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Der nächste Bär wird kommen

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Viele Menschen können sich einen großen Beutegreifer wie den Bären nur noch im Zoo – wie hier in Hagenbecks Tierpark in Hamburg – vorstellen. (Foto: Bittner)

Berchtesgaden – Es sind keine Kuscheltiere, über die Manfred Wölfl vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) zum Abschluss der Winter-Vortragsreihe im »Haus der Berge« referierte. Bär, Wolf und Luchs sind freilich nichts für den Vorgarten und erst recht nichts fürs Haus wie Hund oder Katze. Doch nicht einmal in der immer kleiner werdenden »Wildnis« besitzt das Großtier-Trio bei vielen Menschen eine Lobby. In den letzten 150 Jahren fast vollständig aus unseren Breiten »entfernt«, sind sie jedoch wieder im Kommen. Langsam, aber stetig. Im Berchtesgadener Land rührt sich »noch« nichts, doch »es ist nur eine Frage der Zeit, wann beispielsweise auch hier der erste Bär eintrifft«, bestätigt Jochen Grab, Diplom-Forstwirt vom Nationalpark Berchtesgaden.


Die große, nicht zu beantwortende Frage wird dann ziemlich sicher sein, wie mit einem »neuen Bruno« umzugehen ist. Jeder hierzulande weiß, wie das Leben von »JJ1«, so die lieblos-offizielle Bezeichnung für ein Lebewesen – »das scheinen viele oft zu vergessen«, so Wölfl – am 26. Juni 2006 endete. Bruno wagte es, den Freistaat zu betreten und landete erschossen und ausgestopft im Münchner Museum »Mensch und Natur«, vorwurfsvoll als Räuber von Bienenwaben dargestellt. So will es der Besucher offenbar sehen. »Dabei war er einfach nur seiner Nase gefolgt«, so Manfred Wölfl, und damit seinem Instinkt, niemals einer räuberischen Boshaftigkeit. Dieses »Privileg« gehört allein dem willensfreien Menschen.

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Der Referent stößt auf Unverständnis, wenn er den Städten und Gemeinden ein neues Müll-Management vorschlägt: »Acht Jahre sind seit Bruno vergangen, getan hat sich in dieser Zeit nichts. Wir reden erst wieder über das Problem, wenn der nächste Bär bei uns auftaucht. Das wird passieren, soviel steht fest. Und mit Luchs und Wolf verhält sich das nicht anders«, so Wölfl. An den zu diesen Themen in seinen Augen oft polarisierenden Medien lässt er kein gutes Haar. Die Sensationsgier und das Wittern von »geilen Storys« stehe allzu oft im Fokus. Wölfl weiß dabei aber: »Diese Art der Berichterstattung kann es nur geben, wenn der Markt dafür vorhanden ist«. Somit müsse sich wieder jeder einzelne Boulevard-Konsument an die eigene Nase fassen.

Pauschallösungen unmöglich

Bruno war seit über 170 Jahren der erste Braunbär, der in Deutschland in freier Wildbahn auftrat. Der letzte war 1835 in Ruhpolding erlegt worden. Bruno ist unter anderem als von der Politik zum »Problembär« stilisiert in den Köpfen der Menschen verankert. Nicht wie sein Kollege aus Italien, M13, der den gleichfalls unsinnigen Beinamen »Risikobär« erhielt. Erlegt im Februar 2013, nachdem er im Oktober 2012 in einer Nacht- und Nebelaktion unter anderem das zweijährige Bienenhaus-Projekt einer Schule im schweizerischen Poschiavo zerstörte. Schulleiter Franco Compagnoni bezeichnete M13 als »gefährlichen Räuber«.

Ähnlich geht es vielen Menschen hierzulande, die in Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger einen energischen Fürsprecher nach dem Referat von Manfred Wölfl hinter sich wussten. »Wir sagen ganz klar Nein«, so Stanggassinger, der sich gegen ein »Mensch und Wildtier« und somit die »Wiederansiedlung« oder »Verbreitung« der drei großen Beutegreifer in der Region aussprach. Weil er die Almwirtschaft, die von »seinen Leuten« im Nebenerwerb betrieben wird, gefährdet sieht. »Wenn wir jetzt wieder mit diesen Dingen anfangen, können wir gleich aufhören und die Almen zuwuchern lassen«, so Stanggassinger.

