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Der Naturfreund als Zahlmeister

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Ein Duo, das neben der Naturschönheit des Nationalparks auch die wirtschaftliche Komponente schätzt: Nationalparkleiter Dr. Michael Vogel (r.) und Prof. Hubert Job. (Foto: Meister)

Berchtesgaden – Ein Nationalpark bringe nichts und vertreibe eher die Touristen, hätten viele einheimische Befragte laut einer im Jahr 2001 begonnenen Studie gesagt. So leitete Nationalpark-Chef Dr. Michael Vogel den Informationsabend im »Haus der Berge« ein und übergab das Wort an Prof. Hubert Job, der in den folgenden gut zwei Stunden klarmachen wollte, dass ein Nationalpark, und insbesondere der Berchtesgadener, eine nicht nur durch viele Vorschriften gehemmte Naturschönheit, sondern für die Region ein erheblicher Wirtschaftsfaktor sei. Für den Nationalpark Berchtesgaden verkündete er einen Gesamtumsatz von 93,8 Millionen Euro im Jahr 2014.


Eine Unmenge Zahlen, teilweise in grafischen Kurven, Säulen oder Kreisabschnitten verpackt oder in Tabellen gereiht, hatte Prof. Job, Inhaber des Lehrstuhls für Geographie und Regionalforschung an der Universität Würzburg, parat. Anschließend an den Vortrag wollten Touristiker wissen, wie und mit welchem Schlüssel man beispielsweise den potenziellen Tagestouristen stärker zur Kasse bitten könne und andere, ob man nachgewiesen erfolgreiche Biosphärenkonzepte nicht einfach auf Nationalparke übertragen könne. Vage fiel die Antwort aus auf die Frage, inwieweit sich der Schutzstatus auf die Besucherzahlen auswirke oder andersherum: Wie viel würden kommen, um die Natur ohne Nationalpark zu genießen? Auch ein Universitätsprofessor weiß dies nicht und schon gar nicht alles und gab sich charmant bedeckt.

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Wenn ein Besucher komme, gebe er Geld aus, sagte Prof. Hubert Job. Der Übernachtungsgast wesentlich mehr als der Tagestourist, aber beide Gruppen trügen erheblich zu einer beachtlichen Einnahme bei. Dies treffe für alle inzwischen 16 deutschen Nationalparkstandorte zu, wobei sich Berchtesgaden als einziger Alpennationalpark statistisch gut in der Spitzengruppe etabliert habe. Auch weil sich der Begriff Nationalpark mittlerweile fest in den Köpfen der Gäste festgesetzt habe und einem großen Prozentsatz unter den Besuchern sogar zum Reizwort für die Standortwahl des Urlaubes oder mindestens für einen Ausflug dorthin geworden sei. Knapp 28 Prozent der Gäste des Berchtesgadener Landes kämen gezielt nach Berchtesgaden wegen des Nationalparks, sagte Prof. Job.

Im Jahr 2014 habe man dort 1,6 Millionen Besucher gezählt, wobei es mehr als 75 Prozent Übernachtungsgäste in die besondere Natur zog und der Rest als Tagesbesucher kam. Dabei teilen sich die Tagesgäste in gut 42 Prozent Österreicher, knapp 16 Prozent andere Ausländer und letztlich deutsche Bürger auf.

Alle gemeinsam sorgten für erhebliche Einkommenswirkungen durch den Nationalpark. Wie bringt der Gast nun sein Geld? Er isst und trinkt natürlich, wobei nicht nur die Gastronomen verdienen, sondern auch die jeweiligen Zulieferer. Er mietet sich im Idealfall eine Unterkunft, er sitzt auf Stühlen, die ein Schreiner, möglichst aus der Region, hergestellt hat, aus dem Holz, das ein idealerweise ortsansässiges Unternehmen lieferte. Letztlich, so der Vortragende, verdankt man dem Nationalpark für das Jahr 2014 einen Bruttoumsatz von fast 94 Millionen Euro. Was einem Nettoumsatz, abzüglich der Mehrwertsteuer, von gut 84 Millionen Euro entspricht.

Berücksichtigt man die Vorleistungen in Höhe von gut 52 Millionen Euro, kommt der Statistiker auf ein direktes Einkommen von rund 31,6 Millionen und ein indirektes von knapp 16 Millionen Euro. Alles zusammengenommen ergibt das ein Gesamteinkommen von 47,5 Millionen Euro. »Der Nationalpark ist nicht nur für den Naturschutz gut«, kommentierte Prof. Hubert Job diese Zahlenreihe.

Um den Gast, insbesondere den Nationalparkbesucher, zum Einzahler in das regionale Einkommenssystem zu bringen, muss er selbstverständlich erst einmal anreisen, für mindestens einen Tag und am liebsten länger. Die ermittelten und von Job übermittelten Werte sagen bei der Reisemotivation aus, dass fast 74 Prozent der Gäste über die besondere Schutzfunktion der Berchtesgadener Landschaft im Bilde waren, nahezu jeder wusste, dass es den Nationalpark Berchtesgaden gibt. Wichtig war dabei auch die Feststellung, dass die Existenz des Nationalparks Berchtesgaden für 9,6 Prozent der Befragten eine sehr große und für 28,3 Prozent noch eine große Rolle bei der Wahl des Reiseziels spielte.

Knapp 11 000 Interviews brachten am Ende Zahlen zusammen, die mindestens für die Touristikbranche durchaus eine gewisse Zufriedenheit auslösen könnten. Der Nationalparkbesucher, der diesen von einem zeitweiligen Quartier im Berchtesgadener Land aus erschließen will, lässt sich dieses Vergnügen täglich im Durchschnitt 73,40 Euro kosten. Immerhin lässt der Tagestourist bei seiner »Ausreise« aus der Region in der Regel 15,40 Euro zurück. Eine Summe, die durchaus Steigerungspotenzial hätte, wenn die Macher der Region mehr Angebote bereitstellten, die zum bereitwilligen Öffnen der Geldbörsen animierten. Dieter Meister

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