errichtung der Beschneiungsanlagen und des Trainingszentrums Krautkaser viel passiert. Ein Bahnneubau aber konnte vor allem wegen schwieriger Grundstücksverhandlungen bis heute nicht realisiert werden. Kurz räumt ein: »Den Neubau hätte ich wenigstens noch gerne eingeleitet.« Dafür durfte Kurz die Gründung einer Musikkapelle in der Gemeinde noch als Bürgermeister miterleben. »Das hat mich riesig gefreut«, bekräftigt der Rathauschef, der die Musikkapelle der Freiwilligen Feuerwehr auch schon einige Male dirigieren durfte.

»Von der Erziehung her eher bestimmend«

Der Bau des Veranstaltungssaals im Gasthof »Unterstein«, der Bauhof-Neubau, die Erneuerung der gemeindlichen Wasserleitungen und der Anschluss fast aller Gebäude an das Kanalnetz sind weitere Projekte, die in die Amtszeit von Bürgermeister Stefan Kurz fielen. Stefan Kurz ist überzeugt, dass manche Projekte nicht hätten realisiert werden können, »wenn ich nicht so zielstrebig an die Sachen herangegangen wäre«. Dabei kennt der 65-Jährige den Vorwurf des »diktatorischen Führungsstils«. Kurz räumt ein, dass ihm diese Charaktereigenschaft vielleicht auch manchmal geschadet habe. »Aber ich hätte mich nicht ändern können. Ich bin halt von der Erziehung her eher bestimmend.«

Ein letztes Mal als Gemeindechef bestimmen darf Stefan Kurz am 30. April im Gasthof »Unterstein«. Im Rahmen einer Gemeinderatssitzung mit allen Gemeindemitarbeitern wird der Noch-Bürgermeister die ausscheidenden Gemeinderäte verabschieden, eine Rückschau auf seine 30-jährige Dienstzeit halten und die Amtskette an Hannes Rasp übergeben. Während der sich seine Lorbeeren noch verdienen muss, darf sich Stefan Kurz fortan entspannen und auf sein Lebenswerk zurückblicken. Und das verdient durchaus Respekt. Ulli Kastner