Wölfl reagierte diplomatisch: »Es ist ein schwieriges Thema, keine Frage. Es gibt keine Pauschallösungen«, bestätigte der Diplom-Biologe, aber »darüber reden hilft«. Es müsse kein reines »entweder« und kein reines »oder« sein. Das Landesamt für Umwelt würde die Almbauern beraten und unterstützen, versicherte der Oberpfälzer.

Schutzhunde zu teuer

Wölfl zeigte in seinem Vortrag über Rahmenbedingungen und Perspektiven im Management von Luchs, Wolf und Bär in Bayern zahlreiche Bilder mit gerissenen landwirtschaftlichen Nutztieren. Exemplarisch stehen sieben Bauern betroffen rund um ein totes Schaf mit durchtrenntem Hals. Eine Besucherin fragte, wie betroffen tote Tiere auf unseren Tellern machen, Lämmer, die nur sechs Monate leben durften, Geflügel aus Legebatterien und vieles mehr. Die Menschen sind – wie bei so vielen Themen – erwartungsgemäß gespalten. Eine allgemeine Lösung ist vermutlich nie erreichbar: »Wir können nur Lösungsansätze bieten, versuchen die Probleme zu minimieren, uns anzunähern und wenn möglich, Konflikte zu vermeiden«, weiß Wölfl, der sich von beiden Seiten sehr viel mehr Diplomatie wünscht und dabei stets die Interessen des Artenschutzes, der Staatsforste, der Waldbauern, Landwirte und Jäger im Auge hat. Er unterbreitete unter anderem den Vorschlag, Schaf-, Rinder- oder sonstige Herden mit Herdenschutzhunden zu schützen: »Das können wir uns für die kurze Zeit des Almsommers nicht leisten«, so ein betroffener Landwirt: »Wir müssen die Hunde schließlich auch im Winter füttern, impfen lassen und vieles mehr«. Mit den vom Staat angebotenen Ausgleichszahlungen sei das jedenfalls nicht zu stemmen.

Das Landesamt für Umweltschutz wertet in dreistufigen SCALP-Kriterien: Nachweise, also Fakten, überprüfte Hinweise sowie nicht überprüfte beziehungsweise nicht überprüfbare Hinweise. »Wir müssen hier sehr sorgfältig handeln«. Wölfl riet den Zuhörern, nicht allen »Marktschreiern, die glauben, irgendwas Wichtiges gesehen zu haben«, blindlings hinterherzulaufen. Sogenannte Fotofallen dienen gerade bei Luchsen, die individuelle Fellzeichnungen aufweisen, bestens zur exakten Bestimmung des Bestands: Zwischen Anfang Mai 2013 und Ende April 2014 wurden in Bayern fünf Luchsfamilien mit acht Jungtieren registriert. Im registrierten mittel-europäischen Raum sind es 61 unabhängige Luchse, 1 000 wären nötig, um genetisch zu überleben. Die ohnehin sehr kleine Population stagniert. Luchse werden abgeschossen, vergiftet oder überfahren und sterben hierzulande eher selten eines natürlichen Todes.

Für Bär, Luchs und Wolf reicht der Platz nicht

Wölfl: »Wer den Luchs liebt, schert sich nicht um das Reh. Wer das Reh mag, lehnt den Luchs ab«. Das traurige Fazit trifft genauso auf die Kollegen Bär und Wolf zu. Ein Wolf legt bis zu 50 Kilometer pro Nacht zurück und schert sich nicht um die ihm – vom Menschen womöglich »großzügig anerkannten« – Schutzgebietsgrenzen einzelner Nationalpark-Regionen. Der Luchs ist kein Wanderer und bleibt in seinem Territorium. Der Bär streunt gern.

Der Platz reicht offensichtlich nicht mehr für Bär, Luchs und Wolf. »In den Berchtesgadener Nationalpark würden gerade mal eineinhalb Luchse passen«, sagt Wölfl. Eine dauerhafte Luchsanwesenheit wäre nur mit einvernehmlichen Kompromissen im Zusammenleben von Mensch und Luchs möglich. Der geregelte Umgang, ein »Management«, das sowohl die Bedürfnisse und Ansprüche der betroffenen Menschen berücksichtigt als auch dem Tier genügend Lebensmöglichkeiten einräumt, ist das Ziel. Ein Ziel, hervorgerufen durch die Tatsache, dass der Mensch letztlich schon zu viel zerstört hat. Hans-Joachim Bittner